http://www.faz.net/-gqz-8xc2c

Celans Holocaust-Gedicht : Ein Todestango für die zerbrochene Welt

  • -Aktualisiert am

Paul Celan Bild: Picture-Alliance

Die Spuren der Bukowina: Paul Celans „Todesfuge“, das berühmteste Holocaust-Gedicht deutscher Sprache, erschien vor siebzig Jahren zuerst auf Rumänisch.

          Vor siebzig Jahren, am 2. Mai 1947 erschien in der Bukarester Zeitschrift „Contemporanul“ das Debüt eines sechsundzwanzigjährigen Autors, der sich Paul Celan nannte. Es handelt sich bei seinem Gedicht „Tangoul Morţii“ um die rumänische Übersetzung eines der bedeutendsten deutschsprachigen Gedichte nach 1945, das unter dem Titel „Todesfuge“ in Celans Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“ aufgenommen werden sollte. Da dieser vom Autor allerdings wegen zahlreicher Satzfehler zurückgezogen wurde, erreichte der deutsche Originaltext erst 1952, fünf Jahre nach der rumänischen Erstpublikation, ein größeres Lesepublikum.

          Dem Abdruck in „Contemporanul“ ist ein Holzschnitt beigegeben, auf dem ausgemergelte Hände und Arme zu sehen sind, die in einen Holztrog greifen. Darin: gelocktes Haar, das geschorene Haar der Deportierten, „dein goldenes Haar Margarete“, wie es bei Celan heißt. Den Titel „Tangoul Morţii“ trägt das Gedicht in der Übersetzung „Todestango“ auch in den frühen deutschen Manuskriptfassungen. Aufschlussreich ist auch die typographische Gestaltung dieses Erstdrucks: Beim Wort „Tangoul“ erinnert sie an die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als Bukarest noch als das Paris des Ostens galt. Die i-Punkte des „Morţii“, der Toten, werden dagegen von Hakenkreuzen gebildet und referieren damit überdeutlich auf das nationalsozialistische Regime, das der Aufbruchstimmung im Rumänien der 1920er und frühen dreißiger Jahre ein jähes Ende setzte. Rumänien verfolgte seine jüdische Bevölkerung, in grausamen Pogromen und eingepfercht in Lagern kamen mehr als 250 000 Menschen ums Leben.

          Auch Paul Celan verlor Freunde und Verwandte im rumänischen Holocaust. Geboren wurde er 1920 als Paul Antschel in Czernowitz, jenem östlichsten Punkt der einstigen Habsburgermonarchie, gelegen in der historischen Region Bukowina. Hier wuchs der junge Celan in einem mehrsprachig-multiethnischen Umfeld auf, er selbst beherrschte neben Deutsch und Rumänisch auch Ukrainisch und Jiddisch und erlernte später unter anderem Hebräisch, Russisch, Englisch und Französisch. Die Gedichte, die in dieser Zeit von dem Gymnasiasten und späteren Studenten verfasst wurden, sind vor allem als Abschriften aus dem Besitz von Freunden und Bekannten überliefert, einige befinden sich im Archiv des Nationalmuseums der Rumänischen Literatur in Bukarest. Hier werden auch Vorarbeiten zu einer Gedichtanthologie aufbewahrt, die Alfred Margul-Sperber, der Dichter und spätere Förderer Celans, vor allem in den dreißiger Jahren zusammentrug, wenngleich auch nicht veröffentlichen konnte. Neben Celan, noch unter dem Geburtsnamen Antschel, sind darin zeitgenössische jüdisch-deutsche Autorinnen und Autoren aus der Bukowina wie Rose Ausländer, Klara Blum, Alfred Kittner, Moses Rosenkranz, Ewald Ruprecht Korn und Margul-Sperber selbst vertreten. Ihre Dichtersprache war Deutsch. Als die Habsburgermonarchie zerfiel, wurde die Bukowina dem rumänischen Königreich angegliedert, dem Land, das sein Königshaus entmachten und sich mit Nazideutschland verbünden sollte.

          Weitere Themen

          Here We Go Again! Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Mamma Mia 2“ : Here We Go Again!

          Zehn Jahre nach dem ersten Teil kehrt das Abba-Musical zurück auf die Leinwand. Doch so richtig Stimmung möchte nicht aufkommen. Ohne Meryl Streep bleibt vor allem Melancholie übrig.

          Topmeldungen

          Auch an dem spektakulären Bankraub in Berlin soll ein Mitglied des Clans beteiligt gewesen sein.

          Razzia in Berlin : Münzraub, Bankraub, Geldwäsche

          In Berlin geht die Polizei gegen eine arabische Großfamilie vor. Den Mitgliedern wird eine ganze Bandbreite von Straftaten zur Last gelegt. Auf die Schliche kamen ihr die Ermittler durch eine unvorsichtige Handlung.

          Putin vs. Trump : Russland stößt amerikanische Staatsanleihen ab

          Das dürfte Donald Trump nicht gefallen: Russland wirft seit einiger Zeit seine amerikanischen Staatsanleihen auf den Markt. Damit will Putin vom Dollar unabhängiger werden – und Trump unter Druck setzen.
          Geschlossen gegen Antisemitismus: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Israel

          Orbáns Soros-Kampagne : Gefährliche Zwischentöne

          Ungarns Ministerpräsident Orbán wird immer wieder Antisemitismus vorgeworfen. Doch Israels Regierungschef Netanjahu verteidigt ihn. Wie passt das zusammen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.