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Büchner-Preisträger Mosebach Brillanz, die aus der Fülle kommt

08.06.2007 ·  Der diesjährige Georg-Büchner-Preis geht an Martin Mosebach. Die Jury lobt „stilistische Pracht“ und „urwüchsige Erzählfreude“ des Frankfurter Schriftstellers. FAZ.NET-Spezial.

Von Hubert Spiegel
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Von Darmstadt, dem Sitz der Akademie für Sprache und Dichtung, nach Frankfurt, wo Martin Mosebach 1951 geboren wurde und seither lebt, ist es nur ein Katzensprung. Aber man hätte der Akademie diesen Katzensprung nicht ohne weiteres zugetraut. Jetzt hat sie den Satz gewagt, hat Eigensinn und die Eleganz des Selbstverständlichen vereint, und ist auf sicheren Pfoten in Frankfurt gelandet: Martin Mosebach, der Erzähler, Romancier und Essayist, der Grandseigneur in der Apfelweinkneipe, der orthodoxe Katholik und unorthodoxe Kenner der Künste, der konservative Anarch und hemmungslose Bewahrer von Stil und Form, ist ein glanzvoller Büchner-Preisträger.

Mit Martin Mosebach ehrt die Akademie einen genuinen Erzähler und einen Essayisten von ungewöhnlicher stilistischer und intellektueller Brillanz. Sein umfangreiches Werk wird mit dem Büchnerpreis nicht nur gewürdigt, sondern in jenes helle Licht gerückt, das ihm angemessen ist. Martin Mosebach ist ein Büchner-Preisträger, dessen Möglichkeiten ebensowenig erschöpft sind wie seine Verdienste bestritten werden können. Für ein breites Publikum ist der Erzähler, sind seine Romane, zumal die frühen Würfe „Das Bett“, „Rupertshain“ und „Westend“, erst noch zu entdecken.

Von einem „realen Ungeheuer bewohnt“

Es war Golo Mann, der wohl als erster Mosebachs literarisches Talent erkannte. Der damalige Juror der Jürgen-Ponto-Stiftung sprach dem jungen Frankfurter Juristen 1980 den Literaturpreis der Stiftung zu, obwohl es damals außer einigen Erzählungen und einem unvollendeten Roman nichts vorzuweisen gab. Golo Manns Weitsicht erlaubte Mosebach nicht nur den 1983 erschienenen Erstling „Das Bett“ zu beenden, sondern dürfte die Entscheidung, die sichere Juristenlaufbahn zugunsten der heiklen Existenz des freien Schriftstellers zu wählen, nachhaltig befördert haben.

Online-Feature: Martin Mosebachs Roman „Der Mond und das Mädchen“

Neunzehn Jahre später erschien der Erstling noch einmal, vom Autor gründlich überarbeitet und mit einem überaus interessanten Nachwort versehen. Es enthält Kernsätze der Mosebachschen Poetik: „Verfälschen, um der Wahrheit von etwas näherzukommen, dass sich der einfachen Mitteilung verweigert, ist vielleicht ein Wesenszug der Literatur:“ Deren fiktive Paläste, so Mosebach weiter, müssten in ihrem Innersten von einem „realen Ungeheuer bewohnt sein wie von einem Minotaurus im Labyrinth des Königs Minos“.

Keine stille Verzweiflung ohne laute Seufzer

Die realen Ungeheuer in den Romangehäusen des Martin Mosebach, also die autbiographischen, realen Kerne fiktiver Werke, das sind die Kindheitsbegegnung mit einem Emigranten, der nach Deutschland zurückkehrt, um sich wieder neben seiner Amme aufs Laken zu legen („Das Bett“), das ist das in einem Abbruchhaus im Frankfurter Westend gefundene Bündel mit Briefen von Theodor Lerner, dem selbsternannten Fürsten der Bäreninsel („Der Nebelfürst“; 2001), das sind schließlich auch die Erlebnisse und Beobachtungen während seiner zahlreichen Aufenthalte in Indien, die in den Roman „Das Beben“ (2005) Eingang gefunden haben.

Was dort durch das Labyrinth des Romangeschehens wütet wie ein Minotaurus, ist Mosebachs Zorn über die Banalisierung einer mal bürgerlichen, mal aristokratischen Welt, die sich nicht zuletzt durch die ziselierte Vielfalt ihrer Sitten und Normen vor Banalisierung geschützt glaubte. Mosebach lacht über den Irrtum und trauert über den mit ihm verbundenen Verlust.

Den Krieg gegen die Paläste, den Büchner beschwor, sieht Mosebach in diesem Indien-Roman mit den Mitteln des Tourismus fortgesetzt: Wo die letzten Maharadschahs ihre unendlich verfeinerten Lebensformen pflegten, sollen künftig Ferntouristen Einkehr halten. Aber keine Wut ist bei Mosebach ohne stille Verzweiflung, keine stille Verzweiflung ohne laute Seufzer, kein lauter Seufzer ohne leises Lächeln, kein leises Lächeln ohne eine alles überwölbende Ironie. Oder ist es nicht vielmehr umgekehrt - hat nicht die Mosebachsche Ironie all dies erst hervorgebracht?

„Die fetten Glatzen, die rüsselartigen Nasen“

Mit welcher Genauigkeit der Ironiker Mosebach die Welt, also auch andere Ironiker zu betrachten versteht, zeigt sich in den Romanen ebenso wie in dem kleinen Büchlein, das seiner hassgeliebten Heimatstadt Frankfurt gewidmet ist: „Die fetten Glatzen, die rüsselartigen Nasen, das lose Hautgeschlabber, die in Faltennestern versteckten Äuglein, die pomadigen Haarsardellen, interessante Ringe an den Fingern, alles scheint plötzlich mit den Augen eines van Eyck, eines Hieronymus Bosch, eines Frans Hals, eines Ingres gesehen.“

So beschreibt Mosebach die Stammgäste jenes Apfelweinlokals, in dem er seine Liebe zu Frankfurt wiederfand. Passagen wie diese widerlegen nicht nur die Behauptung, dass Liebe blind mache, sondern zeigen vor allem Mosebachs Meisterschaft, die Vergangenheit in der Gegenwart zu entdecken, indem er die Gegenwart mit den Augen der Vergangenheit betrachtet.

Das ist kulturkonservativ, gewiss, aber die Einzigartigkeit des konservativen Intellektuellen Mosebach liegt nicht zuletzt darin, dass seine Kulturkritik nie Larmoyanz, sondern stets Vitalität verströmt; sie kommt aus der Fülle. So ist auch sein immenses historisches Wissen immer unmittelbar mit der lebendigen Gegenwart verknüpft. Weil der Zeitgeist ihn wenig, aber die Zeit, in der er mit uns lebt, sehr wohl bekümmert, bedeutet die Begegnung mit Martin Mosebach und seinem Werk das Erlebnis einer Geistesgegenwart, der viele Zeiten gegenwärtig sind. In Kürze beginnen wir mit dem Vorabdruck von Martin Mosebachs jüngstem Roman „Der Mond und das Mädchen“. Dann wird eine solche Begegnung erneut möglich.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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