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Burkhard Spinnen Mein Lieblingsbuch: „Der Segelschiffe große Zeit“

12.07.2004 ·  Nicht, daß ich inzwischen nichts Schöneres und Bewegenderes gelesen hätte. Aber „Der Segelschiffe große Zeit“ war, auf seine Art, mein teuerstes Buch und wird es immer bleiben.

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Ende 1970 erfaßte mich eine große Begeisterung für alte Segelschiffe. Doch die Stadtbibliothek konnte mein Bedürfnis nach einschlägiger Literatur nicht zufriedenstellen. Also in die Buchhandlung. Nein, hieß es, zum Jetzt- und Selbersegeln gebe es etliches, aber das 17. bis 18. Jahrhundert werde doch eher selten traktiert. Ausnahme: dieses schöne neue Buch, im Katalog zu sehen, viele Bilder, etliches in Farbe, wunderbar instruktive Pläne. Kostenpunkt: Kurz mal nachschlagen. Moment bitte.

Und da stand ich also. Noch deutlich vor Beginn des Informationszeitalters, in dem man alles sofort aus dem Netz fischt. Statt dessen angewiesen auf ein Buch, das man bestellen mußte und das, da haben wir's, 54 Mark kosten sollte. Damals kostete eine Kugel Eis zehn Pfennig, eine Busfahrt für Erwachsene 50, ein Liter Benzin nicht viel mehr. Ich bekam monatlich fünf Mark Taschengeld und Tränen in die Augen, wenn mein Opa sich vergriff und mir zwei statt einer Mark zusteckte. So war das.

Eichels Rechenkunst ist nichts dagegen

Und jetzt: 54 Mark für einen offenbar als Zentralgral meines Begehrens einzustufenden Prachtband. Holla! Wie genau es weiterging, weiß ich nicht. Was ich in den nächsten Tagen getan habe, muß den Anstrengungen des Ministers Eichel, den Bundeshaushalt schönzurechnen, vergleichbar sein. Vermutlich habe ich mein Taschengeld des nächsten Jahres verpfändet und dazu die Belohnung für alle Klassenarbeitseinsen, die ich noch gar nicht geschrieben hatte.

Wie auch immer: Es liegt hier neben mir. "Der Segelschiffe große Zeit". Bielefeld/Berlin 1970. Deutsche Ausgabe von "Les Grands Voiliers". Wirklich ein schönes Buch. Dazu ein konkurrenzfähiges; bis 1998 hat der Verlag es im Programm gehabt. Und mein Lieblingsbuch? In gewisser Weise. Nicht des Textes wegen, ich habe natürlich Schöneres und Bewegenderes gelesen. Aber es war mein teuerstes Buch und wird es immer bleiben. Und "teuer" hat ja nicht nur den einen Wortsinn.

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen, geboren 1956, lebt in Münster. Gerade erschienen seine autobiographischen Miniaturen "Legosteine. Kindheit um 1968".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.07.2004, Nr. 160 / Seite 33
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