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Das Churchill-Prinzip Wie ein Alphatier funktioniert

29.08.2007 ·  Er rauchte in der Badewanne Zigarren, sagte „no sports!“ und diktierte dicke Geschichtsbücher. Zum Vorbild für Erfolgsmenschen wurde er als englischer Premierminister. Was lässt sich von Churchill lernen? Ein neues Sachbuch versucht eine Antwort.

Von Ernst Horst
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Manchmal muss man Bücher vor ihren Verlagen in Schutz nehmen. Wenn man den Umschlagtext von Helge Hesses Buch „Das Churchill-Prinzip“ ernst nähme, dann bestünde die Zielgruppe aus „Managern und Führungskräften“, die anhand des Vorbilds von Sir Winston Churchill lernen dürften, noch etwas erfolgreicher zu managen und zu führen. Im Buch selbst geht es durchaus differenzierter zu. Es ist in erster Linie eine Biographie. Dazu kommt auch etwas Lebenshilfe, aber nach diesem Motto: Hier hat einer sein Dasein mehr oder weniger mit Anstand hinter sich gebracht. Ich versuche mal, euch ein bisschen zu erklären, wie er das gemacht hat, und wenn euch das eine oder andere einleuchtet, dann könnt ihr es ja übernehmen.

Der Text ist mit vielen typographisch hervorgehobenen kurzen Zusammenfassungen gespickt. Ein Beispiel: „Loyalität war für Churchill auch bezüglich seiner Freunde sehr wichtig, selbst wenn diese einen zweifelhaften Ruf besaßen.“ Man sieht, der Autor empfindet Respekt für Churchill. Er verzichtet aber darauf, ihn als perfektes Vorbild zu vermarkten. Die Entscheidung, wie sehr man noch zu seinen Freunden steht, obwohl ihre Handlungen oder Meinungen eigentlich nicht so ganz koscher sind, ist ja oft ein moralisches Dilemma. Unter den „Freunden“, denen gegenüber Churchill loyal war, befand sich immerhin auch Stalin.

Whisky in der Wanne

Das „Churchill-Prinzip“ ist sozusagen die Quintessenz aus Churchills Art, sein Leben zu leben. Die Verwendung des Worts „Prinzip“ ist dabei aber nur der Versuch, naiven Buchkäufern Präzision vorzugaukeln, wo keine vorhanden oder auch nur möglich ist. Ein erfolgreicher Politiker muss immer Kompromisse eingehen. Es handelt sich beim Churchill-Prinzip denn auch mehr um eine Sammlung von Bauernregeln. Gib nicht auf, solange es noch Hoffnung gibt! Verfahre gnädig mit den Verlierern! Strebe nicht nach der wankelmütigen Gunst des Volkes! Und so weiter und so fort.

Ob unsere Manager und Führungskräfte dank dieser Lektüre ihre beruflichen Erfolge tatsächlich mehren werden, sei einmal dahingestellt. Trotzdem kann es natürlich aus anderen Gründen Befriedigung bereiten, sich mit Churchill zu befassen. Er war schließlich einer der Großen des vergangenen Jahrhunderts, und er hat auf der guten Seite gekämpft, jedenfalls meistens. Man möchte verstehen, wie so ein Alphatier funktioniert. Sei es, weil man selbst eines ist oder gern wäre, sei es, weil man das Leben als Betatier viel gemütlicher findet. Eines war Churchill ganz sicher nicht langweilig. Ein Politiker, der in der Badewanne Zigarren raucht, Whisky trinkt und dabei dicke Geschichtsbücher diktiert, für die er verdientermaßen den Literaturnobelpreis bekommen wird, muss einfach faszinieren. Zugegeben, das ist etwas übertrieben. Er hat das zwar alles gemacht, aber nicht unbedingt gleichzeitig. Zur Entspannung hat er übrigens als Maurer gearbeitet oder in Öl gemalt. Die Mauern waren besser als die Bilder.

Ein entsetzlicher Sturkopf

Helge Hesse beschreibt Churchills Leben chronologisch von der Geburt bis zum Tod. Dabei nimmt er jeden Abschnitt zum Anlass, ein wenig über einen passenden Aspekt von Churchills Wesen zu philosophieren. Das erste Kapitel über die Kindheit (gleich nach dem „Prolog“) heißt zum Beispiel „Zu sich und seiner Sache stehen“. Ehrlich gesagt, Klein Winston war ein entsetzlicher Sturkopf. Vielleicht hat ihn genau diese Eigenschaft später befähigt, Hitlerdeutschland zu besiegen. Als Kind hat sie ihn aber sehr unglücklich gemacht. Durchaus typisch ist die folgende Anekdote: Als er mit sieben Jahren die lateinische Deklination erklärt bekam, war das erste Beispiel mensa, der Tisch.

Der Vokativ dieses Wortes lautet bekanntlich ebenfalls mensa und bedeutet „o Tisch“. Natürlich ist das Unsinn, selbst der jüngste Prince of Wales redet allenfalls mit seinem Gemüse, aber bestimmt nie mit den Wohnzimmermöbeln. Andererseits kommt der Vokativ von Wörtern auf „a“ durchaus vor, wie man an „Ave Maria“ sieht. Die Lateinlehrer sind ja auch nicht ganz dumm. Aber Churchill wollte nichts lernen, dessen Sinn er nicht einsah, und er konnte den Sinn von Dingen nicht begreifen, die er nicht gelernt hatte. Trotzdem schaffte er die Schule mit Ach und Krach, auch weil er von den Privilegien seiner aristokratischen Herkunft profitierte. Die ausgeprägte Abneigung gegen die Kulturtechniken Latein, Griechisch und Kricket war ihm dabei das größte Hindernis. Seine durchaus umfassende Bildung eignete er sich zu großen Teilen erst später autodidaktisch an, eine Universität besuchte er nie.

Prinzip Zufall

Wie es weiterging, brauchen wir hier nicht zu beschreiben, dazu ist das Buch da. Es ging aufwärts und abwärts, aber die Bücher brachten immer genug Geld für Zigarren, Whisky und Pferde ein. Nur das bekannte Bonmot „No sports!“, wenn es denn nicht überhaupt wie viele andere apokryph ist, sollte man schleunigst vergessen. Churchill wusste, was er seinem Körper schuldig war. Er spielte Polo, ging schwimmen, achtete auf seinen Mittagsschlaf und entspannte sich im Kreise seiner Familie. So ist er immerhin neunzig geworden.

Churchills Ruhm beruht hauptsächlich darauf, dass er von 1940 bis 1945 Premierminister des Vereinigten Königreichs war und in dieser Position entscheidend zum Sieg der Alliierten über Deutschland beitrug. Weder seine sonstigen politischen Ämter noch seine Tätigkeit als Schriftsteller hätten ihn sonst in der Hitparade der berühmtesten Persönlichkeiten derart weit nach oben gebracht. Ebenso gut hätte damals freilich Lord Halifax Premierminister werden können, der den Posten jedoch ablehnte. So gesehen, ist das Churchill-Prinzip („Mit Persönlichkeit zum Erfolg“) nur eine nachträgliche Vereinnahmung des blinden Zufalls. Aber „Die Halifax-Maxime“ wäre natürlich auch ein guter Buchtitel.

Helge Hesse: „Das Churchill-Prinzip - Mit Persönlichkeit zum Erfolg“. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2007. 234 S., Abb., geb., 19,95 [Euro].

Quelle: F.A.Z., 29.08.2007, Nr. 200 / Seite 34
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