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Bücher : Luchterhand hat eine neue Verlagsleitung

Luchterhand ist, seine Geschichte zeigt es, ein Pflänzchen mit viel Pflegebedarf. Ab 1. Januar soll Georg Reuchlein den Verlag leiten. Kann er den Verlag mit seinen pflegeintensiven Autoren quasi im Nebenerwerb führen?

          Nicht nur Bücher, auch Verlage haben ihre Schicksale. Das gilt besonders für den Luchterhand Literaturverlag, dessen Anfänge in einer Berliner Steuerkanzlei des Jahres 1924 liegen, der aber so recht als schöngeistiger Verlag erst 1955 die Bühne betrat - und zwar mit Alfred Andersch, der in dem damals in Neuwied am Rhein beheimateten Haus die Zeitschrift "Texte und Zeichen" herausgab.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Es folgte eine wechselvolle Geschichte, in deren Verlauf Luchterhand zu einer Ikone der linken Intelligenz wurde, nachgerade stilbildend wirkten die graumäusigen Pappbände der Sammlung Luchterhand. Mitbestimmung der Autoren war das Gebot der Stunde - mit Günter Grass als Flaggschiff, mit Peter Härtling, Gabriele Wohmann, Ernst Jandl. Ein Beirat bestimmte die Verlagsgeschicke mit, bis das Haus anno 1987 an den niederländischen Kluwers-Konzern verkauft wurde, den hauptsächlich die juristischen Fachzeitschriften interessierten.

          Ambitionierte Aufbaujahre

          Wegen vehementer Autorenproteste ging der literarische Verlagsteil an die Verlegerinnen des Züricher Arche-Verlags, Elisabeth Raabe und Regina Vitali - und glücklosen Zeiten entgegen. 1992 sprang Grass ab, Christa Wolf und andere folgten. Hätte sich nicht 1994 der schillernde Münchner Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher ein Herz gefaßt, es wäre wohl für immer vorbei gewesen. Er engagierte mit Christoph Buchwald und Gerald J. Trageiser zwei Routiniers, setzte Segel, reaktivierte den Limes Verlag und übernahm Volk & Welt.

          Aber nach sechs ambitionierten Aufbaujahren zog von Boetticher die Bremse, der Verlag ging 2001 im großen Schwimmbecken der Verlagsgruppe Random House vor Anker. Trageiser fuhr das Anlegemanöver und war mit einem Mal nach dem Abgang des Berlin Verlags zu Bloomsbury das literarische Aushängeschild der Bertelsmänner - mit Autoren wie Antonio Lobo Antunes, der zurückgekehrten Christa Wolf, E. Annie Proulx, Frank McCourt, Marcel Möring, Will Self und Ernst Jandl. Als Trageiser unlängst ankündigte, er wolle das Unternehmen zum Jahresende verlassen, um nun tatsächlich den Ruhestand in seinem französischen Alterssitz anzutreten (F.A.Z. vom 6. Juli), wuchs die Spannung, wem man diese Perle ans Revers heften würde.

          Pflänzchen mit viel Pflegebedarf

          Gestern wurde nun sein Nachfolger vorgestellt: Georg Reuchlein soll ab 1. Januar den Verlag leiten, Regina Kammerer wird Cheflektorin. Reuchlein ist seit bald zwanzig, Kammerer seit sechzehn Jahren im Haus, und beide haben schon Aufgaben, die sie gewiß ausfüllen. Reuchlein ist Verleger der neben Heyne wichtigsten Geldkuh des Hauses, des Goldmann Verlags, sowie Herr über Manhattan und btb, dessen Programme Kammerer verantwortet. Random-House-Oberverleger Klaus Eck erlaubt die Hausberufung mit seinem Fahrensmann Reuchlein, die Zügel allzeit in der Hand zu haben.

          Fein sein, beieinander bleiben: Ecks vollmundig verkündete Strategie, bei Random House solle jeder Verlag mit einer eigenständigen Verlegerpersönlichkeit unter einem Dach agieren, ist damit Makulatur. Die Frage für Reuchlein wird sein, ob er Luchterhand mit seinen pflegeintensiven Autoren quasi im Nebenerwerb wird führen können. Seit geraumer Zeit kursieren zum Beispiel Gerüchte, Christa Wolf wolle sich in Frankfurt eine neue Verlagsheimat suchen - das wäre nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern vor allem auch ein Imageschaden ersten Ranges. Luchterhand ist, seine Geschichte zeigt es, ein Pflänzchen mit viel Pflegebedarf.

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