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Chesley B. Sullenberger : Held wider Willen

Chesley Sullenberger: Held einer ganzen Nation Bild: AFP

Chesley B. Sullenberger ist über Nacht zum Idol einer ganzen Nation geworden. Der Pilot aber hebt nicht ab. Das erste Interview nach seiner Notwasserung führte er mit einer Schülerzeitung.

          Einen Fehler beging er doch. „Dies ist, äh, Cactus fünfzehn neununddreißig“, sagte Chesley Sullenberger, nachdem er seinen Notruf „Mayday! Mayday! Mayday! . . .“ abgesetzt hatte. Hätte sich die falsche Angabe verhängnisvoll auswirken können? Durchaus. Denn auch der Fluglotse Patrick Harten vom New Yorker Flughafen LaGuardia verwendete in der Folge fast durchweg falsche Flugnummern: „Kontrollturm, stoppen Sie sofort Ihre Abflüge. Wir haben eine Notfallrückkehr . . . Es ist fünfzehn neunundzwanzig. Vogelschlag. Er hat alle Triebwerke verloren.“ Rückblickend wird allerdings klar, dass Harten genau wusste, welche Maschine in Not geraten war. Als sie schließlich von seinem Radar verschwand, gab es für ihn keinen Zweifel: US-Airways Flug 1549 mit Kapitän Sullenberger und 154 weiteren Menschen an Bord war über New York abgestürzt. An Überlebende glaubte Harten nicht.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Chesley B. Sullenberger ist nach Köln gekommen, um sein Buch über die Ereignisse am 15. Januar dieses Jahres vorzustellen. Darin schildert er (in drei von insgesamt 19 Kapiteln) minutiös die Beinahe-Katastrophe, die mit der Notwasserung auf dem Hudson ein glückliches Ende fand. Ruhig und überlegt, so scheint Sullenberger in den nur etwa dreieinhalb Minuten gewesen zu sein, die zwischen Vogelschlag (ein Zug Kanadagänse geriet in die Flugbahn der gerade gestarteten Maschine und zerstörte beide Triebwerke) und Bruchlandung lagen. Sullenberger nahm sich sogar noch die Zeit, 90 Sekunden vor dem Aufschlag auf dem Wasser mit seiner Crew und den Passagieren zu sprechen – und sich zuvor über seine Worte Gedanken zu machen: „Ich wollte sehr direkt sein. Ich wollte nicht aufgebracht oder alarmiert klingen. Ich wollte professionell klingen.“ Und so sagte er mit seiner angenehm tiefen Stimme: „Hier spricht der Kapitän. Nehmen Sie die Schutzhaltung für eine Notlandung ein!“ Auch danach brach keine Panik an Bord aus – im Gegenteil: Perfekter, so möchte man glauben, kann ein Unglück kaum verlaufen.

          Hat Sullenberger eine Erklärung für seinen einzigen Fehler?

          Und doch dieser Fehler. Hat Sullenberger eine Erklärung dafür? „Wenn ich mir heute die Tonbandaufzeichnungen des Funkverkehrs anhöre, dann merke ich schon, dass Patrick und ich unter Stress standen.“ Der Satz entbehrt nicht der Komik, entspricht aber Sullenbergers Naturell. Der Amerikaner ist das Idealbild eines Piloten. Obwohl das 75 Tonnen schwere Flugzeug schnell in den Fluten des Hudson zu versinken drohte, suchte er noch zweimal seine Maschine nach der Notwasserung ab, kämpfte sich dabei durch das zum Teil schon hüfthohe eiskalte Wasser im Innenraum, um nur ja sicherzugehen, dass keiner seiner Passagiere zurückblieb. Seinen Mantel gab der Durchnässte danach wie selbstverständlich einem frierenden Passagier – die Außentemperatur lag bei minus sechs Grad Celsius. Noch Stunden nach seiner Rettung war ihm nichts wichtiger, als zu erfahren, ob auch alle das Unglück überlebt hatten. Was nicht ganz einfach war, denn Crew und Passagiere waren an beide Ufer des Flusses gebracht worden. Erst nach vier Stunden erreichte Sullenberger die erlösende Nachricht.

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