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Den Ozeanen geht es schlecht : Thunfisch kommt eben nicht aus der Dose

Gestrandet: Plastikmüll am Strand von Lamma Island nahe Hongkong. Bild: Imago

Mojib Latif hat einen packenden Zustandsbericht zur Lage der Ozeane geschrieben. Keines der großen Probleme wird verhehlt. Auf jeder Seite spürt man aber auch die freudige Emphase des Kieler Meeresforschers für seinen Gegenstand.

          Im Frühjahr 2012 verendete vor der Küste Andalusiens ein Pottwal. Als Wissenschaftler den Kadaver untersuchten, fanden sie darin dreißig Quadratmeter Abdeckfolie, Gartenschläuche, Blumentöpfe, einen Kleiderbügel und Teile einer Matratze – insgesamt fast achtzehn Kilogramm Plastikmüll. Wie auch nicht? Geschätzte hundertvierzig Millionen Tonnen Plaste und Elaste schwimmen gegenwärtig in den Weltmeeren herum und werden das noch viele Wal-Alter lang tun, selbst wenn man jeden Umgang mit Kunststoffen, durch den sie ins Meer gelangen könnten, ab sofort weltweit verböte. Das Material einer Plastiktüte vom Supermarkt überdauert im Meerwasser bis zu zwei Jahrzehnte, eine Plastikflasche mehr als vierhundert Jahre.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dies ist das sichtbarste, aber mit Abstand kleinste der Probleme, die so und in dieser Geschwindigkeit zum ersten Mal in der Erdgeschichte auf die Meere zukommen und die alle ihre Ursache in menschlicher Aktivität haben. Neben der Vermüllung droht den Ozeanen die Überfischung, die bereits Fischbestände in Tiefen tangiert, die von den Schleppnetzen selbst gar nicht erreicht werden. Dann ist da natürlich die Erwärmung der Meere infolge der globalen Erwärmung und – aus Sicht der Meeresbewohner am schlimmsten – die Versauerung durch CO2, das vom Meerwasser aus der Atmosphäre aufgenommen wird und in ihm Kohlensäure bildet.

          Nein, es steht nicht gut um die Weltmeere – daran lässt Mojib Latif vom Geomar Helmholz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel keinen Zweifel, wenn er die Bedrohungen der Ozeane in seinem neuen Buch eine nach der anderen besichtigt. Nun ist Mojib Latif in Funk und Fernsehen als eloquenter Interviewpartner für Fragen des Klimawandels bekannt. Wenige wissen, dass der sechzigjährige Hamburger mit pakistanischen Vorfahren seine akademische Laufbahn als Ozeanograph begann.

          Ursachen der Misere

          Tatsächlich leuchtet die Liebe und Faszination für seinen Forschungsgegenstand aus fast jeder Seite dieses Buches, das indes alles andere ist als eines jener Manifeste, mit denen Wissenschaftler im Bemühen um politischen Einfluss die Öffentlichkeit suchen. Natürlich ist es nicht Latifs Art, den neutralen Forscher zu spielen, der schlicht Fakten präsentiert. Er hält sich mit Ansichten über die gesellschaftlichen Ursachen der Misere und mögliche Auswegen keineswegs zurück – und ist hier am ehesten angreifbar, wie jeder Wissenschaftler, wenn er als besorgter Bürger spricht.

          Trotzdem, und trotz des Titels, würde das Etikett „Alarmismus“ dem Buch nicht gerecht. Auf den meisten Seiten ist es eine kenntnisreiche und ungemein lesbare Einführung in die aktuelle Meeresforschung. Latif begnügt sich nicht mit unterhaltsamen Factoids, die er natürlich auch präsentiert – etwa in der Episode über das „White Shark Café“, eine Meeresregion zwischen Kalifornien und Hawaii, wo sich weiße Haie über Monate aufhalten, ohne dass man bislang weiß, warum sie das tun.

          Doch wichtiger für das Verständnis dessen, was mit den Ozeanen gerade passiert, wichtiger selbst als Plastikmüll und Thunfisch-Not sind die komplexen und weniger anschaulichen physikalischen Zusammenhänge zwischen Klima und Meer. Gerade hier profitiert der Leser nicht nur von der fachlichen Doppelqualifikation Latifs, sondern auch von seinem Talent im Umgang mit Sprache.

          Unter schwefelgrünem Himmel

          Am Ende wird manch einer das Buch vielleicht sogar weniger bang zuklappen, als er es aufgeschlagen hat – und statt zu verzweifeln, bloß das Fehlen eines Registers beklagen sowie den Verzicht auf farbige Abbildungen, der in einem Fall besonders stört: der Weltkarte, auf der amerikanische Forscher um Benjamin Halpern 2008 das Ausmaß menschlichen Einflusses auf die Meere geographisch aufgeschlüsselt haben und die im Buch zwar ausführlich besprochen, aber leider nicht gezeigt wird. Latif ist es wichtig, Optimismus zu verbreiten: Die angehäuften Probleme sind lösbar, und wir steuern nicht zwangsläufig auf einen Planeten zu, auf dem am Ende unter schwefelgrünem Himmel eine warme lilafarbene Brühe schwappt, in der alles höhere Leben erloschen ist – so wie es etwa der Paläontologe Peter Ward aufgrund heutiger Kenntnisse früherer Epochen der Erdgeschichte für möglich hält.

          Mojib Latif dagegen glaubt entschieden daran, dass Mensch und Meer noch eine Zukunft miteinander haben, wenn nur endlich die Selbstbedienungsmentalität im Hinblick auf die marinen Ressourcen eingeschränkt würde, die letztlich auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Meere niemandem gehören. Viel gewonnen wäre laut Latif schon mit einer Umkehrung der Beweislast für alle Nutzer des Meeres: Ähnlich wie es heute mit der Antarktis geregelt ist, sollte auf hoher See niemand irgendwas tun dürfen, von dem er nicht nachweisen kann, dass es dem Meer und allem, was in ihm ist, nicht schadet.

          Gerade hier wird bei manchem Realisten die Sorge erst richtig aufbrechen, weiß er doch schon aus der Klimadiskussion, dass es zu solchen Maßnahmen nicht kommen wird in einer geopolitischen Lage, in der man froh sein darf, wenn um marine Bodenschätze keine Kriege ausbrechen. Es ist vielleicht ein schwacher Trost, aber mit Blick auf die Meere und ihre Bewohner doch einer, dass die schon jetzt unabwendbare Folge der anthropogenen Einflüsse auf die Meere, der Anstieg ihrer Pegel um mehrere Meter im Laufe der nächsten Jahrhunderte, vor allem den Menschen selbst treffen wird.

          Wirklich beruhigen kann Latifs Optimismus also nicht, vielmehr stimmt er uns ein auf eine Zukunft, in der in zähem umweltpolitischen Ringen und kleinen Schritten – vom Verzicht auf Plastiktüten bis zu Streichung der Thunfischpizza vom Kantinenspeiseplan – ein wenig von dem bewahrt werden kann, was die Meere heute noch sind.

          Mojib Latif: „Das Ende der Ozeane“ Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden. Herder Verlag, Freiburg 2014. 319 S. geb., 22.99€

          Quelle: F.A.Z.

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