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Philosoph Tristan Garcia : Ist er der Denker der Stunde?

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Tristan Garcia, Schriftsteller und Philosoph Bild: Maia Flore/VU/laif

Der junge französische Philosoph Tristan Garcia wird für sein Buch „Das intensive Leben“ in Paris als intellektuelles Ereignis gefeiert. Warum eigentlich?

          In seinem Essay „Das intensive Leben“ untersucht der 1981 geborene französische Philosoph Tristan Garcia das moralische Lebensprinzip der modernen Gesellschaften. Es lautet für ihn nicht: „an die Arbeit gehen und der Forderung des Tages gerecht werden“ oder: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass es allgemeines Gesetz werde“. Garcia macht für die Moderne einen anderen Imperativ geltend. Ganz gleich, was und wie man lebt, ob revolutionär, fromm, vegan oder karnivor, das Entscheidende besteht immer darin, das Leben so intensiv wie möglich zu leben.

          Die Maxime der Moderne lautet (und sie ist darin unerbittlicher als jedes von außen auferlegte Gesetz): Lebe so, dass du das Leben in dir spürst! Sei sensibel, achtsam und schlurfe nicht als depressiver Schatten durch die Welt (wie die Helden Houellebecqs)! Lebe intensiv! Das gilt, laut Garcia, für die Rebellen des kommenden Aufstandes so gut wie für hirnlose Feierbiester, ja selbst für die Dschihadisten, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. „Die moderne Gesellschaft verspricht den Einzelnen nicht mehr ein anderes Leben oder ein seliges Jenseits, sondern lediglich das, was wir schon sind – mehr und besser. Was uns als erstrebenswertes Gut angeboten wird, ist eine Steigerung unserer Körper, eine Intensivierung unserer Freuden, unserer Liebesgefühle und Emotionen.“

          Spannung in der entzauberten Welt

          Der Grund für den Imperativ des intensiven Lebens liegt für Garcia in zwei Sachverhalten. Erstens gibt es in der Moderne, das heißt dort, wo dem Menschen keine Transzendenz mehr winkt, nichts als das kurze, prekäre Leben. Folglich muss man versuchen, es kontinuierlich zu intensivieren. Am besten, indem man dessen innere Elektrizität beschwört. Garcia erkennt in der „fée électricité“ das emblematische Bild der Spannungs-Suche in der entzauberten Welt. Zweitens – das folgt aus der aufgeklärten Normenpluralität – kann niemand niemandem verbindlich vorschreiben, was ein gutes oder ein schlechtes Leben ist. Moralvorschriften zu machen ist vormodern. Deswegen habe sich die Welt spätestens seit dem 18. Jahrhundert darauf geeinigt, nicht mehr ein transzendent fundiertes, normatives Modell des Lebens vorzugeben, sondern nur noch gut, das heißt: intensiv zu leben, was und wie auch immer.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Auf diese Weise sei die Intensität als permanent gesteigertes Selbstgefühl des Subjekts zum Prüfstein aller moralischen Werte geworden, im Boudoir des Marquis de Sade so gut wie im New Yorker CBGB. Sing the body electric! Verfehlen kann man das Leben nur dann, wenn sich das Gefühl des Mittelmäßigen und Routinierten einstellt, wenn die Lebensspannung gegen null geht und nichts als Leere bleibt: Burn-out, Demotivation, innere Verwahrlosung.

          Nun wäre Tristan Garcia kein Philosoph, wenn er beides gedanklich nicht aufeinander zu beziehen verstünde. Intensitätssuche und Depression gehören als dialektische Momente ein und desselben Paradigmas zusammen. Wenn das Leben nur noch aus Adrenalinkicks besteht, wird der Kick zur Routine und hebt sich selbst auf. In diesem Paradoxon entdeckt Garcia das Grundproblem des intensiven Lebens. „Wir alle, wie auch immer wir sind, fühlen deutlich, dass die verallgemeinerte Intensität, sobald sie in den Rang des Lebensgrundsatzes erhoben wird, keine andere Aussicht als unsere unvermeidliche, beinahe mechanische Erschöpfung bietet. Sie versetzt jeden individuellen oder kollektiven Organismus, der sich ihr vorbehaltlos hingibt, in eine vage Depression, eine langsame Verringerung der Erregung, eine zwangsläufige Aufhebung, die jedoch außer bei einem Zusammenbruch nie wirklich ein Ende findet.“

          Das ethische Bewusstsein im Kreuzfeuer

          Das Problem ist deutlich. Glücklicherweise hat Tristan Garcia auch die Lösung parat, und zwar in Gestalt einer Ethik, die Denken und Leben (oder Vernunft und Wunsch) geschickt miteinander verbindet und dabei zwei Klippen umschifft: die permanent drohende Erschöpfung erstens, den reaktionären Rückfall in die religiöse Vormoderne zweitens. „Wie soll man der Intensität des Lebens treu bleiben, ohne daraus entweder den absoluten Grundsatz des Lebens zu machen oder zu versuchen, sie aufzuheben oder sogar zu beenden? Unser ethisches Bewusstsein ist ins Kreuzfeuer geraten. Auf der einen Seite wird es durch die Erschöpfung all dessen erdrückt, was uns die Moderne als intensiv versprochen hatte, auf der anderen Seite wird es durch das Wiederauftreten der philosophischen und religiösen Verheißungen einer Auslöschung oder Sublimierung des illusorischen Lebens des Körpers eingeengt. Einerseits verurteilen wir uns zur Erschöpfung. Andererseits überlassen wir uns der geistigen Negation des Eigenwerts des Lebens.“

          Die Lösung des Problems wird im klugen Sowohl-als-auch beziehungsweise Weder-noch liegen. Intensität ja, aber bitte nicht so, dass gleich die Polizei und der Rettungswagen kommen müssen. Weder dürfen wir uns auf die vormoderne Einengung des intensiven Lebens einlassen noch auf Praktiken der Selbstzerstörung. Wir werden intensiv Spaß haben, zugleich aber klug mit unseren Kräften haushalten. Mit den Worten des Philosophen: „Die Kraft eines Lebens ist etwas sehr Heikles. Um sich so lange wie möglich lebendig zu fühlen, muss man sich auf den Kammlinien der Ideen und Empfindungen halten und erreichen, dem Taumel der Lebensbejahung nicht nachzugeben und auch nicht in den Abgrund der Lebensverneinung zu stürzen.“

          Interessant ist, was Garcia ausspart

          Das Interessante an dem 200-Seiten-Essay ist nicht seine Häkeldeckchen-Maxime: „Lebe intensiv, aber übertreib’ es nicht“. Und es ist auch nicht der philosophische Leichtsinn, der aus der Moderne, von Kant bis zu Zappa und T. Rex (!!), unter Absehung von sämtlichen Revolutionen, Kriegen und Zusammenbrüchen nichts als eine lange Suche nach Intensitäten macht. (Wer sich für eine historisch präzise Begriffsgeschichte interessiert, liest mit größerem Gewinn Erich Kleinschmidts 2004 erschienene Studie: „Die Entdeckung der Intensität. Geschichte einer Denkfigur im 18. Jahrhundert“.) Interessanter ist eher schon die Tatsache, dass Garcia in seinem Essay die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts radikal ausspart, unter anderem auch Bataille, Lacan, Klossowski und Lyotard, die die Frage der „Intensitäten“ erfunden und sie explizit auf die philosophische Tagesordnung gesetzt haben, und zwar im Namen einer Revolte gegen das entfremdete Leben oder die kapitalistische Zurichtung der Wünsche. Der erste Band des tumultuösen Nietzsche-Kolloquiums von 1972 in Cerisy-la-Salle trug den Titel „Intensités“.

          Interessant ist deswegen auch der Umstand, dass Tristan Garcias Essay mitsamt seiner Ausblendung der anarcho-libertären Tradition des Intensitäten-Denkens von den Pariser Medien als intellektuelles Ereignis gefeiert wird. Anders gesagt, von Bedeutung ist der Essay zuallererst als Symptom einer offensiv betriebenen Verdrängung.

          Die toten Wunschrevolutionäre

          Verabschiedet werden die toten Wunschrevolutionäre, die mit Marx, Freud und Nietzsche die bürgerliche Gesellschaft aushebeln wollten und dabei angeblich das propagierten, was Garcia den „Taumel der Lebensbejahung“ nennt. Er setzt ihm eine Alles-mit-Maßen-Ethik entgegen, die nicht mehr von neuen Wunschökonomien jenseits des Konsums träumt, sondern wunderbar zu Gegenwartsphänomenen wie Care-Ethik oder Work-Life-Balance passt, das heißt zur Lebenspraxis der bürgerlichen Mittelklassen. Im täglichen Konkurrenzkampf um Stellen und Posten suchen sie ihr Heil nicht mehr in der Revolution oder der religiösen Vormoderne, sondern in intensiv betriebener Selbstverbesserung und Selbstkontrolle, die vor dem psychischen und sozialen Absturz schützen soll.

          Vor dem Hintergrund dieser anderen Geschichte der „Intensitäten“, die den ungesagten blinden Fleck des Essays ausmacht, erschließt sich dessen symptomatische Bedeutung besser. Sie liegt nicht in der moralischen Trivialität, die vor den Folgen von Exzessen warnt, sondern in der Verdrängung genau jener politischen Wünsche und Lebenspraktiken, die mit dem Begriff „Intensitäten“ einmal verbunden waren. Was sich an dem Essay studieren lässt, ist die Umschrift von ehemals kapitalismuskritischen Theorien in Individualethik, das Umkippen des Anarcho-Linksradikalismus in das, was Gilles Châtelet als „Anarcho-Merkantilismus“ bezeichnet hat: „Intellektuelle Strömung, welche die Unterwerfung unter den Markt, nicht ohne Subtilität und spielerischen Witz, als die tatsächliche Verwirklichung und das notwendige Erwachsenwerden libertärer Ideen anpreist.“

          Garcias Essay lässt sich als Symptom dieses Umschlags lesen. Angesichts der Realitäten der französischen Gesellschaft – in den Banlieues toben Bandenkriege, pro Tag bringt sich ein überschuldeter Landwirt um, der Ausnahmezustand ist auf Dauer gestellt – wirken die Moralprobleme des maßvoll intensiven Lebens allerdings seltsam lebensfremd und ratlos. Politische Intensitäten speisen sich offenbar aus anderen Quellen als dem Selbstgefühl des achtsamen Subjekts.

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