Es gibt immer noch einen „tieferen Tiefpunkt“, Rudi Völlers legendärem Wutausbruch gegen besserwisserische Kritiker zum Trotz. Gerade glaubt man, die Temperaturen könnten nicht mehr weiter sinken, da kommt’s dicke: 26 Grad minus in Delitzsch. Und wer dachte, bei der Herabwürdigung der Belletristik zu einem der Wärmflasche analogen Feierabendgenuss sei einmal ein Allzeittief erreicht, erfährt, dass es immer noch Luft nach unten gibt. Christine Westermann, Moderatorin und Buchempfehlerin beim Westdeutschen Rundfunk („Zimmer frei“, „frauTV“), gibt in der Januar-Ausgabe des „Buchreports“ ein Interview, das alle Hoffnungen auf eine Bodenbildung zunichtemacht.
Bücher sind bei ihr reine Gefühlssache, entführen aus dem „schnöden Alltag“ in eine „andere Welt“, ihre Wertschätzung ist allein eine Frage der „Leidenschaft“. Von Verstand oder gar Bildung ist hier ausdrücklich nicht die Rede. Den Literaturkritikern fehle der „Bezug zum richtigen Leben“, zur arbeitenden Bevölkerung, denen „akademische Fragen relativ wurscht“ seien und die vor allem nicht „intellektuell zugedröhnt“ werden wollten. „Um es ganz platt zu sagen: Ich bin den Leuten auf der Straße näher.“ Um es ganz platt zu sagen, glaubt Frau Westermann wohl, so den Vorstellungen der Fernsehprogrammverantwortlichen näher zu sein.
Denn das Interview kann nicht anders als ein öffentliches Bewerbungsschreiben für die Nachfolge von Elke Heidenreich verstanden werden – mit der Allzweckwaffe Jörg Thadeusz bringt sie sogar schon einen Komoderator ins Spiel, der „Herz hat“ und „Gefühl kennt“. Die gefühl- und herzlosen „Hochfeuilletonisten“ nämlich sind nach Frau Westermann auch noch schuld daran, dass jeder Vierte kein Buch liest: Wie viele junge Leseratten aus Köln-Chorweiler oder dem Gallusviertel wohl durch die Leidenschaftslosigkeit der Buchmessenaufmacher schon rappenden Rattenfängern in die Arme gelaufen sind! Frau Westermann wird sie alle retten vor den kalten Roboterhirnen mit ihren „akademischen“ Analysen, die alles „literarisch eingeordnet“ haben wollten. Bei der Betrachtung des „Literarischen Quartetts“ sei sie früher immer „auf Minimalgröße geschrumpft“, weil sie gedacht habe, „herrje, du weißt gar nichts“. Heute sei es ihr egal, ob „Der weiße Tiger“ mit dem „Simplicius Simplicissimus“ vergleichbar ist, möge ihr Reich-Ranicki dafür auch „den Kopf abreißen“. Der mit Quote im Rücken schamlos vorgetragene Anti-Intellektualismus ist ein versteckter Minderwertigkeitskomplex. Wenn der zur Grundlage von Literaturbetrachtung im Fernsehen werden sollte, kann es in der Tat gar nicht simpel genug sein. rik
Bitte nicht!
Robert Klemme (rklemme)
- 06.01.2009, 18:30 Uhr