16.12.2009 · Chesley B. Sullenberger ist über Nacht zum Idol einer ganzen Nation geworden. Der Pilot aber hebt nicht ab. Das erste Interview nach seiner Notwasserung führte er mit einer Schülerzeitung.
Von Peter-Philipp Schmitt, KölnEinen Fehler beging er doch. „Dies ist, äh, Cactus fünfzehn neununddreißig“, sagte Chesley Sullenberger, nachdem er seinen Notruf „Mayday! Mayday! Mayday! . . .“ abgesetzt hatte. Hätte sich die falsche Angabe verhängnisvoll auswirken können? Durchaus. Denn auch der Fluglotse Patrick Harten vom New Yorker Flughafen LaGuardia verwendete in der Folge fast durchweg falsche Flugnummern: „Kontrollturm, stoppen Sie sofort Ihre Abflüge. Wir haben eine Notfallrückkehr . . . Es ist fünfzehn neunundzwanzig. Vogelschlag. Er hat alle Triebwerke verloren.“ Rückblickend wird allerdings klar, dass Harten genau wusste, welche Maschine in Not geraten war. Als sie schließlich von seinem Radar verschwand, gab es für ihn keinen Zweifel: US-Airways Flug 1549 mit Kapitän Sullenberger und 154 weiteren Menschen an Bord war über New York abgestürzt. An Überlebende glaubte Harten nicht.
Chesley B. Sullenberger ist nach Köln gekommen, um sein Buch über die Ereignisse am 15. Januar dieses Jahres vorzustellen. Darin schildert er (in drei von insgesamt 19 Kapiteln) minutiös die Beinahe-Katastrophe, die mit der Notwasserung auf dem Hudson ein glückliches Ende fand. Ruhig und überlegt, so scheint Sullenberger in den nur etwa dreieinhalb Minuten gewesen zu sein, die zwischen Vogelschlag (ein Zug Kanadagänse geriet in die Flugbahn der gerade gestarteten Maschine und zerstörte beide Triebwerke) und Bruchlandung lagen. Sullenberger nahm sich sogar noch die Zeit, 90 Sekunden vor dem Aufschlag auf dem Wasser mit seiner Crew und den Passagieren zu sprechen – und sich zuvor über seine Worte Gedanken zu machen: „Ich wollte sehr direkt sein. Ich wollte nicht aufgebracht oder alarmiert klingen. Ich wollte professionell klingen.“ Und so sagte er mit seiner angenehm tiefen Stimme: „Hier spricht der Kapitän. Nehmen Sie die Schutzhaltung für eine Notlandung ein!“ Auch danach brach keine Panik an Bord aus – im Gegenteil: Perfekter, so möchte man glauben, kann ein Unglück kaum verlaufen.
Hat Sullenberger eine Erklärung für seinen einzigen Fehler?
Und doch dieser Fehler. Hat Sullenberger eine Erklärung dafür? „Wenn ich mir heute die Tonbandaufzeichnungen des Funkverkehrs anhöre, dann merke ich schon, dass Patrick und ich unter Stress standen.“ Der Satz entbehrt nicht der Komik, entspricht aber Sullenbergers Naturell. Der Amerikaner ist das Idealbild eines Piloten. Obwohl das 75 Tonnen schwere Flugzeug schnell in den Fluten des Hudson zu versinken drohte, suchte er noch zweimal seine Maschine nach der Notwasserung ab, kämpfte sich dabei durch das zum Teil schon hüfthohe eiskalte Wasser im Innenraum, um nur ja sicherzugehen, dass keiner seiner Passagiere zurückblieb. Seinen Mantel gab der Durchnässte danach wie selbstverständlich einem frierenden Passagier – die Außentemperatur lag bei minus sechs Grad Celsius. Noch Stunden nach seiner Rettung war ihm nichts wichtiger, als zu erfahren, ob auch alle das Unglück überlebt hatten. Was nicht ganz einfach war, denn Crew und Passagiere waren an beide Ufer des Flusses gebracht worden. Erst nach vier Stunden erreichte Sullenberger die erlösende Nachricht.
Ein Held will der 58 Jahre alte Sullenberger partout nicht sein. Das vermittelt auch sein Buch, dessen Titel etwas missglückt ins Deutsche übersetzt wurde. Heißt es im Englischen mehrdeutig: „Highest Duty. My Search for What Really Matters“, so ist aus der obersten Pflicht, die er ganz oben, über den Wolken, erfüllt, und seiner Suche nach dem, was wirklich zählt, ein offenbar aufs Moralische abzielender Titel „Man muss kein Held sein. Auf welche Werte es im Leben ankommt“ geworden. Sullenberger, der im Buch ausführlich von seiner Kindheit und Jugend berichtet, von seinen ersten Flugstunden als Sechzehnjähriger, der Zeit beim Militär, der Adoption seiner Töchter Kate und Kelly und sogar dem Suizid seines Vaters („Offen gestanden glaube ich, dass der Selbstmord meines Vaters einer der Gründe dafür ist, warum ein Menschenleben für mich ein so hohes Gut darstellt“), beschreibt sich selbst als ruhig und ernst, als schüchtern sogar und „klassisch introvertiert“, als ordnungsliebend, diszipliniert, penibel. Er sei „verantwortungsvoll und fähig“, auf keinen Fall „ein Tom Cruise“ (wie man ihn aus dem Film „Top Gun“ kennt), also die „Karikatur eines Piloten“.
Dass andere in ihm einen Helden sehen, damit kann er leben
Dass der „Held vom Hudson“ seit Januar Zehntausende Briefe und E-Mails bekommen und mehr als 635 000 Fans auf Facebook hat, beeindruckt ihn schon. Der Definition eines Helden aber entspreche er trotzdem nicht. Er habe sich sein Schicksal ja nicht selbst ausgesucht, sei eben nicht in ein brennendes Gebäude gestürmt. Dass er 155 Menschenleben gerettet hat, sein eigenes eingeschlossen, das ergab sich so. „Der Notfall brach plötzlich über mich und meine Besatzung herein.“ Dass andere in ihm einen Helden sehen, damit kann er leben. Warum auch nicht? Ein wenig Hoffnung, das passt in die Zeit.
Damals, Mitte Januar, waren hoffnungsvolle Zeiten. George W. Bushs Tage im Weißen Haus waren so gut wie abgelaufen, der neue Hoffnungsträger stand vor der Tür. Und so war es „wiederum Schicksal“, dass Flug 1549 genau in jenen Übergangstagen auf dem Hudson notlandete. Sullenberger spürte den Wandel hautnah: Nur wenige Stunden nach der wunderbaren Rettung meldete sich der amerikanische Präsident telefonisch bei ihm und gratulierte dem in nur fünf Minuten und acht Sekunden zum Idol einer ganzen Nation gewordenen Sullenberger. („Sie stammen aus Texas, nicht wahr?“ – „Ja, Mr. President.“ – „Nun, das erklärt ja alles.“) Vier Tage später schon stand der Pilot mit Ehefrau Lorrie neben dem neuen amerikanischen Präsidenten. Familie Sullenberger durfte Barack Obama zur Amtseinführung begleiten. (Dabei sagte der Präsident zu Sullenbergers Frau: „Sie sorgen mir schon dafür, dass das alles Ihrem Mann nicht zu Kopf steigt, nicht wahr?“ Lorrie Sullenberger antwortete: „Die Leute halten ihn vielleicht für einen Helden, aber schnarchen tut er noch immer.“ – Präsident Obama lachte und sagte: „Genau das sagt meine Frau auch über mich.“)
Seine Geschichte verkaufte er nicht an eine große amerikanische Zeitung
Wer für ihn ein Held sei? Ohne zu Zögern nennt Sullenberger Abraham Lincoln. Denn Lincoln habe – und das sehr entschlossen – die damals geteilte Nation nach dem Bürgerkrieg wiederaufrichten wollen. Um Ruhm geht es Sullenberger ebenfalls nicht: Seine Geschichte verkaufte er nicht etwa an eine große amerikanische Zeitung. Das erste Interview führte er mit der Schülerzeitung „Wildcat Tribune“ der Dougherty Valley High School, die seine Tochter Kate besucht. „Jega Sammugam, der Chefredakteur, ein Schüler der zweiten Jahrgangsstufe, war gut vorbereitet. Er war pfiffig. Er stellte großartige Fragen. Und er machte mich nicht nervös.“
„Sully“, wie ihn längst nicht mehr nur enge Freunde in seinem Heimatstädtchen Danville (Kalifornien) nennen, empfindet sein neues Leben inzwischen fast als normal. Er schläft wieder durch, träumt nicht von den „vielen lebensverändernden“ Ereignissen – und er fliegt auch wieder. Am 1. Oktober startete er sogar in LaGuardia, an seiner Seite saß, wie am 15. Januar, der Erste Offizier Jeffrey Skiles, und sein Fluglotse war Patrick Harten. „Wir wollten“, sagt Sullenberger, „den damals begonnenen Flug einfach noch zu einem guten Ende führen.“
nicht cool..
Michael Meier (never1)
- 16.12.2009, 09:28 Uhr
abgeklärt
Günter Blümel (guenterbluemel)
- 16.12.2009, 15:33 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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