14.05.2006 · Der Georg-Büchner-Preis - die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung - geht in diesem Jahr an Oskar Pastior. Der 78 Jahre alte deutsch-rumänische Lyriker erzeuge „neue poetische Welten“, würdigt ihn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.
Der 78 Jahre alte deutsch-rumänische Lyriker Oskar Pastior erhält den diesjährigen Georg-Büchner-Preis. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Sonntag während ihrer Frühjahrstagung in Kopenhagen mit.
In der Begründung würdigte die Akademie den in Berlin lebenden Pastior als „methodischen Magier der Sprache“. Er habe ein Werk „von größter Radikalität und Formenvielfalt“ geschaffen. Weiter hieß es: „Pastior erzeugt aus Buchstaben und Lauten, anmutig und witzig, immer neue poetische Welten.“ Der mit 40.000 Euro dotierte Büchner-Preis gilt als bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung. Er wird Pastior am 21. Oktober zur Herbsttagung der Akademie in Darmstadt überreicht.
Akademie der Künste „hocherfreut“
Pastior nannte die Entscheidung der Jury „total überraschend“. Dementsprechend fiel seine Reaktion aus: „Ich hab ein paar Tränchen verdrückt und dann ganz banal Freude empfunden. Und dann gab es ein bißchen Champagner.“ Der eigenwillige Autor, der auch als Petrarca- Übersetzer Anerkennung fand, ist vor allem durch seine vom Dadaismus geprägten „Lautmalereien“ mit experimenteller Lyrik und Prosa bekannt geworden.
Dazu gehören so genannte Palindrome, also Wortfolgen, die vor- wie rückwärts gelesen Sinn ergeben, wie Sarg oder Reittier. Für seine zahlreichen Veröffentlichungen hat Pastior unter anderem den Horst-Bienek-Preis (1997) und den Erich-Fried-Preis (2002) erhalten.
Die Berliner Akademie der Künste reagierte „hocherfreut“ auf die Zuerkennung der Auszeichnung an ihr Mitglied Pastior. Mit ihm erhalte ein Dichter die renommierte Auszeichnung, „der noch immer zu denen gehört, die mit Sprache versuchend umgehen“, sagte Akademie-Präsident Klaus Staeck.
Namhafte Vorgänger
Pastior wurde 1927 als Angehöriger der deutschen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen geboren. 1945 wurde er in die Sowjetunion deportiert und mußte bis zu seiner Rückkehr vier Jahre später als Zwangsarbeiter in Lagern arbeiten.
Nach seinem Germanistikstudium arbeitete er in den 60er Jahren beim deutschsprachigen Rundfunk in Bukarest. Er floh 1968 und lebt seit 1969 in Berlin. Im gleichen Jahr gab er sein literarisches Debüt in Deutschland mit dem Band „Vom Sichersten ins Tausendste“.
Der Büchner-Preis ging im vergangenen Jahr an Brigitte Kronauer. Frühere Preisträger waren etwa Gottfried Benn, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker und Alexander Kluge. Die Auszeichnung ist nach dem deutschen Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner benannt, der 1813 in Goddelau bei Darmstadt zur Welt kam und 1837 in Zürich starb.
Protest-Resolution der Akademie
Die in Darmstadt ansässige Akademie für Sprache und Dichtung vergibt den Preis an Autoren, die „durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben“.
Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen Frühjahrstagung der Akademie wurden in Kopenhagen zwei weitere Literaturpreise überreicht: Der Übersetzer Ralph Dutli erhielt den mit 15.000 Euro dotierten Johann- Heinrich-Voß-Preis für seine Übersetzungen des russisch-jüdischen Dichters Ossip Mandelstam.
Der mit 12.500 Euro dotierte Friedrich- Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland wurde dem koranischen Lyriker und Übersetzer Kim Kwang Kyu überreicht. In einer Resolution protestierte die Akademie gegen geplante Mittelkürzungen am Kopenhagener Goethe-Institut.