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Comic „Superpeter“ Paulinchen allein zu Haus

 ·  Es muss Liebe sein: Passend zum zweihundertsten Geburtstag des Erfinders knöpfen sich Zeichner Fil und Atak im Frankfurter Caricatura-Museum den „Struwwelpeter“ vor. Der „Superpeter“ ist eine leicht anarchistische Coverversion im Geist des Originals.

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Comics, hat der Berliner Zeichner Fil neulich in einem Gespräch mit dieser Zeitung gesagt, sind nichts für Kinder. Die Geschichten seiner beiden Figuren, die ihn bekannt gemacht haben, die rabiat lustigen „Didi und Stulle“ also, würde Fil seiner kleinen Tochter nicht zum Lesen geben. Jedenfalls nicht, bevor sie zwölf oder dreizehn Jahre alt ist. „Falls sie ,Didi und Stulle‘ aber doch liest“, sagte Fil, „werde ich es ihr erklären – aber ich werde es nicht ändern.“ Er habe einmal einen Comic für Kinder begonnen, aber schnell gemerkt: „Oho, wenn ich das Vulgäre weglasse, fehlt mir mindestens fünfzig Prozent meines Humors.“ Und so gab es noch kein Kinderbuch von Fil – bis jetzt.

Bis Philip Tägert sich nämlich mit seinem alten Freund Georg Barber alias Atak zusammengetan hat, um Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ neu zu interpretieren. Atak hat gezeichnet, Fil gedichtet, und was dabei herauskam, passend zum zweihundertsten Geburtstag des Erfinders, der in seiner Heimatstadt Frankfurt ausgiebig gefeiert wird, ist seit gestern im dortigen Caricatura Museum für Komische Kunst zu bewundern. „Dies ist keine Parodie“, erklären die beiden Autoren, „kein antiautoritärer Hippie-Struwwelschnack, sondern eine in Wort und Bild vom Geist des Originals durchdrungene Coverversion.“ Sie haben ihre Ausstellung „Superpeter“ genannt.

Rauchende Kater, beleidigte Daumen

Aber war und ist dieser „Struwwelpeter“, der seit Generationen immer neu entdeckte, umgeschriebene, nachgemachte, gegen den Strich gebürstetete, vereinnahmte und verdammte „Struwwelpeter“ nur ein Kinderbuch? Gezeichnet hatte es der Psychiater Hoffmann als Geschenk für seinen dreijährigen Sohn, zu Weihnachten 1844. Atak und Fil haben sich jetzt – und es wirkt selbstverständlich, befreit von Rezeption und Erziehungsdebatten – aus den Kategorien verabschiedet. Ihre Bildgeschichten vom zündelnden Paulinchen, vom wilden Jäger, vom Daumenlutscher Konrad und von Zappelphilipp stecken so voller Anspielungen, dass „Superpeter“ an die manisch Hoch- und Popkultur zitierenden Pixar-Filme der „Toy Story“-Serie erinnert. Und die werden von Erwachsenen wie Kindern gleichermaßen auswendig gelernt, weil sie so gut sind. Ganz egal, wer nun welche Spezialwitze versteht oder nicht.

„Der fliegende Robert“ sieht aus wie Tintin von Hergé. Die Fischer, die Hans-Guck-in-die-Luft aus dem Wasser ziehen, sind Brüder von Popeye, und „Strizz“-Leser werden sich freuen, dass Miez offenbar zu Kater Paul geworden ist, der konsequent den ganzen Band hindurch raucht, es ist herrlich. Die Kinder der Strizz-Leser wiederum werden sich kaputtlachen, weil die abgeklippklappten Daumen des Lutschers Konrad auf zwei Beinen missmutig davonrennen und der kippelnde Zappelphil seinen Eltern den Mittelfinger zeigt. Auf dem Mittagstisch steht neben der Suppe übrigens eine Flasche Jägermeister, in der Ecke raucht schon wieder Paul.

Überholte Pädagogik

Es muss Liebe sein, jede Zeichnung, jeder Reim. Ataks Bilder und Fils Verse hängen in der Ausstellung, die achtundsiebzig Originale zeigt, auf schwarzer Stellwand nebeneinander, ergänzt wird das von einer kleinen Werkschau der beiden Künstler. Fil und Atak spazieren durch Hoffmanns Geschichten, als seien sie in ihnen zu Hause, so wie Paulinchen eben zu Hause ist, und dann zündeln sie ein bisschen. Über Friederich, den Wüterich, der seine Mutter schlägt, dichtet Fil: „Er peitscht sie – sie kommt / zu dem Schluss: / ,Fritze ist halt / kein Ödipus.‘“ Dann haut er den Hund, und sie denkt: „Er, mein wilder Bär, / wird sicher mal / ein Vet’rinär.“ Atak und Fil schlagen sich nicht nur hier mit aller Kraft auf die Seite der Tiere. Besonders lustig wirkt das in der Geschichte vom Jäger, dem der Hase Brille und Gewehr klaut: „Unser Jäger; der muss fliehn / – und das mit sieben Dioptrien!“ Sie lassen all das von Friedrichs Mutter erklären, ganz im Sinne des anderen Jubiläumsjahres 2009: „,Nach dem Gesetz der Darwinisten / ist jetzt der Hund die höh’re Art.‘ / Sie nimmt ihn auf an Sohnes statt, und jener isst sich erst mal satt.“ Paul kann auf dieser Zeichnung leider nicht rauchen, weil er eine Wurst frisst.

Am schönsten an „Superpeter“ sind aber die Weiterdichtungen. Wo bleibt zum Beispiel die Schulmappe von Hans, nachdem die beiden zusammen ins Wasser geplumpst sind? Sie treibt ab in ein fernes Land, die Einheimischen finden es und lernen sofort drauflos: „Physik, Chemie, Staatsbürgerkunde“, reimt Fil, „verschlungen wird’s vom Wildenbunde.“ Dann entwickeln sie Chemiewaffen, züchten Bio-Killeraffen, bauen ein Schiff, fahren nach Deutschland, und was dort geschieht, können Sie oben auf dieser Seite bewundern – und eben im Museum. Es ist die erste Ausstellung des Hauses, die nicht aus dem Umfeld der „Neuen Frankfurter Schule“ stammt. Allerdings ist F. K. Waechters antiautoritärer „Anti-Struwwelpeter“ von 1970 dort jetzt auch im Original zu sehen.

Der „Superpeter“ von Atak und Fil endet mit einer neuen Episode. Sie handelt von einem Jungen namens Justin. Der wünscht sich eine Xbox zum Computerspielen. Die Pointe dieser Geschichte lässt alle pädagogischen Überlegungen, die je zum „Struwwelpeter“ angestellt wurden, weit hinter sich.

Superpeter - Struwwelpeter Superheld. Im Caricatura Museum Frankfurt, bis zum 20. September. Das Buch ist im Verlag Kein & Aber, Zürich, erschienen und kostet 24,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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