http://www.faz.net/-gqz-8wxq7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 22.04.2017, 21:52 Uhr

Philosoph Tristan Garcia Ist er der Denker der Stunde?

Der junge französische Philosoph Tristan Garcia wird für sein Buch „Das intensive Leben“ in Paris als intellektuelles Ereignis gefeiert. Warum eigentlich?

von Clemens Pornschlegel
© Maia Flore/VU/laif Tristan Garcia, Schriftsteller und Philosoph

In seinem Essay „Das intensive Leben“ untersucht der 1981 geborene französische Philosoph Tristan Garcia das moralische Lebensprinzip der modernen Gesellschaften. Es lautet für ihn nicht: „an die Arbeit gehen und der Forderung des Tages gerecht werden“ oder: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass es allgemeines Gesetz werde“. Garcia macht für die Moderne einen anderen Imperativ geltend. Ganz gleich, was und wie man lebt, ob revolutionär, fromm, vegan oder karnivor, das Entscheidende besteht immer darin, das Leben so intensiv wie möglich zu leben.

Die Maxime der Moderne lautet (und sie ist darin unerbittlicher als jedes von außen auferlegte Gesetz): Lebe so, dass du das Leben in dir spürst! Sei sensibel, achtsam und schlurfe nicht als depressiver Schatten durch die Welt (wie die Helden Houellebecqs)! Lebe intensiv! Das gilt, laut Garcia, für die Rebellen des kommenden Aufstandes so gut wie für hirnlose Feierbiester, ja selbst für die Dschihadisten, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. „Die moderne Gesellschaft verspricht den Einzelnen nicht mehr ein anderes Leben oder ein seliges Jenseits, sondern lediglich das, was wir schon sind – mehr und besser. Was uns als erstrebenswertes Gut angeboten wird, ist eine Steigerung unserer Körper, eine Intensivierung unserer Freuden, unserer Liebesgefühle und Emotionen.“

Spannung in der entzauberten Welt

Der Grund für den Imperativ des intensiven Lebens liegt für Garcia in zwei Sachverhalten. Erstens gibt es in der Moderne, das heißt dort, wo dem Menschen keine Transzendenz mehr winkt, nichts als das kurze, prekäre Leben. Folglich muss man versuchen, es kontinuierlich zu intensivieren. Am besten, indem man dessen innere Elektrizität beschwört. Garcia erkennt in der „fée électricité“ das emblematische Bild der Spannungs-Suche in der entzauberten Welt. Zweitens – das folgt aus der aufgeklärten Normenpluralität – kann niemand niemandem verbindlich vorschreiben, was ein gutes oder ein schlechtes Leben ist. Moralvorschriften zu machen ist vormodern. Deswegen habe sich die Welt spätestens seit dem 18. Jahrhundert darauf geeinigt, nicht mehr ein transzendent fundiertes, normatives Modell des Lebens vorzugeben, sondern nur noch gut, das heißt: intensiv zu leben, was und wie auch immer.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

Auf diese Weise sei die Intensität als permanent gesteigertes Selbstgefühl des Subjekts zum Prüfstein aller moralischen Werte geworden, im Boudoir des Marquis de Sade so gut wie im New Yorker CBGB. Sing the body electric! Verfehlen kann man das Leben nur dann, wenn sich das Gefühl des Mittelmäßigen und Routinierten einstellt, wenn die Lebensspannung gegen null geht und nichts als Leere bleibt: Burn-out, Demotivation, innere Verwahrlosung.

Nun wäre Tristan Garcia kein Philosoph, wenn er beides gedanklich nicht aufeinander zu beziehen verstünde. Intensitätssuche und Depression gehören als dialektische Momente ein und desselben Paradigmas zusammen. Wenn das Leben nur noch aus Adrenalinkicks besteht, wird der Kick zur Routine und hebt sich selbst auf. In diesem Paradoxon entdeckt Garcia das Grundproblem des intensiven Lebens. „Wir alle, wie auch immer wir sind, fühlen deutlich, dass die verallgemeinerte Intensität, sobald sie in den Rang des Lebensgrundsatzes erhoben wird, keine andere Aussicht als unsere unvermeidliche, beinahe mechanische Erschöpfung bietet. Sie versetzt jeden individuellen oder kollektiven Organismus, der sich ihr vorbehaltlos hingibt, in eine vage Depression, eine langsame Verringerung der Erregung, eine zwangsläufige Aufhebung, die jedoch außer bei einem Zusammenbruch nie wirklich ein Ende findet.“

Das ethische Bewusstsein im Kreuzfeuer

Das Problem ist deutlich. Glücklicherweise hat Tristan Garcia auch die Lösung parat, und zwar in Gestalt einer Ethik, die Denken und Leben (oder Vernunft und Wunsch) geschickt miteinander verbindet und dabei zwei Klippen umschifft: die permanent drohende Erschöpfung erstens, den reaktionären Rückfall in die religiöse Vormoderne zweitens. „Wie soll man der Intensität des Lebens treu bleiben, ohne daraus entweder den absoluten Grundsatz des Lebens zu machen oder zu versuchen, sie aufzuheben oder sogar zu beenden? Unser ethisches Bewusstsein ist ins Kreuzfeuer geraten. Auf der einen Seite wird es durch die Erschöpfung all dessen erdrückt, was uns die Moderne als intensiv versprochen hatte, auf der anderen Seite wird es durch das Wiederauftreten der philosophischen und religiösen Verheißungen einer Auslöschung oder Sublimierung des illusorischen Lebens des Körpers eingeengt. Einerseits verurteilen wir uns zur Erschöpfung. Andererseits überlassen wir uns der geistigen Negation des Eigenwerts des Lebens.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Majas Welt

Von Tilman Spreckelsen

Wenn Zwölfjährige in gelb-schwarz gestreiften Kostümen gegen das Insektensterben kämpfen müssen: Die Honigbiene hat nicht nur einen eigenen Welttag, sondern ist auch Thema von Bestsellern und Kinderbüchern. Mehr 4