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Veröffentlicht: 22.04.2017, 21:52 Uhr

Philosoph Tristan Garcia Ist er der Denker der Stunde?


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Die Lösung des Problems wird im klugen Sowohl-als-auch beziehungsweise Weder-noch liegen. Intensität ja, aber bitte nicht so, dass gleich die Polizei und der Rettungswagen kommen müssen. Weder dürfen wir uns auf die vormoderne Einengung des intensiven Lebens einlassen noch auf Praktiken der Selbstzerstörung. Wir werden intensiv Spaß haben, zugleich aber klug mit unseren Kräften haushalten. Mit den Worten des Philosophen: „Die Kraft eines Lebens ist etwas sehr Heikles. Um sich so lange wie möglich lebendig zu fühlen, muss man sich auf den Kammlinien der Ideen und Empfindungen halten und erreichen, dem Taumel der Lebensbejahung nicht nachzugeben und auch nicht in den Abgrund der Lebensverneinung zu stürzen.“

Interessant ist, was Garcia ausspart

Das Interessante an dem 200-Seiten-Essay ist nicht seine Häkeldeckchen-Maxime: „Lebe intensiv, aber übertreib’ es nicht“. Und es ist auch nicht der philosophische Leichtsinn, der aus der Moderne, von Kant bis zu Zappa und T. Rex (!!), unter Absehung von sämtlichen Revolutionen, Kriegen und Zusammenbrüchen nichts als eine lange Suche nach Intensitäten macht. (Wer sich für eine historisch präzise Begriffsgeschichte interessiert, liest mit größerem Gewinn Erich Kleinschmidts 2004 erschienene Studie: „Die Entdeckung der Intensität. Geschichte einer Denkfigur im 18. Jahrhundert“.) Interessanter ist eher schon die Tatsache, dass Garcia in seinem Essay die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts radikal ausspart, unter anderem auch Bataille, Lacan, Klossowski und Lyotard, die die Frage der „Intensitäten“ erfunden und sie explizit auf die philosophische Tagesordnung gesetzt haben, und zwar im Namen einer Revolte gegen das entfremdete Leben oder die kapitalistische Zurichtung der Wünsche. Der erste Band des tumultuösen Nietzsche-Kolloquiums von 1972 in Cerisy-la-Salle trug den Titel „Intensités“.

Interessant ist deswegen auch der Umstand, dass Tristan Garcias Essay mitsamt seiner Ausblendung der anarcho-libertären Tradition des Intensitäten-Denkens von den Pariser Medien als intellektuelles Ereignis gefeiert wird. Anders gesagt, von Bedeutung ist der Essay zuallererst als Symptom einer offensiv betriebenen Verdrängung.

Die toten Wunschrevolutionäre

Verabschiedet werden die toten Wunschrevolutionäre, die mit Marx, Freud und Nietzsche die bürgerliche Gesellschaft aushebeln wollten und dabei angeblich das propagierten, was Garcia den „Taumel der Lebensbejahung“ nennt. Er setzt ihm eine Alles-mit-Maßen-Ethik entgegen, die nicht mehr von neuen Wunschökonomien jenseits des Konsums träumt, sondern wunderbar zu Gegenwartsphänomenen wie Care-Ethik oder Work-Life-Balance passt, das heißt zur Lebenspraxis der bürgerlichen Mittelklassen. Im täglichen Konkurrenzkampf um Stellen und Posten suchen sie ihr Heil nicht mehr in der Revolution oder der religiösen Vormoderne, sondern in intensiv betriebener Selbstverbesserung und Selbstkontrolle, die vor dem psychischen und sozialen Absturz schützen soll.

Vor dem Hintergrund dieser anderen Geschichte der „Intensitäten“, die den ungesagten blinden Fleck des Essays ausmacht, erschließt sich dessen symptomatische Bedeutung besser. Sie liegt nicht in der moralischen Trivialität, die vor den Folgen von Exzessen warnt, sondern in der Verdrängung genau jener politischen Wünsche und Lebenspraktiken, die mit dem Begriff „Intensitäten“ einmal verbunden waren. Was sich an dem Essay studieren lässt, ist die Umschrift von ehemals kapitalismuskritischen Theorien in Individualethik, das Umkippen des Anarcho-Linksradikalismus in das, was Gilles Châtelet als „Anarcho-Merkantilismus“ bezeichnet hat: „Intellektuelle Strömung, welche die Unterwerfung unter den Markt, nicht ohne Subtilität und spielerischen Witz, als die tatsächliche Verwirklichung und das notwendige Erwachsenwerden libertärer Ideen anpreist.“

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Garcias Essay lässt sich als Symptom dieses Umschlags lesen. Angesichts der Realitäten der französischen Gesellschaft – in den Banlieues toben Bandenkriege, pro Tag bringt sich ein überschuldeter Landwirt um, der Ausnahmezustand ist auf Dauer gestellt – wirken die Moralprobleme des maßvoll intensiven Lebens allerdings seltsam lebensfremd und ratlos. Politische Intensitäten speisen sich offenbar aus anderen Quellen als dem Selbstgefühl des achtsamen Subjekts.

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