14.09.2007 · Die Pharmaindustrie definiert, wer krank und wer gesund ist, wie wir uns richtig ernähren und ob unsere sexuelle Lust normal ist. In einem spektakulären Sachbuch beschreibt die Journalistin Jacky Law die Mechanik der Pharma-Welt und den manipulierbaren Patienten.
Von Melanie MühlDieses Buch bringt den pharmazeutischen Komplex klarer auf den Begriff, als uns lieb sein kann. Dabei ist „Big Pharma“ kein Enthüllungsbuch. Enthüllungsbücher über mafiose Machenschaften der Pharmaindustrie gibt es viele. „Big Pharma“ geht es um die ruhige und in keiner einzigen Zeile sensationalistisch vorgetragene Frage, warum die Pharmaindustrie in der Lebensspanne eines einzelnen Menschen so ungeheure Macht gewonnen hat. Es geht um die Frage, wie alles zusammenhängt und sich gegenseitig stabilisiert: die Bequemlichkeit der Patienten, die Propaganda der Pharmahersteller, die Resignation der Kontrolleure. Mit anderen Worten: „Big Pharma“ ist der Versuch, auf der Grundlage gesicherter Daten das medikamentöse System in seiner soziologischen und sozialpsychologischen Verflochtenheit zu entschlüsseln.
Am Ende dieses faszinierenden Buches hat man verstanden, warum die Pharmabranche so tickt, wie sie tickt. Jacky Law, die britische Autorin, zieht uns mitten hinein in eine Welt der Imagination, in der wir erkennen, wie beweglich, wie manipulationsanfällig die Grenzen von Gesundheit und Krankheit sind.
Die Entdeckung von ADS
Das Gesundheitswesen ist ihr Lebensthema, schon seit fünfundzwanzig Jahren. Viele Jahre war die Wissenschaftsjournalistin Redakteurin beim „Scrip Magazine“, einer internationalen Zeitschrift, die den vernetzten Kosmos der Pharmaindustrie beleuchtet. Jetzt nimmt sie uns mit auf eine Reise zu den Schaltzentralen der Pharmazie. Sie bauscht dabei nicht auf, sie dramatisiert nicht und entfaltet genau dadurch eine ungeheure Wucht. „Big Pharma“ liest sich wie ein hartes Beispiel für das weiche Dauerthema: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Dem Innovationsdruck, der auf den Pillenherstellern lastet, wird in all seinen Verästelungen nachgegangen - bis hin zu einer aufklärerischen Analyse der für die Pharmabranche typischen Scheininnovationen: Medikamente werden als Neuheiten auf den Markt geworfen, doch tatsächlich treten sie nur im Gewand des Neuen auf. Bei Jacky Law erscheint all das als ein Anwendungsfall zu dem alten Menschheitsthema: Wie kommt das Neue in die Welt?
Zum Beispiel das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS). Die Geschichte beginnt im Jahr 1952. Der amerikanische Psychiaterverband publizierte damals die erste Ausgabe des „Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen“ (DSD). Dieses Handbuch charakterisierte 106 psychische Defekte. Zweiundvierzig Jahre später, 1994, zählte das Buch mehr als 300 Störungen. Eine Zahl, die beweist, wie sich die Muster der Krankheitswahrnehmung unaufhaltsam verschieben. Nachdem die großen tödlichen Infektionskrankheiten besiegt waren und die Lebenserwartung stieg, richtete die Medizin ihre Anstrengungen auf die chronischen Krankheiten und den Einfluss von Lebensführung und Umwelt. Die Zivilisations- und Modekrankheiten entwickelten sich zu Märkten für Blockbuster-Medikamente und spülen bis heute Milliardengewinne auf die Konten der Pharmariesen. Auf der Suche nach neuen Krankheiten wurde auch das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) entdeckt.
Verkaufte Sorglosigkeit
In den neunziger Jahren versiebenfachte sich die Zahl von Kinder und Jugendlichen, die unter einem ADS litten. Bei Erwachsenen, schreibt Jacky Law, sei ADS mittlerweile die psychische Störung mit der höchsten Zuwachsrate. Der renommierte amerikanische Rechtsanwalt Richard Scruggs war überzeugt, dass hier eine absurde Dynamik am Werk ist, bei der die Krankheit zugleich behandelt und am Leben gehalten wird. Er beschuldigte die Schweizer Pharmafirma Novartis, die damals das umsatzstärkste ADS-Medikament Ritalin herstellte, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom erfunden zu haben. Mit dem amerikanischen Psychiaterverband stecke Novartis unter einer Decke. Ihr Ziel: weit verbreitete Verhaltensmerkmale - wie die Schwierigkeit, sich längere Zeit zu konzentrieren - zu einem Krankheitsbild zu verdichten. Scruggs verlor die Klage. Dass es ADS tatsächlich gibt, setzte das Gericht als gegeben voraus. Novartis, entschied der Richter, produziere nur ein Medikament, das Ärzte verschreiben, Lehrer und Eltern befürworten und Kinder offenbar brauchen.
Was könnte man Novartis vorwerfen? Dass sich anscheinend, wie bei jedem Wirtschaftsunternehmen dieser Welt, alles um Profit dreht? Dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Schweizer versuchten möglichst viele Medikamente unters Volk zu bringen? Die Angst, dass mit unserem Körper etwas nicht stimmen könnte, ist das Kapital der Pharmaindustrie. Sie verkauft uns Sorglosigkeit. Die ADS-Affäre ist auch ein trauriges Beispiel dafür, wie sehr wir uns unserer Sehnsucht nach Patentrezepten ausliefern. Dabei lehrt uns die komplexe Lebenswirklichkeit, dass Patentrezepte eine Wunschvorstellung sind - wenn es um die Gesundheit geht, blenden wir diese Gewissheit aus.
Die Deutungshoheit über den Schmerz
Nichts sei so leicht, wie eine Pille zu schlucken, schreibt Jacky Law. Ausgerechnet der Schmerz, der vermeintlich für sich selbst spricht, an dem jede Deutung abzuprallen scheint - der Schmerz erweist sich oft als interpretationsabhängig. Und entsprechend beweglich sind die therapeutischen Strategien; sie variieren je nach Interessenlage der Pharmaindustrie. Jacky Law macht klar: Wer sagen möchte, welche Pille Wunder wirkt, der muss die Deutungshoheit über den Schmerz erlangen. Und genau das unternimmt der Pharmahersteller - und lässt sich vom Patienten dabei in die Hände spielen. Jacky Law öffnet uns die Augen für das Vexierspiel von Krankheit und Heilung, für die große Aufmerksamkeitsstörung, auf die das Pharmasystem setzt.
Dieses System definiert, wer krank und wer gesund ist, wie wir uns richtig ernähren und ob unsere sexuelle Lust normal ist. Pillen helfen nicht nur bei schweren Krankheiten, Pillen enthalten sehr oft auch ein Erlösungsversprechen. Und der Patient fühlt sich wohl in diesem Rundumbequemlichkeitsmodell. Weil wir alle den tiefen Wunsch verspürten, vollkommener und leistungsfähiger zu sein, könne man diagnostische Kriterien mit einer außerordentlichen Flexibilität handhaben, die den Zugang zu sagenhaften Absatzmärkten eröffneten, schreibt die Autorin. Deshalb kreise unser Denken zivilisationsgeschichtlich immer mehr um mögliche Krankheiten und Dysfunktionen.
Die Pharmabranche lässt es sich enorme Summen kosten, die Angst vor Krankheiten wachzuhalten und unsere Blicke auf immer neue Symptome zu lenken. Keine andere Branche verdient so gigantische Summen, in keinem anderen Wirtschaftszweig sind die Absatzmärkte derart lukrativ. Allein 2004 erzielten die zehn führenden Pharmaunternehmen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten einen Umsatz von 205 Milliarden Dollar.
Pharmafirmen als Werberiesen
Die neunziger Jahre verschoben das Machtgefüge der Branche: Wer überleben wollte, musste wachsen. Es war das Jahrzehnt der Megafusionen, milliardenschwere Giganten wie Novartis und Aventis wurden geboren. Der wirtschaftliche Druck auf die Unternehmen wächst seither rasant. Neue Medikamente müssen die Firmen so schnell wie möglich auf den Markt bringen, weil sich die Halbwertzeit der Patente verkürzt. Denn die Konkurrenz wirft sofort Imitationsprodukte auf den Markt, wodurch faktisch der Patentschutz ausgehebelt wird. Doch der Strom neuer Medikamente verebbt. Vor zwei Jahren kamen gerade einmal ein Dutzend Präparate auf den Markt, die nicht nur das Etikett neu trugen, sondern einen tatsächlichen Fortschritt bedeuteten. Die meisten „neuen“ Medikamente sind Scheininnovationen, Präparate, deren chemische Struktur oder Verabreichung nur leicht verändert wurde. Neu, das bedeutet schon, eine Pille nicht mehr schlucken zu müssen, sondern sie im Mund zergehen lassen zu können.
Genauso stutzig macht die Tatsache, dass der Anteil des Umsatzes, den die Pharmabranche in Forschung und Entwicklung steckt, nur etwa vierzehn Prozent beträgt. Doppelt so viel Geld geben die Unternehmen für Marketing und Verwaltung aus. Die amerikanische Zeitschrift „Advertising Age“ veröffentlichte 2002 ein Ranking der größten Werbebudgets in Amerika. Unter den ersten zehn Plätzen fanden sich zwei Pharmafirmen: Pfizer und Johnson & Johnson. Sie investierten mehr Geld in Werbung als Coca-Cola, McDonald's oder Toyota. Charles Medawar von der unabhängigen Gruppe Social Audit UK sieht in der aggressiven Verbraucherwerbung ein bedrohliches Potential, weil sie gesunden Menschen nahelege, sie benötigten medizinische Hilfe. Für unser Wohlbefinden bestehe die Gefahr, dass wir eine Nation gesunder Hypochonder werden, die ihr Leben zaghaft führen und sich halb zu Tode sorgen.
Jetzt kommt das „metabolische Syndrom“
Unser Körper ist voller potentieller Ansatzpunkte für die Pharmaindustrie. Jacky Law zitiert in ihrem Buch eine Professorin für klinische Gerontologie der Universität Cambridge, die die Entscheidung, von welchem Punkt an jemand krank ist, einen „oft willkürlichen Akt“ nennt. Wie willkürlich dieser Akt ist, zeigt ein Neuzugang in der Liste der Krankheiten: das metabolische Syndrom. Es umfasst einen Komplex von Stoffwechselstörungen wie Fettleibigkeit, erhöhte Blutfettwerte und Bluthochdruck. „Mittlerweile“, schreibt die Autorin, „ist zu hören, das metabolische Syndrom habe mit 115 Millionen Betroffenen epidemische Ausmaße angenommen. Ein derartiges Syndrom war freilich vor 1988 noch gar nicht bekannt, und an jeder seiner Einzelkomponenten lässt sich zeigen, dass die Grenzen des Begriffs Krankheit weit fließender sind, als wir bislang vielleicht gedacht haben.“ Jahrelang war Bluthochdruck durch Messwerte über 140 zu 90 definiert. 2003 führte ein Expertengremium dann das Konzept der Prähypertonie ein, einer Bluthochdruck-Vorstufe, bei der die Werte zwischen 120 zu 80 und 140 zu 90 liegen. Von heute auf morgen litten also Menschen, mit denen vorher alles in bester Ordnung war, an einer Krankheit. Und der Patient? Der will es offenbar nicht anders.
Oder doch? Jacky Law führt uns vor Augen, wie wir Patienten funktionieren, warum wir beim Gesundwerden oder Gesundbleiben vor allem passiv sein wollen, warum wir ein Medikament gut finden, „wenn wir kaum registrieren, dass wir es einnehmen - ob wir es nun schlucken, injiziert bekommen, inhalieren, kauen oder uns in Form eines Pflasters auf den Po kleben“. Das Buch „Big Pharma“ lässt keinen Zweifel daran: Der Patient ist der große agent provocateur der Pharmaindustrie. Die aufrüttelnde Nachricht der Autorin lautet: Wir haben die medikamentöse Situation, die wir verdienen.