Home
http://www.faz.net/-gr0-q144
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bücher Der Zauber dieser Bilder

08.03.2005 ·  Normalerweise haben die Spanier kein Faible für Dänisches oder überhaupt etwas, das nicht spanisch wäre. Hans Christian Andersens Märchen aber, illustriert vom Kölner Nikolaus Heidelbach, wurden zum Bestseller.

Von Paul Ingendaay, Madrid
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Nur ein paar Sätze darüber, wie es zugeht, wenn ein deutscher Künstler, wie jetzt Nikolaus Heidelbach, nach Madrid kommt und dort bei einer spanischen Buchpräsentation auf die spanische Presse trifft.

Es war vormittags um elf, und wir hatten Glück - wir anderen, nicht Heidelbach -, denn wir konnten dabei Kaffee trinken und Gebäck essen. Nikolaus Heidelbach dagegen saß am südlichen Ende einer Tafel, die ein großes U bildete, und mußte so viele Fragen beantworten, daß er weder zum Essen noch zum Trinken kam. Das Kulturzentrum des Circulo de Lectores/Galaxia Gutenberg stellt gerade sechzig Blätter der von Heidelbach illustrierten Andersen-Ausgabe aus, die im vergangenen Herbst in Deutschland für Furore sorgte.

Ein Kinderbuch-Bestseller

In Madrid hängen die Blätter jetzt bis Ende März und können von allen betrachtet werden. Die spanische Ausgabe dieser Andersen-Märchen mit Heidelbachs Bildern ist innerhalb kürzester Zeit zum Kinderbuch-Bestseller geworden, fast wie in Deutschland: Die ersten achttausend Stück waren gleich weg, die nächsten zehntausend werden wohl gerade gedruckt oder schon gebunden. Das ist um so bemerkenswerter, als den Spaniern nicht gerade ein Faible für Hans Christian Andersen im besonderen oder Dänen im allgemeinen nachgesagt wird, eigentlich überhaupt kein Faible für irgend etwas, das nicht spanisch wäre; also auch keines für den Kölner Nikolaus Heidelbach.

Für beide zusammen aber offenbar wohl. Und das muß dann wieder am Zauber dieser Bilder liegen, die ernst und kindlich zugleich sind und die Flüge der Phantasie nicht nur mit Bewußtheit, sondern mit großer, liebevoller Genauigkeit ins Werk setzen. Daß der Künstler einen Mistkäfer malen möchte, aber dann den großen Pferdekopf dazumalt (es ist ein dänisches Pferd), neben dessen Ohr der kleine Mistkäfer sitzt, mag sich einem dieser Produktionszufälle verdanken, die sich später so gut erzählen lassen. Wichtig ist aber, daß die Zufälle nur dem zustoßen, der sie sucht, und sei es in der Apotheke.

Jedes Ding eigen und anders

Was denn der Unterschied zwischen der Welt der Grimms (die er auch illustriert hat) und der Welt Andersens sei, wurde Heidelbach von einem spanischen Journalisten gefragt. Bei Grimm, sagte der Künstler, ist eine Hexe immer dieselbe Hexe, der Riese derselbe Riese, die Fee dieselbe Fee. Bei Andersen aber ist jedes Ding eigen und anders. Später am Abend enthüllte er noch ein Geheimnis der Kinder- und Erwachsenenkunst: Man müsse beim Illustrieren solcher Geschichten die Menschen mit allgemeineren, Tiere dagegen mit individuelleren Zügen ausstatten als in der Wirklichkeit. Stoff zum Nachdenken.

Hans Christian Andersen übrigens verbrachte einmal lange Zeit in Spanien und hat 1863 ein schönes Buch darüber geschrieben, in Madrid war es kalt, ungefähr so wie jetzt. „Eine erstaunliche Herrlichkeit“ sei die Bildergalerie, schrieb der Dichter Andersen, dem die Kälte nichts ausmachte, „eine Perle, ein Schatz, wert, aufgesucht zu werden, wert, daß man eine Reise direkt nach Madrid macht“. Nikolaus Heidelbach ist am Tag darauf auch noch in diese große Bildergalerie gegangen, aber davon müßte er selbst erzählen.

Quelle: F.A.Z., 09.03.2005, Nr. 57 / Seite 46
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

Jüngste Beiträge