Heute Abend wird in Zürich von seinem Autor ein Roman vorgestellt, der seit seinem Erscheinen vor vier Wochen für Erregung sorgt. Gegen „Imperium“ von Christian Kracht wurde im „Spiegel“ Faschismusverdacht erhoben, was ebenso lautstark von zahlreichen Schriftstellerkollegen und Kritikern zurückgewiesen worden ist. Dennoch sagte der sensible Autor seine ersten Lesetermine in Deutschland ab. In der heimatlichen Schweiz traut er sich jetzt erstmals aus der Deckung. Doch pünktlich zu diesem Termin wird das Sperrfeuer wieder eröffnet, nur diesmal aus anderer Richtung.
Das Imperium, das der Titel von Krachts Roman benennt, ist nicht nur die deutsche Kolonialverwaltung auf dem Bismarck-Archipel, nicht nur das neue Ernährungssystem des „Kokovorismus“ (Kokosnussessens), das Krachts zentrale Figur August Engelhardt in der Südsee etablieren möchte, nicht nur die Konkurrenz der Weltreiche, die am Schluss des Romans im Ersten Weltkrieg gipfelt - es ist auch und vor allem das Imperium des Autors selbst: das Buch als sein Herrschaftsgebiet, wo er über Zeiten, Zeichen und Zitate gebietet wie ein absoluter Herr.
Eine Liste mit Parallelstellen
Nun gilt diese Allgewalt gegenüber dem eigenen Text für jeden Schriftsteller, und wie es der Zufall wollte, hat fast genau ein Jahr vor Kracht ein anderer deutschsprachiger Autor ebenfalls einen Roman über den historischen Lebensreformer Engelhardt (1875 bis 1919) und dessen geplatzten Südseetraum veröffentlicht. Marc Buhl hat sein Buch „Das Paradies des August Engelhardt“ genannt, sich dann nicht schlecht gewundert, dass dieser Sonderling so rasch einen weiteren schreibenden Liebhaber fand, und schließlich sehr genau Krachts „Imperium“ gelesen. Über das Ergebnis dieser Lektüre gab Buhl jetzt dem Nachrichtenmagazin „Focus“ Auskunft: Er spricht von „Übernahmen“, aber seit Hegemann und Guttenberg hört man natürlich „Plagiat“. Rechtliche Schritte will Buhl nicht ergreifen, doch er hat eine Liste mit Parallelstellen erarbeitet, die dieser Zeitung vorliegt. Zehn kurze Passagen werden darin aus beiden Romanen verglichen, und Buhl teilt mit, dass es noch mehr auffällige Ähnlichkeiten gebe.
Wie sehen die Übernahmen aus? Identische Formulierungen aus Buhls Buch finden sich nicht in Krachts Text, es gibt aber inhaltliche Parallelen, die nicht auf die biographischen Quellen zu Engelhardts Leben zurückgehen. Zum Beispiel den Fall eines Hochzeitsrituals auf der Insel Kabakon, das beide Bücher schildern: Eine Kokosnuss wird geöffnet und ihre Milch über das Brautpaar gegossen. Buhl betont, dass es diese Sitte in der Region gar nicht gebe, also muss Kracht sich hier vom anderen Roman inspiriert haben lassen.
Nun macht „Imperium“ gar keinen Hehl daraus, dass sein Text ein großes Verweisspiel auf die einschlägige Abenteuerliteratur in Gang setzt, und die Interpreten haben auch schon fleißig die Spuren der einschlägigen Vorläufer darin verfolgt. In der Tat ist das ganze Buch eine Collage aus Wirklichkeit und Fiktion, für die Kracht munter in den verschiedenen Gattungen plündert, was in seine Sprachlust am frühen zwanzigsten Jahrhundert passt. Der als Begründer der Popliteratur bekannt Gewordene gefällt sich in der Rolle eines Genreschriftstellers, der das Ganze aber mit stilistischem Ehrgeiz angeht. Für die komplexen Satzstrukturen in „Imperium“ hat indes noch niemand das Urheberrecht von Thomas Mann eingeklagt.
Ein bislang von den Interpreten übersehenes tatsächliches Plagiat mag die Vorgehensweise von „Imperium“ klarmachen. Es handelt sich um das Offensichtlichste am Buch überhaupt: sein Titelbild. Laut Impressum stammt das Motiv von dem Hamburger Gestalter Dominik Monheim. Es ist jedoch eine nur notdürftig kaschierte Übernahme aus einem Comic: „Das Schicksal der Maria Verita“ aus Frank Le Galls Albenreihe „Theodor Pussel“. Diese Geschichte endet mit dem Bild eines abfahrenden Schiffs. Für „Imperium“ wurde ein Ausschnitt daraus entnommen, das Schiff gegen ein ankommendes ausgetauscht, ein paar Details retuschiert - und fertig ist ein perfekt passendes Cover, denn auch die „Theodor Pussel“-Abenteuer haben ihren Schauplatz in der Südsee.
Einen Schlüssel zur Lektüre
Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch kann sich nicht erklären, wie diese Übernahme zustande kam. Dabei ist es so einfach: In Krachts Buch gibt es eine explizite Anspielung auf „Theodor Pussel“: Es tritt ein „Herr November“ auf, und das ist neben dem Titelhelden die zweite Hauptfigur aus Frank Le Galls Comicserie. Kracht kennt sie also, und somit wird Monheim (der 1998 schon die Illustrationen zu Krachts „Ferien für immer“ anfertigte und dafür den Stil des Comiczeichners Hergé wählte) der Hinweis auf das seinem Stoff kongeniale Bild zu verdanken gewesen sein. Schäbig nur, dass dann die Urheberschaft von Le Gall verschwiegen wurde.
Mit diesem Titelbild legt Kracht einen Schlüssel zur Lektüre seines Romans bereit: Alle großen Abenteuererzählungen - aus Literatur, Film oder Comic - sind darin verwoben. Nehmen wir nur Kapitel 11, in dem Herr November eingeführt wird. Er ist der Begleiter eines gewissen Christian Slütter, deutscher Leutnant zur See, an dessen Seite das rätselhafte Mädchen Pandora auftritt. Wer erst einmal auf die Spur gesetzt wurde, hat kein Problem, in diesem Paar zwei Protagonisten des berühmtesten aller Südseecomics, Hugo Pratts 1967 begonnener „Südseeballade“, zu identifizieren, deren Liebesgeschichte Kracht auf zauberhafte Weise variiert.
Oder besser: Er veredelt Pratts Vorlage. In „Imperium“ steckte Kracht alles, was ihn in den letzten Jahren fasziniert hatte: die Geschehnisse an den unbekannten Schauplätzen des Ersten Weltkriegs, die Phantastik der orientalischen Märchen und einzelner westlicher Erzähler wie Poe oder Jules Verne und vor allem die Abenteuerliteratur von Conrad, London, Stevenson. Marc Buhl ist also in bester Gesellschaft. Der zweite Satz dieses letzten Absatzes ist übrigens auch ein Plagiat: aus meinem eigenen alten Vorwort zur „Südseeballade“. Nur die Namen der Bücher und Autoren wurden ausgetauscht. Aber alles stimmt.
Postmodernistisches Herumgezappel
Björn Hiemer (bhiemer)
- 07.03.2012, 14:05 Uhr