http://www.faz.net/-gqz-x0eu

„Castrum Peregrini“ : Eine solche Zeitschrift wird es nicht wieder geben

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Frommel (l.), Gründer des „Castrum Peregrini”, mit dem jungen Georg Baselitz: nicht geheimes, sondern allergeheimstes Deutschland Bild: Castrum Peregrini

Hier wurde die Lehre vom „Geheimen Deutschland“ überliefert: Die Zeitschrift „Castrum Peregrini“ veröffentlichte seit 1951 Essays und Gedichte im Geist Stefan Georges. Nun ist mit dem Heft „Freundschaft“ das Ende eines Edelsteins gekommen.

          Gerüchte, dass die Zeitschrift „Castrum Peregrini“ ihr Erscheinen einstellt, gab es seit letztem Herbst. 1951 als Zeitschrift für Literatur, Kunst und Geistesgeschichte in Amsterdam gegründet, suchte das Blatt über ein halbes Jahrhundert die Erinnerung an Leben und Werk des 1933 gestorbenen Dichters Stefan George wachzuhalten. Just in dem Moment, wo sich erstmals ein breiteres Publikum für ihn zu interessieren beginnt, verschwindet die in seinem Geist gegründete Zeitschrift vom Markt. Wer die Wirkungsgeschichte des George-Kreises kennt, kann diese Koinzidenz nicht für Zufall halten.

          Die Sonderstellung des „Castrum Peregrini“ innerhalb der George-Literatur stand nie in Frage. Die Tagebücher von Kurt Breysig und Berthold Vallentin, zahlreiche Editionen aus dem Nachlass Friedrich Gundolfs, Gedenkhefte für Karl Wolfskehl oder Ludwig Derleth und andere Erinnerungsliteratur: ohne die mit großer Sorgfalt herausgegebenen, schön und anspruchsvoll gestalteten Bände wäre die Beschäftigung mit George um vieles ärmer gewesen. Bis auf die „Wort-Konkordanz“ (1964) und die „Zeittafel“ (1972) erschienen sämtliche George-Editionen parallel sowohl innerhalb der Zeitschrift als auch, versehen mit dem Eindruck „Zweite Auflage“, in Buchform; es war ein der Not geschuldetes, kluges Geschäftsmodell, das den Abonnenten mitunter allerdings einige besonders dicke Hefte zumutete.

          Am Ende nur ein Verlagswechsel?

          Um die Tradition der George-Veröffentlichungen nicht abreißen zu lassen, haben die Stiftung „Castrum Peregrini“, die seit 1962 Trägerin der Zeitschrift ist, und der Göttinger Wallstein Verlag eine Lizenzvereinbarung getroffen. Der Wallstein Verlag übernimmt die lieferbaren Titel in Kommission und wird unter dem Namen „Castrum Peregrini“ eine Buchreihe mit Monographien, Sammelbänden und Editionen rund um George und seinen Kreis beginnen. Als erster Band soll in diesem Jahr der Briefwechsel Rilkes mit dem Hölderlin-Entdecker Norbert von Hellingrath erscheinen. Am Ende also nur ein Verlagswechsel? Vergleichbar etwa dem Wechsel von den Hofmannsthal-Blättern zum Hofmannsthal-Jahrbuch vor fünfzehn Jahren?

          Das „Castrum Peregrini“ verstand sich nie als ein Forum, auf dem kontrovers, gar kritisch über George verhandelt wurde. Sprach man von ihm, dann im Ton der Verehrung, wie von einer realen, präsenten Macht. Schlägt man im Gesamtregister nach und beginnt in den 57 Jahrgängen zu blättern, stellt man schnell fest, dass der Name George in vielen Heften gar nicht auftaucht. Ein Doppelheft über die Freundschaft Michelangelos mit Tommaso di Cavalieri steht neben dem altenglischen Epos vom Zauberer Merlin, dem Beschützer der Artusrunde. Zwischen Heften mit Übertragungen sufischer Dichtung finden sich gelehrte Abhandlungen über römische Prinzen als Allegorien der Jahreszeiten oder Monteverdi und die Anfänge der italienischen Oper in Venedig. Regelmäßig erscheinen Gedichte; die Reihe reicht von Klassikern der europäischen Moderne wie Konstantin Kavafis und Cesare Pavese bis Thomas Böhme und Thomas Kling.

          Der Leser als Teil einer großen spirituellen Familie

          Wer die Auswahlkriterien verstehen und wissen will, was das eine mit dem anderen zu tun hat, muss sich ins Kleingedruckte vertiefen. In den Rubriken „Mitteilungen“ und „Nachrichten“, später auch unter den Buchbesprechungen, schickte die Redaktion verschlüsselte Botschaften an ihre Leser, knappe Meldungen über die Situation des Geistigen in der Welt und seine Vernetzung: „Wir erinnern uns, dem Verfasser vor dem Krieg in einer Pension in Florenz das erste Mal begegnet zu sein ... Aus Kanada erreichte uns dieser Tage die Nachricht ...“ Es war offenbar eine durch Emigration und Krieg über aller Herren Länder versprengte Gemeinschaft, die hier miteinander kommunizierte, und auch wer als Abonnent nicht alle Anspielungen verstand, wähnte sich zugehörig, durfte sich als Teil einer großen spirituellen Familie betrachten.

          Sehnsuchtsziel aller geistigen Wanderer, Schaltzentrale und Sitz der Stiftung war das Haus Herengracht 401, ein herrlicher alter Wohnturm im Zentrum Amsterdams. Von hier wurden fünfmal im Jahr die Hefte verschickt, hier arbeitete, in zwei winzigen Zimmern im ersten Stock, die Redaktion. Im zweiten Stock lag die Küche; hier stand ein langer Tisch, an dem abends meist sechs bis zehn Personen Platz nahmen, um sich über die Welt draußen auf den neuesten Stand zu bringen.

          Weitere Themen

          Mussolinis Architektur als Welterbe?

          Griechische Insel Leros : Mussolinis Architektur als Welterbe?

          Die griechische Insel Leros will für ihre Architektur den Welterbestatus. Die dort gelegene Stadt Lakki wurde als Einheit im Stil des Rationalismus gebaut, sie entstand, als die Insel zu Italien gehörte.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.