http://www.faz.net/-gqz-8crxy

Kritische „Mein Kampf“-Edition : Das verkannte Genie schimmert immer durch

Hitler, der Baumeister, führt den italienischen Wirtschaftsminister (links) durch eine Ausstellung über Kunst und Architektur Bild: Picture-Alliance

Wird sich das Bild Hitlers durch die kritische Ausgabe von „Mein Kampf“ verändern? Christian Hartmann, der federführende Herausgeber, glaubt, dass viele seiner Historikerkollegen Hitler noch immer unterschätzen.

          Bundesbildungsministerin Johanna Wanka kann sich vorstellen, die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“, die unter Ihrer Leitung erarbeitet worden ist, in der Schule lesen zu lassen. „Die kritische Edition vom Institut für Zeitgeschichte München“, so sagte sie unseren Kollegen von der „Passauer Neuen Presse“, „ hat genau das Ziel, zur politischen Bildung beizutragen.“ In welchem Sinne ist Ihre Ausgabe eine kritische Edition?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Als wir mit der Arbeit begonnen haben, war in der Presse häufig von der historisch-kritischen Edition die Rede. Dabei ist das eigentlich etwas anderes. Ich habe den Begriff  gelegentlich korrigiert, aber irgendwann so stehengelassen. Von „Mein Kampf“ ist kein Originalmanuskript erhalten, mit Ausnahme von zwanzig Originalblättern. Diese haben wir allerdings sehr intensiv genutzt, insbesondere in den Kapiteleinleitungen. Bei einem solchen Manuskriptbefund ist eine historisch-kritische Edition im literaturwissenschaftlichen Sinne nicht möglich. Wir haben ohnehin eine seltsame Ausgangslage: die Publikation einer Quelle, die millionenfach vorhanden ist. Es gab insgesamt  tausend Auflagen, die sprachlich nur geringfügig überarbeitet wurden.

          Gab es Vorbilder, an denen Sie sich bei Ihrem Vorhaben orientieren konnten?

          Die Editionsphilologie ist eine Spezialwissenschaft. An der Universität hier in München gibt es das MüZE, das Münchner Zentrum für Editionswissenschaft. Mit den dortigen Fachleuten habe ich gesprochen, aber für unsere Edition gibt es wenig Vergleichbares. Ich habe an den Akten zur deutschen auswärtigen Politik mitgearbeitet. Als Geisteswissenschaftler hat man eine gewisse Ehrfurcht vor den großen editorischen Unternehmungen. Ganz gut kenne ich die Leute der Max-Weber-Edition. Die Arbeit an der Edition war aber auch ein Emanzipationsprozess; wir haben uns freigeschwommen.

          Unhistorisch und unkritisch will Ihre Edition naturgemäß nicht sein. In welchem über die Textkritik hinausgreifenden Sinne kann man sie als kritisch beschreiben?

          Es handelt sich um eine interpretierende Edition, eine Edition mit Standpunkt. Wir bieten, was die klassische Edition macht: Kontextualisierung in Form von Sacherläuterungen, aber es geht auch um Richtigstellung der Aussagen Hitlers. Etwas ganz Ungewöhnliches ist ein regelmäßiger Ausblick in die damalige Zukunft. Jede ideologische Schrift macht mehr oder weniger vage Versprechungen. Um genau diesen Charakter zu brechen, schien uns dieser überprüfende Vorgriff ganz wichtig. Hitlers Behauptungen erfahren Bestätigung und Widerlegung durch die spätere Entwicklung.

          Christian Hartmann
          Christian Hartmann : Bild: AFP

          Stößt denn da auch der Kenner der Hitlerzeit, wenn er Hitlers Buch Seite für Seite studiert, noch auf Neues, auf übersehene Vorzeichen und Winke?

          Es gibt beispielsweise eine Stelle, an der Hitler das Prinzip von Ernst Fraenkels „dual state“, das heißt der Eroberung des Normenstaats durch den Maßnahmenstaat, relativ genau beschreibt, ohne dass die Forschung das schon aufgegriffen hätte. Für solche begrifflich ergiebigen Erörterungen haben wir eine eigene Kategorie von Kommentaren. Stichwort Grundlagenforschung.

          München : Kommentierte Neuausgabe von „Mein Kampf“ vorgestellt

          An einem Vorgängerunternehmen im Institut waren Sie selbst beteiligt, der Edition von Hitlers Reden aus der Zeit vor dem 30. Januar 1933.

          Weitere Themen

          Erste Erfolge im Kampf gegen Waldbrände Video-Seite öffnen

          Kalifornien : Erste Erfolge im Kampf gegen Waldbrände

          Der Feuerwehr gelang es, zwei der heftigsten Feuerbrünste einzudämmen. Die Zahl der Toten ist unterdessen auf mindestens 40 Opfer gestiegen. Ein Ende des Großbrands im amerikanischen Westen ist derweil noch nicht abzusehen.

          Ein bisschen Spaß muss sein Video-Seite öffnen

          Yamaha YMZ 1000 : Ein bisschen Spaß muss sein

          Yamahas neues Quad YMZ1000R/SE ist ein motorisiertes Fahrzeug, das für rein gar nichts anderes gut ist, als Spaß damit zu haben. Aber das ist ja auch schon was.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Übergabe in schwierigen Zeiten: Tillich und sein designierter Nachfolger Kretschmer am Donnerstag in Dresden

          Tillichs Rücktritt : Im Tal der Ratlosen

          Stanislaw Tillich hatte sich nie um sein Amt gerissen. Dass er nun zurücktreten will, hat Sachsens CDU dennoch überrascht. Wie geht es nun weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.