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Bush-Kritiker Clarke Ahab jagt die Terroristen

28.05.2004 ·  Richard A. Clarke, der abtrünnige Antiterrorzar der Regierungen Clinton und Bush, hat mit seinem Buch „Against all Enemies“ politische und kulturelle Naturgewalten entfesselt. Eine Begegnung.

Von Jordan Mejias, New York
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Ist Richard A. Clarke, der abtrünnige Antiterrorzar der Regierungen Clinton und Bush, überrascht von der Vehemenz der politischen und kulturellen Naturgewalten, die er mit der Veröffentlichung seines Buches "Against All Enemies" in Amerika entfesselt hat? "Not at all", sagt er mit der unterkühlten Nonchalance des Routiniers, den nach dreißig Jahren Geheimarbeit unter vier Präsidenten so schnell keiner mehr aus der Ruhe bringt oder der Reserve lockt. "Ich habe es erwartet."

Er wundert sich nicht, daß ehemalige Kollegen, ob sie nun Dick Cheney oder Condoleeza Rice (von ihm zärtlich "Condi" genannt) heißen, seine Kompetenz, seine Lauterkeit und seine Absichten denunzierten. Er konnte es sich auch erlauben, auf seinen Ruf als Hardliner und Meisterplaner der Terrorabwehr zu vertrauen und diese Angriffe zu ignorieren. Denn es gibt nichts zu rütteln an der Karriere eines Mannes, der sich hinter den Kulissen Washingtons besser auskennt als jeder gastierende Präsident im Rampenlicht und der am jüngsten Schicksalstag Amerikas, dem 11. September 2001, das Krisenmanagement im Weißen Haus übernommen hatte - und zwar auf Drängen der Sicherheitsberaterin Rice. Wie es damals im Machtzentrum der Welt zuging, schildert er im virtuosen Eingangskapitel von "Against All Enemies".

Sie mag keine Kritik

Clarkes Stern am Washingtoner Regierungshimmel sollte jedoch bald sinken. Die Regierung Bush, so erklärt er jetzt in einem Gespräch mit dieser Zeitung, betrachte eine offene Debatte, wie er sie immer angestrebt habe, als eine Form der Illoyalität und lege größten Wert darauf, daß jeder Mitarbeiter sich streng an die Parteilinie halte: "Sie mag keine Alternative, sie mag keine Kritik, sie mag keine Analyse." Sie schätzte es wohl auch nicht, daß er seine Aussage vor dem Senatsausschuß zum 11. September damit begann, sich gegenüber den Angehörigen der Opfer für das Versagen seiner Behörde zu entschuldigen.

Wie alle Bücher aus der Feder von Regierungsmitgliedern, die über ein Thema schreiben, das ihren Wirkungsbereich auch nur streift, wurde im Namen der nationalen Sicherheit auch "Against All Enemies" einer Unbedenklichkeitskontrolle unterzogen. Mehr als drei Monate brauchte die CIA für die kritische Lektüre. Mußte Clarke Passagen ändern oder streichen? "Oh, yes!" Die CIA wollte vor allem nicht veröffentlicht haben, was peinlich für sie selbst war. "Ich dachte nicht, daß es sich dabei unbedingt um Geheimsachen handelte, aber die CIA benutzt eben oft die ,security clearance', um Fehler zu vertuschen oder Kritik an ihr auszuschließen."

Geheimdienstliche Peinlichkeiten

An geheimdienstlichen Peinlichkeiten mangelt es dem Buch dennoch nicht. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel rankt sich um die japanische Giftgassekte Aum, die schon lange im Telefonbuch von Manhattan verzeichnet war, bevor sie auf einem Radarschirm des FBI auftauchte. Dann verfolgten FBI-Leute einen Lieferwagen, den Sektenmitglieder beladen hatten, und verloren ihn prompt aus dem Auge. Noch deftigere Vorfälle, so Clarke, schafften es jedoch nicht bis ins gedruckte Buch.

Mehr als die routinemäßige Zensur stört ihn, daß die amerikanische Presse die Hauptthese seines Buches beiseite schob. Die von ihm geschilderten Monate vor dem 11. September, vor allem also seine Warnungen vor Al Qaida und möglichen Terroranschlägen, fanden in den Medien breite Aufmerksamkeit, weil sie nicht ernstgenommen wurden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung dokumentiert diese von Clarke geschilderte Leichtfertigkeit an diesem Samstag auf der Seite 41.

Der Krieg stärkte die Terroristen

Clarke selbst aber hält jene Abschnitte für noch wichtiger, die vom kommenden Dienstag an in dieser Zeitung ausgeführt werden: In ihnen erläutert er, wie der Irak-Krieg entscheidend Amerikas Fähigkeiten schwächte, dem Terrorismus entgegenzutreten. "Der Krieg stärkte die Terroristen", sagt er ohne jede diplomatische Zurückhaltung, "und vergeudete unsere Ressourcen."

Die Entwicklungen der letzten Wochen und Tage konnten seinen Pessimismus nur zementieren. Amerika, sagt er, müsse es irgendwie gelingen, einer eigenständigen Regierung in Bagdad den Weg zu ebnen. Nicht in drei bis fünf Jahren, sondern in einem Jahr. Das bedeute, die Wunschvorstellungen von einer Demokratie nach dem Rezept Thomas Jeffersons zurechtzustutzen und schon zufrieden zu sein, wenn eine einigermaßen stabile irakische Regierung sich der internationalen Gemeinschaft anschließt und die Menschenrechte respektiert.

Erschreckende Alternative

Die erschreckende Alternative hat er in seinem Buch skizziert, als er vor der Vernachlässigung der Probleme in Afghanistan, Pakistan, Saudi-Arabien und Iran warnte. Durch die "amerikanische Intervention im Irak", wiederholt er nun noch einmal viel drastischer, seien "Dschihadisten" in der gesamten islamischen Welt gestärkt worden. Daran aber hätte seiner Meinung auch ein erfolgreicher Feldzug nicht unbedingt etwas geändert: "Selbst wenn wir im Irak eine perfekte Gesellschaft aufgebaut hätten, wäre alle Mühe umsonst gewesen, wenn als Folge des Krieges die Dschihadisten in Saudi-Arabien und Pakistan an die Macht gelängen." Er hält es keineswegs mehr für ausgeschlossen, daß in drei bis fünf Jahren diese beiden Länder von Leuten regiert werden könnten, die das Weltbild eines Usama Bin Ladin verinnerlicht haben.

Wohlgeübt in regierungsinternen Kassandrarufen, verlegt Clarke sich jetzt darauf, seine Opposition im grellen Licht der Öffentlichkeit auszubreiten. Die Jagd nach einem weißen Wal namens Usama hat dieser Kapitän Ahab, wie Clarke sich selbstironisch einmal im Buch nennt, offiziell aufgegeben, um nun die Fernsehanstalt ABC zu beraten, in Harvard seine Erfahrungen weiterzugeben und vielleicht auch ein zweites Buch in Angriff zu nehmen.

Saftige Details

Hollywood erkannte sogleich, wie da einer über den analytischen Scharfsinn hinaus auch ein Gespür hat für die dramatische Brisanz einer Situation. In saftigen Details und mit durchaus schriftstellerischem Flair beschwört Clarke die Atmosphäre und den Schlagabtausch in Sitzungssälen und Büros, in die kein Mikrofon und keine Kamera vordringt. Bevor Frau Rice ihn wegen seiner Hartnäckigkeit, Al Quaida mehr Interesse zu schenken als dem Irak, degradierte, hatte er einen Platz am Kabinettstisch.

Clarke berichtet aus eigener Anschauung und Erfahrung, während ein Bob Woodward (F.A.Z. vom 21. Mai) sich aus den Berichten von Informanten jede Szene erst mühselig rekonstruieren muß. Im Gegensatz zu Woodwards Meinungsscheu hält Clarke zudem nicht mit pointierten Ansichten und Ratschlägen zurück. Auch jetzt sucht er im Gespräch nicht die unverfängliche Mitte. Er hegt etwa Zweifel, ob in der Staatskatastrophe um die Folterfotos je herauszufinden sein wird, wie weit die Verantwortungskette reicht. Zur Folterdebatte selbst hat er wenig zu sagen. Folteropfer versuchten die Antwort zu geben, von der sie glaubten, daß die Folterer sie wünschten. Die Profis im Geheimdienst wüßten das. Nur Amateure könnten diesen schlichten Sachverhalt nicht begreifen.

Nach seinem Ausscheiden aus der Regierungsmannschaft besteht Clarke auf seinem Recht, als amerikanischer Bürger seine Meinung zu äußern und auch zu Markte zu tragen. Nichtamerikaner, so hofft er, erhielten bei ihm Einblick bis tief ins Sicherheitssystem der Washingtoner Machtmechanik. Viel Reklame für das Amerika von George W. Bush ist in dem Buch freilich nicht zu finden. "Aber es ist wahrheitsgetreu", sagt Clarke, "es war nicht als Schmeichelei gedacht." Davon können sich die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in vier längeren Passagen aus "Against All Enemies" überzeugen.

Richard A. Clarke diente mehreren amerikanischen Regierungen als Antiterrorberater. Am 11. September 2001 amtierte er als Nationaler Koordinator für Sicherheit, Infrastrukturschutz und Antiterrorismus. Der Text ist ein Vorabdruck aus seinem Buch "Against All Enemies: Der Insiderbericht über Amerikas Kampf gegen den Terror". Das Buch erscheint in der kommenden Woche beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe und kostet 19,90 Euro. Weitere Passagen daraus publizieren wir am 1., 2. und 3. Juni im Feuilleton.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2004, Nr. 124 / Seite 35
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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