16.05.2006 · Das Buch lag einst wie Blei bei allen deutschen Verlagen. Nur bei Lübbe erkannte man das Potential - und sicherte sich die Rechte an allen Werken Dan Browns. Die Geschichte eines Erfolgs.
Von Hannes HintermeierEnde des Jahres 2000 kam in Bergisch Gladbach ein Roman mit dem Titel „Angels and Demons“ auf den Tisch des Lektors Marco Schneiders. Das Buch war im selben Jahr bei Pocket Books in den Vereinigten Staaten erschienen, sein Autor hieß Dan Brown.
Das Buch lag bei allen einschlägigen deutschen Verlagen, die Thriller herausbringen, und es lag dort wie Blei. Anders als seine Kollegen fand Schneiders die Geschichte um den Illuminatenorden und die Zerstörung der katholischen Kirche vielversprechend. Er setzte sich im Lübbe Verlag vehement für die Veröffentlichung ein. Der Roman, sagt Schneiders heute, „überzeugte mich vor allem durch einen an Perfektion grenzenden Spannungsaufbau. Fast jedes der Kapitel endete für den Leser mit einem Rätsel. Dadurch entsteht ein positiver Zwang, immer weiterzulesen.“
Zum Schnäppchenpreis
Die Probe aufs Exempel folgte im März 2003; der Roman erschien als Spitzentitel im Taschenbuch, wurde von auffälliger Werbung flankiert. „Illuminati“, wie es kurz und bündig überschrieben worden war, löste einen ungeahnten Boom aus. Schneiders drängte darauf, die gesamte Backlist des Autors sowie eine Option auf Browns nächsten Roman zu kaufen. Eine Entscheidung, die sich als sehr richtig erweisen sollte, zumal die Rechte damals für einen Schnäppchenpreis zu haben waren.
Noch im Dezember 2003 schob Lübbe den Roman „Meteor“ nach (im Original als „Deception Point“ 2001 erschienen), im Februar 2004 zündete der Verlag mit „Sakrileg“ („The Da Vinci Code“, 2003) die nächste Stufe als gebundene Ausgabe, und im Jahr darauf folgte „Diabolus“ („Digital Fortress“, 1998). Gleichzeitig wurden illustrierte Ausgaben von „Sakrileg“ und „Illuminati“ veröffentlicht.
Plakative Umschläge
Lübbe ist weltweit der einzige Verlag, der alle Bücher Dan Browns im Programm hat. Noch heute gehen von „Sakrileg“ täglich Hardcover im vierstelligen Bereich über den Ladentisch, obwohl die Taschenbuchausgabe längst auf dem Markt ist. Nach drei Jahren hat Lübbe elf Millionen „Einheiten“ Dan Brown verkauft, also sämtliche Buchausgaben und Hörbücher zusammengenommen. Allein für „The Da Vinci Code“ meldet die New Yorker Agentin Heide Lange eine Weltauflage von sechzig Millionen Exemplaren. Die diese Woche anlaufende Verfilmung wird ein übriges tun. Im Frühjahr 2007 soll Browns nächster Streich, Arbeitstitel „The Solomon Key“, folgen.
„Das ist Können“, rühmt Lübbe-Geschäftsführer Karlheinz Jungbeck ungeniert die Marketingstrategie seines Hauses. Der Trick: Ab dem ersten Buch habe man konsequent eine Marke aufgebaut. Im Gegensatz zu den amerikanischen Verlagen habe man sich auf „Ein-Wort-Titel“ und plakative Umschläge festgelegt: blutrote, spitz zulaufende Lettern auf schwarzem Grund und ein mysteriöses Bildmotiv.
Ein eigener deutscher Titel
Wie bei jeder Einführung einer neuen Marke, gleichgültig ob Nudelsoße oder Damenbinde, gelten die gleichen Techniken. Man habe extreme Sorgfalt auf Präsentation, Design und Timing verwendet, sagt Jungbeck: „Wir konnten die Erscheinungsweise maximieren, indem wir punktgenau mit neuen Ausgaben den Namen im Spiel gehalten haben.“ So hat sich Lübbe sogar getraut, auch bei Browns erfolgreichstem Titel auf einem eigenen deutsche Titel zu beharren - den Sony Pictures auf den deutschen Plakaten im Untertitel führt. Wie gut die Marke angenommen wird, zeigt auch die fast unverschämt dreiste Anpassungsleistung der deutschen Verlagskonkurrenten. Es danbrownt in allen Regalen.
Der Lehrer von der Ostküste ist nicht der erste Autor, dem ein solches Kunststück gelingt. Legendär sind in den achtziger Jahren Ecos „Der Name der Rose“ oder in den neunzigern Noah Gordons „Der Medicus“ - Bücher, die ein Genre etablierten, von dem niemand vorher wußte, daß Nachfrage nach ihm besteht. So auch im Falle Dan Browns, der den „Mystery Thriller“ etablierte, und ihn unter tätiger Protestmithilfe diverser Kirchen zum Welterfolg ausbauen konnte. „Ein Megaseller“, definiert Jungbeck, der Erfahrungen als Fernsehmanager hat, „ist immer ein Buch, das sich aus vielen Ecken speist und damit einen globalen Trend erfaßt.“
Das Thema poppt immer wieder hoch
Wertediskussion plus Kopftuchfrage plus Karikaturenstreit plus deutscher Papst ist gleich Verkaufsrekord? „Irgendwo poppt das Thema ständig neu hoch“, weiß Jungbeck, „die Katholiken haben immer punktgenau protestiert, aber vom Vatikan selbst ist nie eine Indizierung gekommen.“ Daß sich nun auch Protestanten und Evangelikale den Protesten anschlössen, hänge vermutlich damit zusammen, daß sie vom derzeit wieder aktuellen Thema Glauben profitieren wollten.
Der Autor selbst hat schwer am weltweiten Rummel um seine Person zu tragen. Seine Auftritte beim Londoner Plagiatsprozeß, aus dem er als Sieger hervorging, zeigten einen mitgenommenen Dan Brown. Er ist „sehr, sehr schüchtern“, sagt Karlheinz Jungbeck, schreibe aber immer wieder nette Mails und habe sich für die Unterstützung bedankt. Demnächst wolle er eine kreative Pause einlegen. Sein Lektor ist mittlerweile zum Programmleiter befördert worden.
Ankündigung eines neuen Genres
Klaus Middendorf (LKMcorp)
- 19.05.2006, 23:17 Uhr