26.11.2004 · Auf dem deutschen Manga-Markt stehen alle Zeichen weiterhin auf Zuwachs, doch künftig wird es enger. Seit diesem Monat tummelt sich mit Tokyopop ein neuer Verlag im asiatischen Comicsegment.
Von Bernd HinrichsDie Comic-Helden von einst hießen Asterix, Superman oder Tim und Struppi. Sie kämpften gegen Schurken für die Schwachen und Unterdrückten. Heute werden Deutschlands Bilderhefte beherrscht von Lolitas mit großen runden Kulleraugen. Ihre Schuluniformen sind am Hals hochschließend, während die Faltenröcke gar nicht kurz genug sein können. Seit nunmehr sieben Jahren dominieren asiatische Comics den deutschen Markt. Und selbst die abnehmende Zahl von Kindern und Jugendlichen hat die Verkaufszahlen bislang nicht gemindert - im Gegenteil.
Diese vornehmlich aus Japan stammenden Manga sind aus der modernen japanischen Kultur nicht mehr wegzudenken. Erwachsene, die Comics lesen, gehören dort genauso zum Straßenbild wie Geschäftsmänner in dunklen Anzügen. Rund vierzig Prozent aller japanischen Druckerzeugnisse sind Comics. In Zahlen: zwei Milliarden Exemplare pro Jahr.
Tokyopop: Konkurrenz belebt das Geschäft
In Deutschland erleben Manga im siebten Jahr immer noch steigende Verkaufszahlen. Und seit kurzem ist zusätzlich eine Welle koreanischer Comics, die Manhwa, auf die deutsche Fangemeinde eingebrochen. Doch obwohl auf dem deutschen Mangamarkt alle Zeichen weiterhin auf Zuwachs stehen, wird es künftig enger werden. Denn seit diesem Monat tummelt sich mit Tokyopop ein neuer Verlag im asiatischen Segment. Für die Kenner der Branche ist der Name nicht unbekannt, denn der Mutterverlag aus den Vereinigten Staaten beherrscht mehr als die Hälfte des Manga- und Manhwa-Marktes in Nordamerika. So werden von Tokyopop in Amerika pro Monat rund vierzig Titel veröffentlicht. Zum Vergleich: Der Hamburger Carlsen Verlag, einer der beiden Marktführer in der deutschen Mangabranche, bringt es derzeit auf rund sechzehn Titel pro Monat.
„Sollte Tokyopop auch nur annähernd die produktionstechnischen und inhaltlichen Qualitäten des amerikanischen Mutterhauses liefern und auch deren breitgefächerte Angebotspalette übernehmen, wird sich dieser Verlag schnell zu einem der drei Marktführer im deutschsprachigen Raum entwickeln“, prognostiziert Achim Dressler, Geschäftsführer einer Comic-Buchhandlung in Bonn.
Bisher bestimmten zwei große Comic-Verlage hierzulande das Geschehen: eben der Carlsen Verlag und Egmont Ehapa aus Köln. Beide bestreiten derzeit jeweils rund siebzig bis fünfundsiebzig Prozent ihres gesamten Comic-Umsatzes mit Manga oder Manhwa. Und obwohl beide Häuser künftig mit einer Belebung der Konkurrenz rechnen müssen, sieht man sich in Hamburg gut gerüstet für die zukünftige Marktsituation: „Auch in unserem Nachbarland Frankreich, wo generell ein stärker entwickelter Comic-Markt als hierzulande existiert, engagieren sich derzeit mehr als zwanzig verschiedene Verlage im Bereich Manga. Gemessen daran erscheint es nicht übertrieben, wenn in Deutschland nun drei große Verlage agieren werden“, so Ralf Keiser, Redaktionsleiter bei Carlsen.
Verknüpfung von Comic, Computerspiel und Trickfilm
Nach Ansicht von Tokyopop-Verlagsleiter Joachim Kaps liegt für seinen Verlag der Schlüssel zum Erfolg vor allem in einer neuen Stufe der Produktkommunikation: „Es wird auf Dauer ganz sicher nicht ausreichen, Stoffe nur zu übersetzen und zu drucken. Erfolg entsteht im Buchmarkt immer dann, wenn ein Kommunikationsakt glückt.“ Dies verlange von den Verlagen aber ein deutlich größeres Engagement bei der Vermittlung und Vermarktung ihrer Themen.
Was das für die verlegerische Tätigkeit bedeutet, darüber läßt Kaps keinen Zweifel entstehen: „Wir verstehen uns als Anbieter visueller Kultur im weitesten Sinne und denken dabei medienübergreifend.“ Mit diesem Konzept stößt Tokyopop Türen auf, die im Kalkül vieler deutscher Verleger bisher unberücksichtigt sind. Die Verknüpfung von Comic, Computerspiel und Trickfilm hat in Deutschland gerade erst begonnen. „Ein Blick nach Osten lohnt sich: Es gibt dort viele Dinge, die auf dem deutschen Markt noch Platz haben“, meint der Frankfurter Comic-Buchhändler Wolfgang Strzyz.
Mit der Gründung von Tokyopop entstehen allerdings auch Gefahren für die Branche. Ende der achtziger Jahre kam es auf dem Comic-Markt schon einmal zu einem ruinösen Verdrängungsprozeß, von dem sich die Branche bis heute nicht erholt hat. „Es wird festzustellen sein, ob der Taschengeldbeutel des Zielpublikums eine zusätzliche Belastung vertragen wird und ob es gelingt, neue Leser zu werben - was vielleicht das Wichtigste wäre“, so Achim Dressler. Kaps sieht dagegen für die Leser goldene Zeiten anbrechen: „Bislang hatten wir in Deutschland ja eher eine Situation, die dem Fernsehen vor Einführung der Privatsender entsprach. Zwei große Verlage - quasi als Pendants zu den öffentlich-rechtlichen Anstalten - hatten den Markt zu fünfundneunzig Prozent im Griff. Nun gibt es einen neuen Anbieter, und damit werden sich alle deutlich mehr anstrengen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Davon werden am Ende in erster Linie die Leser und der Handel profitieren.“