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Veröffentlicht: 19.08.2013, 16:39 Uhr

Clemens Meyer und der Roman „Im Stein“ Die Welt ist bunt und rot und stimmt nicht mehr

Der Leipziger Autor Clemens Meyer hat einen Roman über die dunkle Seite unserer Gegenwart geschrieben. Brutal, direkt, anrührend und gemein. Ein Treffen in Kreuzberg.

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© Pein, Andreas Literatur ist nichts, wenn sie nicht weh tut: Clemens Meyer hat ein Buch über die Kehrseite der Gegenwart geschrieben

Na ja, das hätte mich jetzt auch gewundert, wenn ich da nicht draufgestanden hätte“, sagt Clemens Meyer, als ich ihm zur Aufnahme seines neuen Romans „Im Stein“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gratuliere. Es ist Mittwoch, Sonne in Kreuzberg, eine blaugekachelte Bar, Clemens Meyer im himmelblauen Knitterhemd, Sakko und Durs-Grünbein-Brille. Die Longlist mit zwanzig Titeln ist gerade erst bekanntgegeben worden.

Er scheint wirklich nicht sehr beeindruckt. Profi. Wie anders damals, 2008, als er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, alle saßen so still in der Leipziger Messehalle in ihren Reihen, und dann hieß es plötzlich: „Meyer hat gewonnen“, und er sprang auf, riss eine offene Bierflasche in die Höhe, jubelte laut, und die Halle jubelte mit.

Ein Buch über die unsichtbare Gegenwart der Prostitution

Heute wirkt er zufrieden und erschöpft. „Ausgehöhlt“ von der Arbeit, sagt er. Von der Arbeit an diesem Klotz: 550 Seiten dick ist sein neuer Roman, eine Reise in die Nacht, brutal, dunkel, traumwandlerisch, surreal und oft grauenhaft präzise. Ein Buch über unser Land, unsere Gegenwart. Aber über die unsichtbare Gegenwart, das Leben jenseits einer unsichtbaren Grenze. Es ist ein Buch über Prostitution in Deutschland, über Prostituierte, Luden, Wohnungsvermieter, Kunden, Kinder, die Hells Angels, Könige der Nacht. Ein Buch über die Schattenwelt, in der sich so viele Menschen in Deutschland bewegen, ohne darüber zu sprechen. 400000 Prostituierte gibt es in Deutschland nach offiziellen Angaben, in Wahrheit sind es vermutlich sogar eine Million. 95 Prozent der Prostituierten sind Frauen, 95 Prozent der Kunden Männer. Ein gigantischer Wirtschaftszweig, eine andere Welt.

Es ist verrückt und unheimlich, wie gut sich der Schriftsteller Clemens Meyer in dieser Welt auszukennen scheint. „Ich habe da Erfahrungen. Mehr sage ich dazu nicht“, erklärt er. Und dass am Anfang des Schreibens ein Zeitungsbericht stand, den er 1998 las, in dem vom Sturz eines Mannes berichtet wurde, der in Leipzig Wohnungen an Prostituierte vermietete. „Das hatte irgendwie Größe. Wie dieser Mann von seinem Thron gestoßen wurde und sein Imperium zerfiel. Und ich dachte mir damals, wenn er wieder aufsteht, wird er noch mächtiger werden.“ Ein solcher Mann, ein Wohnungsvermieter, ist auch einer der Menschen, die in diesem Buch immer wieder auftauchen. Niemand spricht so viel von Moral wie er. Und wie die Welt aussähe, wenn er sich nicht kümmern würde um die „Mädchen“. Er kümmert sich.

Zum Semesterbeginn saß er wegen Diebstahls im Gefängnis

Wenn Meyer diese Männerwelt beschreibt, ist er in seinem Element. Er hatte sie schon in seinem ersten Roman „Als wir träumten“ aus dem Jahr 2006 über eine phantastische Freundschaftsbande Leipziger Kleinkrimineller beschrieben. Und in Interviews dann gern bestätigt, dass er sich in dieser Welt so gut auskenne, weil er selbst in ihr gelebt habe und immer noch lebe. Zum ersten Semester im Leipziger Literaturinstitut konnte er zunächst nicht erscheinen, weil er wegen Autodiebstahls ins Gefängnis musste. „Shit happens“, soll sein Seminarleiter Burkhard Spinnen damals dazu gesagt haben.

Also Männer, Gewalt, Boxen, Alkohol und Verbrechen: Das sind inzwischen, einen Erzählungs- und einen Tagebuchband später, schon beinahe so etwas wie Meyer-Klischees geworden. Umso überraschender, dass in seinem neuen Buch die Frauen im Zentrum stehen, die Prostituierten sind die beeindruckendsten Figuren. Nicht nur, weil sie die Opfer sind. Es sind natürlich auch gar nicht alle Opfer, das Wort kommt im Roman kaum vor. Sondern weil sie so direkt reden und so klug und sich ihre Lage so verzweifelt schöndenken und Clemens Meyer das immer wieder in inneren Dialogen darstellt, die meisterhaft sind. „Wenn ich die ganze Zeit ich selbst bin, würde es nicht gehen“, denkt eine.

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