17.04.2008 · Hier wurde die Lehre vom „Geheimen Deutschland“ überliefert: Die Zeitschrift „Castrum Peregrini“ veröffentlichte seit 1951 Essays und Gedichte im Geist Stefan Georges. Nun ist mit dem Heft „Freundschaft“ das Ende eines Edelsteins gekommen.
Von Thomas KarlaufGerüchte, dass die Zeitschrift „Castrum Peregrini“ ihr Erscheinen einstellt, gab es seit letztem Herbst. 1951 als Zeitschrift für Literatur, Kunst und Geistesgeschichte in Amsterdam gegründet, suchte das Blatt über ein halbes Jahrhundert die Erinnerung an Leben und Werk des 1933 gestorbenen Dichters Stefan George wachzuhalten. Just in dem Moment, wo sich erstmals ein breiteres Publikum für ihn zu interessieren beginnt, verschwindet die in seinem Geist gegründete Zeitschrift vom Markt. Wer die Wirkungsgeschichte des George-Kreises kennt, kann diese Koinzidenz nicht für Zufall halten.
Die Sonderstellung des „Castrum Peregrini“ innerhalb der George-Literatur stand nie in Frage. Die Tagebücher von Kurt Breysig und Berthold Vallentin, zahlreiche Editionen aus dem Nachlass Friedrich Gundolfs, Gedenkhefte für Karl Wolfskehl oder Ludwig Derleth und andere Erinnerungsliteratur: ohne die mit großer Sorgfalt herausgegebenen, schön und anspruchsvoll gestalteten Bände wäre die Beschäftigung mit George um vieles ärmer gewesen. Bis auf die „Wort-Konkordanz“ (1964) und die „Zeittafel“ (1972) erschienen sämtliche George-Editionen parallel sowohl innerhalb der Zeitschrift als auch, versehen mit dem Eindruck „Zweite Auflage“, in Buchform; es war ein der Not geschuldetes, kluges Geschäftsmodell, das den Abonnenten mitunter allerdings einige besonders dicke Hefte zumutete.
Am Ende nur ein Verlagswechsel?
Um die Tradition der George-Veröffentlichungen nicht abreißen zu lassen, haben die Stiftung „Castrum Peregrini“, die seit 1962 Trägerin der Zeitschrift ist, und der Göttinger Wallstein Verlag eine Lizenzvereinbarung getroffen. Der Wallstein Verlag übernimmt die lieferbaren Titel in Kommission und wird unter dem Namen „Castrum Peregrini“ eine Buchreihe mit Monographien, Sammelbänden und Editionen rund um George und seinen Kreis beginnen. Als erster Band soll in diesem Jahr der Briefwechsel Rilkes mit dem Hölderlin-Entdecker Norbert von Hellingrath erscheinen. Am Ende also nur ein Verlagswechsel? Vergleichbar etwa dem Wechsel von den Hofmannsthal-Blättern zum Hofmannsthal-Jahrbuch vor fünfzehn Jahren?
Das „Castrum Peregrini“ verstand sich nie als ein Forum, auf dem kontrovers, gar kritisch über George verhandelt wurde. Sprach man von ihm, dann im Ton der Verehrung, wie von einer realen, präsenten Macht. Schlägt man im Gesamtregister nach und beginnt in den 57 Jahrgängen zu blättern, stellt man schnell fest, dass der Name George in vielen Heften gar nicht auftaucht. Ein Doppelheft über die Freundschaft Michelangelos mit Tommaso di Cavalieri steht neben dem altenglischen Epos vom Zauberer Merlin, dem Beschützer der Artusrunde. Zwischen Heften mit Übertragungen sufischer Dichtung finden sich gelehrte Abhandlungen über römische Prinzen als Allegorien der Jahreszeiten oder Monteverdi und die Anfänge der italienischen Oper in Venedig. Regelmäßig erscheinen Gedichte; die Reihe reicht von Klassikern der europäischen Moderne wie Konstantin Kavafis und Cesare Pavese bis Thomas Böhme und Thomas Kling.
Der Leser als Teil einer großen spirituellen Familie
Wer die Auswahlkriterien verstehen und wissen will, was das eine mit dem anderen zu tun hat, muss sich ins Kleingedruckte vertiefen. In den Rubriken „Mitteilungen“ und „Nachrichten“, später auch unter den Buchbesprechungen, schickte die Redaktion verschlüsselte Botschaften an ihre Leser, knappe Meldungen über die Situation des Geistigen in der Welt und seine Vernetzung: „Wir erinnern uns, dem Verfasser vor dem Krieg in einer Pension in Florenz das erste Mal begegnet zu sein ... Aus Kanada erreichte uns dieser Tage die Nachricht ...“ Es war offenbar eine durch Emigration und Krieg über aller Herren Länder versprengte Gemeinschaft, die hier miteinander kommunizierte, und auch wer als Abonnent nicht alle Anspielungen verstand, wähnte sich zugehörig, durfte sich als Teil einer großen spirituellen Familie betrachten.
Sehnsuchtsziel aller geistigen Wanderer, Schaltzentrale und Sitz der Stiftung war das Haus Herengracht 401, ein herrlicher alter Wohnturm im Zentrum Amsterdams. Von hier wurden fünfmal im Jahr die Hefte verschickt, hier arbeitete, in zwei winzigen Zimmern im ersten Stock, die Redaktion. Im zweiten Stock lag die Küche; hier stand ein langer Tisch, an dem abends meist sechs bis zehn Personen Platz nahmen, um sich über die Welt draußen auf den neuesten Stand zu bringen.
Hoch über Goethes Werken schaut George auf die Gelehrtenstube
Die Herzkammer des Ganzen bildete der dritte Stock: eine deutsche Gelehrtenstube wie aus dem neunzehnten Jahrhundert, auf den überquellenden Bücherborden vertrocknete Efeukränze, auf dem Kaminsims Goethes Werke in der Ausgabe letzter Hand, hoch darüber eine durch starke Vergrößerung etwas unscharf gewordene, unveröffentlichte Fotografie Stefan Georges aus seinen letzten Tagen. Hier lebte Wolfgang Frommel, der Erfinder und Motor des Ganzen. Saß er nicht gerade an der Fertigstellung des neuesten Hefts, schrieb er lange Briefe in alle Welt.
Zwei- bis dreimal im Jahr reiste er mit zwei legendären Adressbüchern im Gepäck - das eine nach Personen, das andere nach Städten geordnet - für einige Wochen durch Deutschland, immer neue Fäden des Geistigen knüpfend, immer auf der Suche nach aufgeweckten jungen Leuten, die sich für das „Castrum“ begeistern ließen und die er gern einlud. Manche blieben Jahre.
Ein Versteck vor den Besatzern im ausgehöhlten Klavier
Während der deutschen Besatzung hatte Frommel auf seiner Etage zwei jüdische Jungen versteckt gehalten; das umgebaute Klavier, in dessen Hohlraum bei Gefahr einer der beiden verschwand, stand noch da. Frommel erzählte gern von dieser Zeit, davon, was es bedeutete, auf so engem Raum so lang zusammenzuleben, und wie sie sich zu helfen gewusst hätten, indem sie sich gemeinsam in die hohe Dichtung vertieften. Lesen, abschreiben, interpretieren, ganze Zyklen auswendig hersagen: das Exerzitium Georges habe sie gewissermaßen unsichtbar gemacht und vor Entdeckung bewahrt.
Diese komprimierte Form geistiger Durchdringung der Welt, die unter dem äußeren Druck tödlicher Bedrohung zu einer Frage des Überlebens geworden war, hätte sich bei Kriegsende schnell verflüchtigt; weil Frommel sie nicht aufgeben wollte, fasste er den Plan zur Gründung einer Zeitschrift. Die Beiträge der ersten Jahrgänge stammten größtenteils aus dem deutsch-holländischen Freundeskreis, der während der Besatzungszeit rund um die Herengracht entstanden war.
Goerge soll auf Frommel als treuen Jünger gehofft haben
Eröffnet wurde das erste Heft - wie alle ersten Hefte der folgenden Jahre auch - mit Auszügen aus den George-Erinnerungen von Percy Gothein. Gothein war 1910 als Vierzehnjähriger zu Stefan George gekommen, einige Jahre eng mit diesem befreundet gewesen, Anfang der zwanziger Jahre jedoch in Ungnade gefallen. Der Ablösungsprozess begann im selben Frühjahr 1923, in dem Gothein Wolfgang Frommel kennenlernte. Gern hätte er seinen jungen Freund dem Meister vorgestellt. Folgt man Frommels Darstellung, fand die Begegnung im Juni 1923 in Heidelberg statt; George habe dabei wiederholt die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass er, Frommel, sich als treuer Jünger bewähren möge.
Mit Frommels Text, während des Krieges geschrieben und unter dem Titel „Der Dichter. Ein Bericht“ im Herbst 1950 veröffentlicht, kurz bevor das erste Heft der Zeitschrift erschien, sollte der Freundeskreis des „Castrum Peregrini“ direkt auf George selbst zurückgeführt werden.
Eine einzige, höchstwahrscheinlich imaginierte Begegnung
Frommels Wunsch, vor dem Meister zu bestehen, verdankt sich das eindrucksvollste und längste Kapitel der Georgeschen Wirkungsgeschichte. Ohne ihn und die von ihm gegründete Zeitschrift - die nach seinem Tod 1986 ein doppeltes Erbe zu verwalten hatte - wäre die eigentümliche Welt Stefan Georges, die Welt des „geheimen Deutschland“, nicht bis an die Schwelle des einundzwanzigsten Jahrhunderts präsent geblieben.
Dass Frommel, nach Dokumenten im Stuttgarter George-Archiv, seinen Meister wohl nie getroffen hat, weder im Juni 1923 noch zu einem späteren Zeitpunkt, macht das Unternehmen „Castrum Peregrini“ noch um einiges staunenswerter. In 280 Heften suchte die Zeitschrift authentisch Zeugnis abzulegen für die Wirkung einer einzigen, höchstwahrscheinlich imaginierten Begegnung. In ihren besten Heften verstand sie es, sogar ihren Lesern die Illusion zu vermitteln, jener verschworenen kleinen Gemeinschaft anzugehören, die einst dem Meister zu Füßen gesessen hatte. Eine Zeitschrift wie diese wird es nicht wieder geben.