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Belletristik : Was vom Tage übrigbleibt

Bild: Verlag

Der Buchmesseherbst ist die Erntezeit für den Leser. Von Daniel Kehlmann über Kazuo Ishiguro bis zu Uwe Timm: Die schöne Literatur in diesem Herbst.

          Carl Friedrich Gauß ist acht Jahre alt, als sein mathematisches Genie von einem Dorfschullehrer entdeckt wird. Daniel Kehlmann, selbst kaum dreißigjährig, beschreibt den Jungen in seinem neuen Roman „Die Vermessung der Welt“ (Rowohlt) als seufzenden Melancholiker mit triefender Nase, der auf den Vorwurf, es gehöre sich nicht, daß ein Kind immer traurig sei, Erstaunliches zur Antwort gibt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Er sei traurig, weil die Welt recht stümperhaft geschaffen sei, erklärt er dem jungen Mathematiker Bartels, und weil man es ohne Schlaf und Vergessen in ihr nicht aushalte: „Nicht wegsehen können war Traurigkeit. Wachsein war Traurigkeit. Erkennen, armer Bartels, war Verzweiflung. Warum, Bartels? Weil die Zeit immer verging.“ Gauß wird das Reich der Zahlen und das Weltall erforschen. Aber auch hinter den Sternen wartet nur der Tod.

          Kehlmanns Roman über Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt ist die leichthändig ineinander verwobene Doppelbiographie zweier großer Gelehrter, so unterhaltsam, humorvoll und auf schwerelose Weise tiefgründig und intelligent, wie man es hierzulande kaum für möglich hält. In bester angelsächsischer Manier legt Kehlmann einen handwerklich nahezu perfekten Roman vor, der zeigt, was deutsche Autoren in der Regel allenfalls in der Theorie wissen: daß Bildung nicht Ballast sein muß, sondern ein Vergnügen sein kann.

          Ein Feuerwerk der Trauerarbeit

          Ganz anders als Kehlmann, der Szenen und Dialoge sehr genau kalkuliert und seinem oft trockenen Humor nie die Zügel schießen läßt, hält es der noch einmal zwei Jahre jüngere Amerikaner Jonathan Safran Foer in seinem zweiten Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ (Kiepenheuer & Witsch). Foer ist ein literarisches Wunderkind, das fast alles kann und sich buchstäblich alles zutraut. Behandelte sein Debüt „Alles ist erleuchtet“ (2003) den Holocaust und die Geschichte des Antisemitismus in Osteuropa, so geht es nun um das amerikanische Trauma, das der Terrorangriff vom 11. Septembber 2001 ausgelöst hat. Sein Ich-Erzähler ist ein achtjähriger Junge, der seinen Vater verloren hat und nun dessen rätselhaftem Vermächtnis nachspürt, wenn er nicht gerade seinen autoaggressiven Schüben nachgibt und sich selbst grün und blau schlägt. „Extrem laut und unglaublich nah“ ist ein mitunter befremdlich anmutendes Feuerwerk der Trauerarbeit, eine Art Bewältigungsmarathon, phantasievoll, überraschend, anrührend, kitschig und eitel.

          Daß nicht nur Menschen Trauer kennen, sondern auch die Dinge ihre Tränen haben, erfuhr Uwe Timm vor mehr als vierzig Jahren von einem Freund, den er wenig später aus den Augen verlieren sollte. Als er Jahrzehnte später den Spuren des Toten nachgeht, begegnet er auch dem Sohn des Freundes. Lukas Ohnesorg hat seinen Vater nie kennengelernt, denn der Student Benno Ohnesorg wurde am 2. Juni 1967 in Berlin bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin von einem Polizisten erschossen, bevor sein Kind geboren wurde. Aber als hätte er den Satz des Vaters von den Tränen der Dinge sein ganzes Leben im Ohr gehabt, hat Lukas Ohnesorg sein Haus in ein gewaltiges Sammelsurium verwandelt, ein Asyl der verstoßenen Dinge, die hier ihr Gnadenbrot fristen.

          Es geht um Familien - beschädigte, chaotische und trostlose

          Die Erzählung „Der fremde Freund“ (Kiepenheuer & Witsch) gibt der Ikone Benno Ohnesorg eine persönliche Geschichte zurück, aber eine Biographie Ohnesorgs darf der Leser sich nicht erwarten. Wie schon in „Am Beispiel meines Bruders“ verfolgt Timm hier das Projekt einer Autobiographie auf Umwegen, die zugleich Auskunft über eine ganze Generation geben soll.

          Um Familien, beschädigte, chaotische, trostlose, geht es auch in den Romanen von Arno Geiger, Hans-Ulrich Treichel und Irene Dische. Mit „Es geht uns gut“ (Hanser), „Menschenflug“ (Suhrkamp) und „Großmama packt aus“ (Hoffmann & Campe) zeigen diese drei Autoren noch einmal, wie fruchtbar das unverwüstliche Genre des Familienromans nach wie vor ist, aber auch, wie wichtig vielen Autoren noch immer die Schrecken der Nazizeit als Ausgangspunkt und Hintergrund ihrer Schilderungen sind. Mittlerweile meldet sich mit Arno Geiger oder auch Eva Menasse bereits die Enkelgeneration zu Wort, um vor ihren eigenen Geschichten zunächst noch einmal die ihrer Eltern und Großeltern zu erzählen.

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