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Hans Magnus Enzensberger : Das Marmorierte im Menschen

Vexierspiel mit der eigenen Biographie: Hans Magnus Enzensberger Bild: Picture-Alliance

Im Gespräch mit seinem jüngeren Ich: Hans Magnus Enzensbergers Erinnerungen an die sechziger Jahre sind höchster Literaturgenuss und ein Meisterstück der Ironie.

          Dieses Buch ruft ständig den Satz eines anderen Dichters in Erinnerung: „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“ Das, was Brecht 1927 im Gedicht „Vom armen B. B.“ feststellte, das bekräftigt Hans Magnus Enzensberger in seinem neuen Buch „Tumult“ für sich selbst mit Lust. Eine Kostprobe? Lieber gleich zwei, drei. Zum Beginn der Studentenproteste im Jahr 1967 schreibt Enzensberger lapidar: „Ich war nicht dabei. Ich war wieder einmal woanders.“ Wenig später heißt es: „Ich habe das meiste vergessen und das Wichtigste nicht verstanden.“ Und: „Mehr als eine Nacht hinter Gittern habe ich nicht vorzuweisen. Einen deutlicheren Beweis für meine Harmlosigkeit kann es kaum geben.“ Warum sollten uns die Erinnerungen eines Mannes an die sechziger Jahre interessieren, der abwesend, unverständig und harmlos war und unverändert zu sein behauptet?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Weil er all das nicht war oder ist. Es war Enzensberger, zu dem sich Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin mit Andreas Baader 1970 aufmachten, nachdem sie diesen gerade gewaltsam befreit und damit den Geburtsakt der RAF vollzogen hatten - der Hausherr wies ihnen die Tür mit Verweis darauf, dass er polizeilich überwacht werde. Es war Enzensberger, in dessen Wohnung 1967 die Kommune 1 ihr erstes Domizil fand - der Hausherr weilte auf Reisen in Italien. Es war Enzensberger, der als einziges deutsches Mitglied einer internationalen Schriftstellerdelegation 1963 ins Ferienquartier des sowjetischen Staatschefs Nikita Chruschtschow eingeladen wurde - der Hausherr erwies sich als schlichtes Gemüt, wie sein alles andere als schlichter Besucher in einem beispiellosen Kabinettstück der Porträtkunst festgehalten hat.

          Doch all dies, so beteuert Enzensberger jedes Mal, widerfuhr ihm ohne eigenes Zutun, auch „daß ich aus reinem Zufall, um nicht zu sagen aus Versehen, bei Chruschtschow in seiner Sommerresidenz zu Gast war“.

          Hans Magnus im Glück

          Zufall aber ist bei Enzensberger gar nichts. Spätestens seit er 1963 als erst Dreiunddreißigjähriger den Büchnerpreis zugesprochen bekam, ist er eine maßgebliche Stimme nicht nur der deutschen Literatur, und diesen Status hat er durch nimmermüde publizistische und auch politische Aktivitäten gestärkt, ohne dabei wie seine Generationsgenossen Günter Grass und Martin Walser allzu forciert vorzugehen. Das widersprach dem Selbstverständnis dieses Gentleman-Versprechers. Zum Selbstverständnis Enzensbergers gehört aber durchaus die Rolle des Hans Magnus im Glück.

          Und das hat auch bei der Abfassung von „Tumult“ die Hände mit im Spiel gehabt. Im Buch erfahren wir, weshalb Enzensberger - „Ich will mir gar nicht alles merken, was mich betrifft“ - seine Erinnerungen an die sechziger Jahre nun doch veröffentlicht hat: weil das Material schon da war, nur lag es vergessen im Münchner Keller. „Zwischen Weinregal und Werkzeugkasten dämmerten einige Pappschachteln vor sich hin. Ich öffnete sie auf der Suche nach irgendeinem alten Vertrag und stieß auf vergessene Briefe, Photos, Zeitungsausschnitte, liegengelassene Manuskripte.“ Darunter der Bericht vom Chruschtschow-Besuch, der schon allein den im selben Jahr erhaltenen Büchnerpreis gerechtfertigt hätte - wenn er denn nicht so lange „liegengelassen“ worden wäre.

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