http://www.faz.net/-gqz-8crxy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.01.2016, 23:34 Uhr

Kritische „Mein Kampf“-Edition Das verkannte Genie schimmert immer durch

Wird sich das Bild Hitlers durch die kritische Ausgabe von „Mein Kampf“ verändern? Christian Hartmann, der federführende Herausgeber, glaubt, dass viele seiner Historikerkollegen Hitler noch immer unterschätzen.

von
© Picture-Alliance Hitler, der Baumeister, führt den italienischen Wirtschaftsminister (links) durch eine Ausstellung über Kunst und Architektur

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka kann sich vorstellen, die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“, die unter Ihrer Leitung erarbeitet worden ist, in der Schule lesen zu lassen. „Die kritische Edition vom Institut für Zeitgeschichte München“, so sagte sie unseren Kollegen von der „Passauer Neuen Presse“, „ hat genau das Ziel, zur politischen Bildung beizutragen.“ In welchem Sinne ist Ihre Ausgabe eine kritische Edition?

Patrick Bahners Folgen:

Als wir mit der Arbeit begonnen haben, war in der Presse häufig von der historisch-kritischen Edition die Rede. Dabei ist das eigentlich etwas anderes. Ich habe den Begriff  gelegentlich korrigiert, aber irgendwann so stehengelassen. Von „Mein Kampf“ ist kein Originalmanuskript erhalten, mit Ausnahme von zwanzig Originalblättern. Diese haben wir allerdings sehr intensiv genutzt, insbesondere in den Kapiteleinleitungen. Bei einem solchen Manuskriptbefund ist eine historisch-kritische Edition im literaturwissenschaftlichen Sinne nicht möglich. Wir haben ohnehin eine seltsame Ausgangslage: die Publikation einer Quelle, die millionenfach vorhanden ist. Es gab insgesamt  tausend Auflagen, die sprachlich nur geringfügig überarbeitet wurden.

Gab es Vorbilder, an denen Sie sich bei Ihrem Vorhaben orientieren konnten?

Mehr zum Thema

Die Editionsphilologie ist eine Spezialwissenschaft. An der Universität hier in München gibt es das MüZE, das Münchner Zentrum für Editionswissenschaft. Mit den dortigen Fachleuten habe ich gesprochen, aber für unsere Edition gibt es wenig Vergleichbares. Ich habe an den Akten zur deutschen auswärtigen Politik mitgearbeitet. Als Geisteswissenschaftler hat man eine gewisse Ehrfurcht vor den großen editorischen Unternehmungen. Ganz gut kenne ich die Leute der Max-Weber-Edition. Die Arbeit an der Edition war aber auch ein Emanzipationsprozess; wir haben uns freigeschwommen.

Unhistorisch und unkritisch will Ihre Edition naturgemäß nicht sein. In welchem über die Textkritik hinausgreifenden Sinne kann man sie als kritisch beschreiben?

Es handelt sich um eine interpretierende Edition, eine Edition mit Standpunkt. Wir bieten, was die klassische Edition macht: Kontextualisierung in Form von Sacherläuterungen, aber es geht auch um Richtigstellung der Aussagen Hitlers. Etwas ganz Ungewöhnliches ist ein regelmäßiger Ausblick in die damalige Zukunft. Jede ideologische Schrift macht mehr oder weniger vage Versprechungen. Um genau diesen Charakter zu brechen, schien uns dieser überprüfende Vorgriff ganz wichtig. Hitlers Behauptungen erfahren Bestätigung und Widerlegung durch die spätere Entwicklung.

38224342 © AFP Vergrößern Christian Hartmann

Stößt denn da auch der Kenner der Hitlerzeit, wenn er Hitlers Buch Seite für Seite studiert, noch auf Neues, auf übersehene Vorzeichen und Winke?

Es gibt beispielsweise eine Stelle, an der Hitler das Prinzip von Ernst Fraenkels „dual state“, das heißt der Eroberung des Normenstaats durch den Maßnahmenstaat, relativ genau beschreibt, ohne dass die Forschung das schon aufgegriffen hätte. Für solche begrifflich ergiebigen Erörterungen haben wir eine eigene Kategorie von Kommentaren. Stichwort Grundlagenforschung.

© AFP, reuters Kommentierte Neuausgabe von „Mein Kampf“ vorgestellt

An einem Vorgängerunternehmen im Institut waren Sie selbst beteiligt, der Edition von Hitlers Reden aus der Zeit vor dem 30. Januar 1933.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Antisemitismus in der AfD Das Judentum als innerer Feind

Antisemitismusforscher Marcus Funck bietet sich als Gutachter für die AfD in Stuttgart an. Was er von den Schriften von Wolfgang Gedeon hält, sagt er im FAZ.NET-Gespräch. Mehr Von Rüdiger Soldt

22.06.2016, 19:17 Uhr | Aktuell
Kino Götz George im Film Mein Kampf

Im sächsischen Zittau laufen die Dreharbeiten zum Film Mein Kampf des Schweizer Regisseurs Urs Odermatt nach einem Theaterstück von George Tabori. Mehr

27.06.2016, 08:36 Uhr | Videoarchiv
AfD-Abgeordneter Gedeon Forscher: Schriften eindeutig antisemitisch

Wegen des Vorwurfs des Antisemitismus wollte AfD-Chef Meuthen einen Abgeordneten ausschließen. Jetzt lässt Gedeon sein Amt ruhen – und will ein Gutachten abwarten. Solange ändert sich nichts für ihn. Experten sind sich einig über seine Schriften. Mehr Von Rüdiger Soldt, Stuttgart

22.06.2016, 19:17 Uhr | Politik
Düsseldorf Mutmaßliche IS-Zelle in Deutschland ausgehoben

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft sollen drei Syrer in Düsseldorf einen Anschlag geplant haben. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen Ralf Jäger gab einige Details bekannt: Es gab ganz offensichtlich Planungen nach dem sogenannten Mumbai-Style Anschläge an mehreren Punkten zeitgleich durchzuführen, sowohl auch mit Sprengstoffen, aber der Reifegrad war noch nicht so, dass es konkrete Vorbereitungen über diese Planungen hinaus gegeben hat, weil eben jetzt, Gott sei Dank, die Informationen früh geflossen sind und direkt zugeschlagen werden konnte. Mehr

02.06.2016, 18:33 Uhr | Politik
Judith Kerr und Axel Scheffler Wenn diese Tür zufällt, geht keine andere auf

Sie gehören zu den bedeutendsten Kinderbuchautoren der Gegenwart, beide stammen aus Deutschland und leben in England. Wie wurden Judith Kerr und Axel Scheffler aufgenommen? Und was sagen sie jetzt zur Debatte um den Brexit? Mehr Von Tilman Spreckelsen

20.06.2016, 11:32 Uhr | Feuilleton
Glosse

Halvardämmerung

Von Tilman Spreckelsen

Der schwedische Autor Runer Jonsson feiert seinen hundertsten Geburtstag. Ein guter Anlass, sich nach dem Verbleib von Wickie und Halvar zu erkundigen. Mehr 1