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Roman von Peter Stamm : Wenn du vom Weibe gehst, vergiss die Zahnseide nicht

In dieser Bilderbuchlandschaft abhanden zu kommen ist auch eine Kunst: Die Schweiz als Spielzeugeisenbahnlandschaft. Bild: dpa

Weiche Landung: Peter Stamm schickt in seinem neuen Roman „Weit über das Land“ einen Ehemann ins Ungewisse. Doch kann einer in der wohlgeordneten Schweiz wirklich verschütt gehen?

          Es ist die Geschichte eines Verschwindens, und sie ist es doch nicht. Thomas, ein Mann in mittleren Jahren, der gerade einen Urlaub im Süden mit seiner Frau Astrid und den zwei Kindern hinter sich hat, geht weg. Es ist der Abend der Rückkehr aus den Ferien, seine Frau schaut im Haus nach den Kindern. Der Mann lässt sein halbvolles Weinglas auf dem Tisch vorm Haus stehen, wo er eben noch mit der Frau auf der Holzbank saß, und läuft los in die anbrechende Nacht.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Thomas hat beim Weggehen Zigaretten dabei, „ein Schlüsselbund mit einer winzigen Taschenlampe, ein kleines Messer, Zahnseide, ein Feuerzeug und ein Stofftaschentuch“, außerdem „etwas mehr als dreihundert Franken“ und, was zunächst unerwähnt bleibt, eine Bankkarte, eine Art survival kit also. Übrigens wäre in der Jetztzeit ein Mobiltelefon in der Hosentasche realistisch, aber das hat er nicht bei sich (und mit einem Smartphone würde die Geschichte auch nicht funktionieren, jedenfalls solange es nicht weggeworfen wird). Wo der Mann nun schon einmal unterwegs ist, benimmt er sich sehr schnell wie einer, der sich verbergen muss, um nicht gefunden zu werden. Auch wenn er Spuren hinterlässt, entwickelt er dabei ein gewisses Talent, das man dem braven Sachbearbeiter, der Thomas bis eben war, nicht zugetraut hätte.

          Von der Ambitionierten zur Dulderin

          Das Ganze ist von Anfang bis Ende im Imperfekt erzählt, der klassisch unvollendeten Vergangenheit. Das macht in Peter Stamms aktuellem Roman „Weit über das Land“ Sinn, weil gar nichts perfekt feststeht. Stattdessen haben Thomas wie auch seine Frau Astrid stets einen allwissenden introspektiven Erzähler an ihrer Seite, mit höchster Akkuratesse im Wechsel zwischen Mann und Frau. Er inspiziert ihrer beider Außenhaut der Innenwelt; subkutan wird Astrid zur Protagonistin. Die straffe dyadische Struktur ist das Stilprinzip des Romans. Dabei entsteht im Lauf der Zeit vor allem ein irritierendes Frauenbild. Immerhin hatte Astrid in ihrem früheren Leben als Buchhändlerin ein paar geistige Ambitionen. Das Verschwinden ihres Manns aber schiebt sie in die Rolle der Dulderin.

          Stets unter dem paritätischen Erzählerblick läuft Thomas durchs tiefe Land und ins Hochgebirge. Merkwürdig kulissenhaft bleiben Ansiedlungen und Natur in der Schilderung, als stiefele der Mann durch eine vergrößerte Spielzeugeisenbahnlandschaft, bevölkert von ein paar bemalten Figürchen; womöglich ist dieser Effekt vom Autor auch gewollt. Denn derweil verharrt Astrid im Haus, beinah regungslos, mechanisch betreut sie die zwei Kinder. Zwar nimmt sie einen frühen Anlauf, Thomas aufzuspüren, aber sie ermattet schnell, als ihr von der Polizei signalisiert wird, dass eine weitere Suche nach dem Vermissten nicht stattfinden werde. Es ist erstaunlich genug, dass in der wohlgeordneten Schweiz einer so leicht verschüttgehen können soll.

          Peter Stamms Roman wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert.
          Peter Stamms Roman wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert. : Bild: dpa

          Eine späte Schwester der Penelope

          Noch seltsamer ist es allerdings, dass eine normal intelligente Frau den jähen Abgang des Gatten so klaglos als endgültiges Ereignis hinnimmt. Als Thomas bereits einen Monat lang verschwunden ist, steht ein Polizist vor der Haustür: „Noch bevor sie ihn hereinbitten konnte, sagte er, man hat ihn gefunden.“ Er war in eine Felsspalte gestürzt; so viel bestätigt auch der nächste Abschnitt im Roman, der sich wieder ihm zuwendet, getreu der Abfolge. Astrid tut unterdessen alles, was zu erledigen ist: das Gespräch mit dem Pfarrer, die Organisation der Beerdigung, die Todesanzeigen und die Antworten auf die Kondolenzschreiben, sämtliche Formalitäten, „dabei hatte sie immer das Gefühl, sich von außen zu sehen, als spiele sie eine Rolle in einem Film, der nichts mit ihrem Leben zu tun hatte“.

          Dass der Leser dieses Gefühl teilt, kann nicht ausbleiben. Astrids Haltung ließe sich schicksalsergeben nennen. So wie Thomas aus unerläuterten Gründen weggeht, bleibt sie geradezu lethargisch beim Haus; zwanzig Jahre gehen ins Land. Wie eine späte Schwester der Penelope harrt sie aus, auch das Angebot, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten, schlägt sie aus, nur das Weben fängt sie nicht an, sie kauft sich einen Hund. Und „plötzlich war sich Astrid sicher, dass Thomas all die Jahre kein anderes Leben geführt hatte, dass er keine neue Beziehung eingegangen war, keine Kinder bekommen, noch nicht einmal seinen Beruf ausgeübt, sich weitergebildet, sich weiterentwickelt hatte“. Der Ausgang soll hier unerwähnt bleiben; denn in der langen Schwebe liegt die Pointe.

          Zweifelsfrei ist Peter Stamm ein versierter Autor, das gilt auch für diesen kleinen Roman. Die Geschmeidigkeit seines Erzählens wird von den lakonischen Sätzen noch unterstrichen, so baut er die unbestrittene Spannung auf. Dass er in seine Beziehungsnetze gern Frauen einspinnt, ist seit „Agnes“ von 1998 bekannt, in „Sieben Jahre“ von 2009 zum Beispiel exerziert er das einmal mehr durch an der Figur Iwona. Es ist die alte, ewig wahre Geschichte des Vielleicht oder Vielleicht-auch-nicht, der gelungenen oder der verfehlten Existenz. Die Geschehnisse bleiben im Nebel eines Vagen, in dem die Frau, wie Astrid in „Weit über das Land“, als fixer Orientierungspunkt dient. Unter diesen Bedingungen muss Peter Stamm nicht Stellung beziehen zu den Ereignissen, so gelingt ihm eine weiche Landung im Möglichkeitsraum des Lebens, abgezirkelt vom präzisen Schema des Perspektivwechsels.

          Quelle: F.A.Z.

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