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Gedenkcomic : Rozsikas Leben

Ausschnitt aus dem Comicband „Rozsika“ Bild: Avitall Gerstetter

Avitall Gerstetter ist die erste jüdische Kantorin in Deutschland. Als siebenjähriges Mädchen hört sie die Geschichte ihrer Großmutter, die sie von da an nicht mehr losließ. Nun zeigt sie ihren Comicband.

          Auf diesem Glossenplatz ist ganz gewiss noch kein Comic vorgestellt worden. Und in der ganzen riesigen Bibliothek des Auswärtigen Amtes in Berlin dürfte es auch keinen einzigen geben. Bis jetzt. Sergey Lagodinsky, Publizist und Referatsleiter der Heinrich-Böll-Stiftung, stellt eine weitere der zahllosen Gretchenfragen, auf die die Deutschen mit ihrem faustischen Charakter Antwort suchen: „Wie rede ich über die deutsche Geschichte?“ Zunächst aber wird gesungen, von Avitall Gerstetter, Kantorin (die erste in Deutschland überhaupt) an der großen Synagoge in der Oranienburger Straße und Autorin des Comics „Rozsika“. Sie wird begleitet durch das Ensemble Accento, in dem die zweite Geige gespielt wird von Felix Klein, dem Sonderbeauftragten im Auswärtigen Amt für die Beziehungen zu jüdischen Organisationen (als handelte es sich dabei um Ausland).

          Aber heute wird Eintracht im Erinnern beschworen. Als wir das letzte Mal hier in der Bibliothek waren, vor ziemlich genau fünf Jahren, wurde „Das Amt und die Vergangenheit“ vorgestellt, die umkämpfte Studie zur Vergangenheit des Außenministeriums. Erregungen ähnlicher Art sind nicht zu erwarten, wenn „Rozsika“ über die deutsche Geschichte redet.

          Darin geht es um individuelle Geschichte, um das Leben eines Mädchens, das im Alter von sieben Jahren in Auschwitz ermordet wurde. Wäre es gerettet worden, hätte Avitall Gerstetter heute eine Großtante Rozsika, und weil sie den Mördern nicht das letzte Wort über Rozsikas Leben überlassen will, hat sie imaginiert, wie es hätte ablaufen können. Dazu hat sie sich der Unterstützung des Hamburger Szenaristen Jens R. Nielsen und des in Utrecht lebenden Zeichners Tobi Dahmen versichert, die aus der Idee einen Comic entstehen lassen, der sich an junge Leute richtet.

          Hannah bestaunt die fesche Uniform

          Denn Avitall Gerstetter fürchtet das Verstummen der Überlebenden der Schoa, und um dann noch eine Stimme zu haben, die davon erzählen kann, belebt sie die tote Rozsika. Damit will sie den unermesslichen Verlust begreiflich machen, den jeder der sechs Millionen Ermordeten bedeutet. Als Mädchen und Erwachsene bekommt Rozsika ein Leben geschenkt, das sie nie hat führen können. Für diesen Abend ist nach einjähriger Arbeit das erste Kapitel fertig geworden, zehn Seiten, angesiedelt auf einer Parkbank irgendwann im „Dritten Reich“. Rozsika und ihre Freundin Hannah kommentieren die Vorbeiflanierenden, und Hannah bestaunt einen jungen Mann in seiner feschen Uniform. Rozsika aber hat nur Augen für dessen Augen gehabt: „Es ist mir eiskalt den Rücken heruntergelaufen.“

          Wir Leser sehen die Augen des Mannes nicht, nur die NS-Uniform, und werden so in die Perspektive Hannahs gezwungen. Dramaturgisch notwendig, psychologisch zweifelhaft. Aber das ist ja nur das erste Wort; die Geschichte soll auch durch die Leser fortgesetzt werden: in einem Blog, das dann Stoff für weitere Episoden bieten soll. Und fortan wird ein Comic in der Bibliothek des Auswärtigen Amtes stehen, denn zum Auftakt ist eine aufwendige Vorzugsausgabe des ersten Kapitels produziert worden. Nach Fertigstellung von „Rozsika“ dann hoffentlich auch in vielen anderen Regalen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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