15.03.2007 · Kommende Woche strahlt Sat.1 einen üppigen Zweiteiler über Heinrich Schliemann aus, der 1870 Troja und den „Schatz des Priamos“ fand. Es ist ein Film voller Abenteuer und Wirren. Aber das Leben Schliemanns war in Wirklichkeit noch weitaus aufregender. Von Dieter Bartetzko.
Von Dieter BartetzkoEs war im Morgengrauen des 15. Juni 1873, am vorletzten Tag der Grabungskampagne, als Heinrich Schliemann Metall in den Fugen einer Bastion von Troja blinken sah. Er kletterte näher, erkannte Gold und bat seine Frau Sophia, die Grabungsarbeiter unter einem Vorwand wegzuschicken. „In größter Eile schnitt ich den Schatz mit einem großen Messer heraus, was nicht ohne die allergrößte Kraftanstrengung und die furchtbarste Lebensgefahr möglich war; denn die große Festungsmauer drohte jeden Augenblick über mir einzustürzen. Aber der Anblick machte mich tollkühn, und ich dachte nicht an Gefahren.“
Tollkühn zu sein wie die Helden Homers, davon hatte schon das Kind geträumt, der Pfarrerssohn Schliemann, der im mecklenburgischen Neu-Bukow die „Ilias“ verschlang. So begeistert war er von den Mythen, dass er in jedem Hügel und Teich rund um Ankershagen, dem Dorf, wohin die neunköpfige Familie später gezogen war, kostbare Altertümer vermutete.
1854 und 1855 verdoppelte er sein Vermögen
Wirklich tollkühn aber musste dann der kleingewachsene Zwanzigjährige sein, der in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember vor der Insel Texel trieb, nachdem die Brigg „Dorothea“, auf der er angeheuert hatte, untergegangen war. Die Besatzung wurde nach neun Stunden gerettet. Schliemann, zuvor fünf Jahre Krämerlehrling in Fürstenberg, dann Handelsgehilfe in Hamburg, ging nach Amsterdam. Nach Hungerwochen fand er dort Anstellung in einem Kontor, lernte abends besessen Sprachen: Niederländisch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch und Russisch. Nur Altgriechisch, die Sprache Homers, die er sich in Fürstenberg von einem Bummelstudenten gegen Schnaps hatte rezitieren lassen, lernte er nicht.
In Amsterdam schien Schliemann seine Troja-Träume begraben zu haben. Er hoffte fiebrig auf eine Kaufmannskarriere, ging als Agent seiner Firma 1846 nach St. Petersburg, eröffnete einen Indigo-Handel, der ihn binnen eines Jahres zum Großkaufmann machte. Zwischen 1854 und 1855 verdoppelte er sein Vermögen dank Geldanleihen, mit denen er den Krimkrieg Russlands stützte; 1870 profitierte er auf gleiche Weise vom Deutsch-Französischen Krieg. Schon 1860 war er zehnfacher Millionär, beherrscht nun auch Neu- und Altgriechisch, hat die meisten antiken Stätten Europas bereist - und beschloss 1870, alle seine Firmen zu liquidieren, um endlich Troja auszugraben.
Sollte ich eine finden, nehme ich sie
Im selben Jahr schrieb er an Sergej, den mit schulischen Problemen kämpfenden Sohn aus seiner russischen Ehe: „In Amsterdam habe ich geleistet, was niemals jemand vorher vollbrachte noch in Zukunft vollbringen wird. Du solltest versuchen, Deinem Vater zu folgen, der stets bewies, was ein Mann allein durch eiserne Energie erreichen kann.“ Schliemann war kein Mann, der sein Licht unter den Scheffel stellte, weder als Kaufmann noch als Autor (sein dramatischer Bericht vom Schatzfund gilt heute als Fiktion) - und auch nicht als Liebender: Im Jahr 1869 eröffnete er seinem Vater neue Heiratspläne. Der Siebenundvierzigjährige hatte sich die zwanzigjährige Sophia Engastromenos aus einer Reihe von Fotografien ausgesucht, die ihm der Erzbischof von Griechenland geschickt hatte: „Ich kann nur mit einer Griechin glücklich werden - wenn sie Sinn für Wissenschaft hat, nur in dem Falle kann sie einen alten Mann lieben.“ Drastischer noch ein zweiter Brief: „In Griechenland habe ich den Vorteil, dass die Mädchen arm wie Ratzen sind. Sollte ich eine finden, die Hoffnung auf Nachkommenschaft lässt, nehme ich sie.“
Die Nachkommenschaft Sophia und Heinrich Schliemanns waren ein Sohn und eine Tochter, die sie Agamemnon und Andromache nannten. Die Ehe verlief nach anfänglicher Fremdheit sehr glücklich. Der bewegende Beweis dafür ist eine Fotografie, die Sophia Schliemann, geschmückt mit dem Gold Trojas, zeigt. Sie trägt auf dem Bild ein Diadem, das aus Tausenden Goldplättchen besteht, die ihre Stirn und die Schläfen bedecken. Ebenso opulente Kolliers umschlingen ihren Hals. Heinrich Schliemann, der seiner Frau die Kostbarkeiten kurz nach dem Finden anlegte, nannte sie, ergriffen weinend, „schön wie die trojanische Helena“.
Der „Schatz des Priamos“ in Moskau
Schilde, Prunkgefäße, Diademe, Armbänder, Ketten und Zeremonialäxte, insgesamt 8830 Objekte aus Gold, Elektron, Silber und Bronze - Schliemann war überzeugt, den „Schatz des Priamos“ gehoben zu haben: „Vermutlich hat jemand aus der königlichen Familie ihn in aller Eile in eine Kiste gepackt, ist aber auf der Mauer von Feindeshand oder vom Feuer erreicht worden und hat die Kiste im Stich lassen müssen, die sogleich fünf oder sechs Fuß hoch von der roten Asche und den Steinen des königlichen Hauses überschüttet wurde.“ Diese glutvolle Schilderung - sie ist nur eine von unzähligen - zeigt, dass Schliemanns Phantasie so unerschöflich war wie seine Energie. So blieb er auch unbeirrt, als Neider ihn verdächtigten, den Schmuck bei türkischen Goldschmieden bestellt zu haben, um endlich als Entdecker des wahren Troja anerkannt zu werden.
Spätere Forschungen ergaben, dass der Schatz echt ist, aber Hunderte von Jahren vor Homers Helden entstand. Schliemanns Priamos-Traum lebt trotzdem bis heute fort: Als er den Hort 1881 dem Deutschen Reich schenkte, wurde dieser als „Schatz des Priamos“ zum weltberühmten Mittelpunkt des Berliner Völkerkundemuseums. Unter diesem Namen schaffte die sowjetische Armee ihn nach Moskau, wo er jahrzehntelang verborgen blieb, derweil Berlin ihn als verschollen betrauerte. Als das Puschkin-Museum ihn 1996 endlich in einer Ausstellung präsentierte und für sich reklamierte, sprach alle Welt wie selbstverständlich wieder vom „Schatz des Priamos“.
Mit der Stoppuhr um Hissarlik
Nicht nur der Schatz, sondern alles, was Schliemann entdeckte, war das Ergebnis der schier übermenschlichen Kraft, mit der er an seinen Illusionen und an Homers Texten festhielt. Als er zwischen 1870 und 1873 den Hügel Hissarlik an der Dardanellenküste als Troja identifiziert hatte und mit 150 Arbeitern auszugraben begann, hätte er bald maßlos enttäuscht sein müssen. Denn er stieß zwar auf zyklopische Mauern, Türme und Tore, deren Schroffheit und Massivität Homers Schilderungen entsprachen. Aber sie umschlossen eine deprimierend kleine Siedlung. Einige wenige - wenn auch monumentale - Steinhäuser, enge verschlungene Gassen - das sollte das stolze Troja sein, das die Griechen zehn Jahre lang hatten bestürmen müssen, ehe es unterlag? Wo waren die feierlichen Tempel, die die Ilias feiert? Wo die königlichen Paläste? Wo hätten all die Adligen, die Kaufleute, Seeleute und Soldaten, Priester und Seherinnen leben sollen, von denen Homer erzählt?
Schliemann aber trotzte allen Zweifeln. So, wie ihn seine phänomenale Intuition wider das Urteil aller Kollegen, die den Hügel Bunarbashi favorisierten, Troja in Hissarlik hatte orten lassen, und so, wie er mit gezücktem Thermometer alle Wasserstellen des Hügels aufgesucht hatte, weil Homer eine eiskalte und eine heiße Quelle erwähnt, oder so, wie er mit der Stoppuhr Hissarlik im Trab umrundet hatte, weil die Ilias erzählt, der wutrasende Griechenführer Achill habe Trojas Hektor dreimal um die Festung gejagt, genauso unerschütterlich kletterte Schliemann 1874 auf den „Turm von Ilium“, den er ein Jahr zuvor ausgegraben hatte, schaute über die umgebenden kläglichen Fragmente hinweg und sah „keine erhabenere Lage als diese“.
Bevor Agamemnon in Staub zerfiel
Natürlich musste ein Mann wie er in die Knie sinken, als im Dezember 1876 in Mykene, der Burg des Agamemnon, wo er eine zweite Grabung eröffnet hatte, seine Arbeiter Gräber mit siebzehn goldüberhäuften Skeletten von Männern, Frauen und Kindern freilegten. Den Überresten eines auffallend großen Mannes nahm er eine goldene Gesichtsmaske ab und war mit Tränen in den Augen überzeugt, in das „majestätische Antlitz des Agamemnon“ zu blicken, das nur Minuten später „zu Staub zerfiel“.
Auch diese Schätze, heute der Stolz des griechischen Nationalmuseums, erwiesen sich als Besitz einer vorhomerischen Dynastie. Vieles übersah oder missverstand Schliemann, als er in Troja grub, in Mykene und dann in Tyrins, dem sagenhaften Fürstensitz des Nestor. Manches verdarb und vernichtete er sogar in seinem Übereifer. So opferte er unersetzliche hellenistische Bauten Neu-Ilions, jener Stadt also, die Alexander der Große auf den Trümmern Trojas gegründet hatte, für einen riesigen Graben, den er quer durch den Stadthügel trieb. Ihm ging es um die Schichtung der sieben Städte, die aufeinandergetürmt Hissarlik bildeten. Was er für die Stadt des Priamos gehalten hatte, so musste er sich später eingestehen, war eine weit ältere Stadt, für die er viele Reste des von ihm gesuchten Troja hatte wegräumen lassen.
Die Sensation von Europa und Amerika
Trotzdem war Schliemann keineswegs der Dilettant, gierige Schatzsucher und skrupellose Geschichtsverfälscher, als den ihn seine deutschen und europäischen Kollegen jahrzehntelang beschimpften. Ihm ist nicht nur die Entdeckung Trojas zu verdanken, sondern durch die Ausgrabungen in Mykene und Tyrins auch das Wissen um die zuvor unbekannte vorgriechische mykenische Kultur. Um ein Haar hätte Schliemann auch deren Vorläufer, die minoische Kultur, ans Tageslicht gebracht, die wir heute als Wiege Europas kennen. Denn vierzig Jahre vor Sir Arthur Evans, der als Entdecker von Knossos in die Geschichte einging, besuchte Schliemann diesen Palasthügel auf Kreta, identifizierte ihn als „Palast des Minos“ - und verzichtete auf eine Ausgrabung. Noch immer Kaufmann, war er empört über die exorbitante Summe, die der Besitzer des Hügels für das Grabungsrecht forderte.
Im Jahr 1890 - der prominente Mediziner Rudolf Virchow und der französische Gelehrte Emile Burnouf hatten längst, gefolgt von allen Archäologen, für ihn Partei ergriffen - gräbt Schliemann, assistiert von Wilhelm Dörpfeld, ein letztes Mal in Troja. Er besucht im Winter Neapel und bricht dort nach mehreren Ohrenoperationen auf offener Straße zusammen. Passanten streiten, wer den Transport des bescheiden gekleideten Mannes in ein Hospital bezahlen solle. Am Weihnachtstag stirbt er. Seine Beerdigung in Athen wird zum Staatsbegräbnis. Nun war er wirklich, was er 1870 seinem Sohn in maßloser und doch rührender Prahlerei geschrieben hatte: „als Archäologe die Sensation von Europa und Amerika“.
Mehr als hundert Jahre später verifizierte ein anderer deutscher Archäologe, Manfred Korfmann, Schliemanns Traum vom weitläufigen reichen Troja. Er fand heraus, dass Hissarlik zur Zeit der trojanischen Kriege nur die monumentale Akropolis einer Stadt gewesen war, die sich mit Mauern, Gräben und Häusern ringsum in die Ebene erstreckte. Auch Korfmann fehlte es nicht an Widersachern, die ihn als Phantasten abtaten.
Nestor
Johannes Fouquet (JFouquet)
- 15.03.2007, 16:04 Uhr