Home
http://www.faz.net/-gr0-pkz0
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bücher Enzensberger stellt die Andere Bibliothek ein

20.12.2004 ·  Es ist ein Paukenschlag: Die Andere Bibliothek, die beglückendste Buchreihe der deutschsprachigen Verlagskultur, wird zum September 2005 eingestellt. Hans Magnus Enzensberger setzt „dem Spiel ein Ende“.

Von Felicitas von Lovenberg
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„Die Einwohner der Bundesrepublik sind mit Büchern gut versorgt. Der Umsatz liegt bei vielen Millionen, und jedes Jahr erscheinen Tausende neue Titel. Nörgler und Unzufriedene gibt es immer. Wir zählen uns zu ihnen. Deshalb wollen wir damit anfangen, die Andere Bibliothek zu veröffentlichen, und wir haben nicht die Absicht, damit aufzuhören, solange wir unzufrieden sind. Das kann sehr lange dauern.“

Ob Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno, die Herausgeber jener Anderen Bibliothek, deren Erscheinen sie vor zwanzig Jahren mit diesen Worten ankündigten, inzwischen mit dem Zustand der lesenden Republik zufrieden sind, sei dahingestellt. Jedenfalls haben sie den Vertrag mit dem Eichborn Verlag zum 30. September 2005 gekündigt, wie Autoren und Freunde der Buchreihe gestern nachmittag per E-Mail erfuhren. Totgesagte leben bekanntlich länger - und so hatte man den Gerüchten um das bevorstehende Ableben der Reihe in den letzten Monaten auch deshalb wenig Glauben geschenkt, weil nicht sein darf, was nicht sein soll: Die Andere Bibliothek ist die beglückendste Buchreihe der deutschsprachigen Verlagskultur. Es paßt zu ihrem Wesen, daß sie nicht leise geht: Das Piepsen der eintreffenden E-Mail ist in diesem Fall ein Paukenschlag.

Weil wir es brauchen können

Vor zwanzig Jahren, Ende 1984, hatten der Schriftsteller Enzensberger und der Buchkünstler Greno jenes Projekt angekündigt, das angesichts eines Buchbetriebs der Massenware das Selbstverständlich kühn erscheinen ließ: Ohne die gewohnte Aufteilung in Sachbuch und Literatur, sollte Monat für Monat ein Band erscheinen, wie ihn die Herausgeber selbst gern lesen würden - „weil es uns etwas angeht, weil es uns unterhält, weil wir es brauchen können“. Es entstand eine Reihe für feinsinnige, sinnliche Leser: Jeder Titel ausgewählt und herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, von Rainer Wieland gewissenhaft lektoriert und aufwendig gestaltet, auch wenn der Offsetdruck den Bleisatz inzwischen ersetzt hat. Für Bibliomane gibt es von jedem Titel eine besondere, numerierte Vorzugsausgabe im luxuriösen Ledergewand.

Das Programm war einleuchtend ausgefallen, weil es sich keine Grenzen setzte: Höchster Anspruch, unendliche Neugier und enzyklopädischer Wissensdurst leiteten die Auswahl Enzensbergers, der Titel nicht nur in entlegeneren Weltliteraturen, im internationalen Sagen- und Märchenfundus oder in der biographischen Lebensvielfalt aufspürte, sondern von ihm erwünschte Autoren auch zum Schreiben antrieb. Allein die besonders aufsehenerregende Erfolge, allen voran Christoph Ransmayers „Letzte Welt“, Irene Disches „Fromme Lügen“, „Die Erfindung der Poesie“ von Raoul Schrott oder zuletzt Prinz Asfa-Wossen Asserates „Manieren“ und das diesjährige Alexander-von-Humboldt-Projekt, zeigen die Breite des Programms.

Gegen das Lebenslängliche

Mit dem Dünndenken müßte also wahrlich aufgeräumt sein, wenn Band 249 erscheint: Otto Kallscheuers „Wissenschaft vom lieben Gott“, im neuen Eichborn-Prospekt für September kommenden Jahres angekündigt, soll der letzte Titel der Reihe sein - jedenfalls wenn es nach den Herausgebern geht. Im Gespräch begründet Enzensberger den Entschluß, die Arbeit mit dem Septemberband abzuschließen, mit dem Hinweis, er sei schon immer „gegen das Lebenslängliche als Prinzip“ gewesen; die Bibliothek habe mit dem Berliner Tagebuch der Anonyma, den „Manieren“ und dem „Kosmos“ zuletzt solche Erfolge vorzuweisen gehabt, daß dies ein guter Zeitpunkt sei, „dem Spiel ein Ende zu setzen“.

Daß Enzensbergers Entschluß, der Reihe nicht länger als Anker und Galionsfigur zu dienen, auch Gründe haben könnte, die mit den personellen und wirtschaftlichen Revirements im Eichborn Verlag zu tun haben, sagt er nicht - seitdem vor zwei Jahren Verlagsleiter Wolfgang Ferchl und Autoren-Zugpferd Walter Moers das Haus mit der Fliege im Signet verließen, kommt die Frankfurter Kaiserstraße 66 nicht zur Ruhe.

Dort zeigt man sich irritiert über die E-Mail-Ankündigung - und reagiert mit sachlichen Hinweisen. Die außerordentliche Kündigung sei „nicht begründbar und schon gar nicht begründet“, sagt Vorstand Matthias Kierzek. Der Vertrag laufe erst Ende 2007 aus, zudem gebe es bereits geschlossene Buchverträge bis in das Jahr 2006 hinein, die man einzuhalten gedenke - diese Pflichterfüllung sei man Lizenzgebern und Autoren schuldig. Die Rechte an der Anderen Bibliothek, die Eichborn vor nunmehr fünfzehn Jahren von Franz Greno erworben hat, behält der börsennotierte Verlag ohnehin, der auch die Möglichkeit hat, nach Ablauf des Vertrages mit Enzensberger und Greno einen neuen Herausgeber zu küren. So sehr der Wunsch nach einer einvernehmlichen Lösung betont wird, so deutlich wird auch, daß man bei Eichborn nicht gewillt ist, die Herausgeber einfach ziehen zu lassen.

Eine andere Andere Bibliothek?

Wenn Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno die Lust am Büchermachen nicht noch im Laufe der anstehenden Verhandlungen verlieren, wird es vielleicht in einiger Zeit an anderem Ort eine andere Bibliothek geben, in der Bücher jenseits von Moden und Strömungen Antworten auf Fragen geben, noch bevor sie gestellt wurden. Eichborn wird die Andere Bibliothek möglicherweise ebenfalls nicht einfach auslaufen lassen, sondern sie unter neuer Leitung fortführen - so man es sich leisten kann. Die Hoffnung, daß eine neue Andere Bibliothek der alten ebenbürtig sein könnte, kann man zumindest hegen.

Dennoch ist dies das Ende der Anderen Bibliothek as we know it. Das ist eine Tragödie für alle Leser, Abonnenten, Kritiker und Autoren. Die Grundversorgung des bücherliebenden Teils der Republik mag gesichert sein, doch wer liefert nun den Luxus?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2004, Nr. 298 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen