29.07.2004 · Man braucht dafür etwa vier Wochen, in denen man nur ißt, schläft, liest und dem Gelesenen nachsinnt. Uwe Johnsons „Jahrestage“ sind ein Leben, schrecklich, schön und endlos zwischen dem ersten und dem letzten Satz.
Ich liebe die "Jahrestage". Die Liebe zu einem Buch läßt sich sowenig erklären wie die zu einem Menschen. Man kann seine Vorzüge benennen, um dann festzustellen, daß sie den Kern kaum mehr berühren als die Beschreibung der Schwächen. Einer der Vorzüge der "Jahrestage" ist zugleich ihr größter Fehler: Sie sind lang. Fast zweitausend Seiten. Man braucht dafür etwa vier Wochen, in denen man nur ißt, schläft, liest und dem Gelesenen nachsinnt.
Der Länge entspricht das Tempo: "Jahrestage" sind langsam. Figuren und Themen werden ohne Eile entfaltet, in dem Bewußt-Sein, daß dem gehetzten Blick das Wesentliche entgeht. Diese Langsamkeit zwingt den Leser, der die Schnittfrequenz neuer Medien gewohnt ist, seine Wahrnehmung umzustellen. Anfangs wehrt er sich dagegen wie gegen die Stille eines Klosters, bis in dieser Stille Dinge zutage treten, die man noch nie gesehen hat. Als erstes beginnen die Sätze zu leuchten. Auf jeder Seite findet man einen, den man behalten möchte, um ihn sich vorsprechen zu können in schwieriger Lage.
Diese Sätze erzählen Geschichten "aus dem Leben von Gesine Cresspahl", anrührend intim, befremdlich normal, unnachgiebig genau. Gesine wurde 1933 in Mecklenburg geboren und lebt als Bankangestellte mit ihrer Tochter Marie im New York des Jahres 1967. Sie erinnert sich, damit Marie eine Vergangenheit hat, die über ihre Geburt hinausreicht. So werden die "Jahrestage" zur Chronik der ersten siebzig Jahre des 20. Jahrhunderts.
Ich kenne kein Buch, in dem die Wechselwirkungen von historischen Ereignissen und privatem Leben derart klar erkennbar sind. Politisches und Persönliches gehen ineinander über, ebenso wie Gut und Böse. Vor allem aber erhält man Zutritt zur Welt eines anderen Menschen wie sonst höchstens zur eigenen, und man verläßt sie äußerst ungern wieder. Die "Jahrestage" sind mehr als nur ein Buch. Sie sind ein Ausschnitt aus dem Ozean der Geschichten, der ein Leben ist, schrecklich, schön und endlos zwischen dem ersten und dem letzten Satz.