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Thilo Sarrazins „Tugendterror“ : Der Ungleichheitsapostel

Will nicht recht bekommen, sondern zeigen, recht zu haben: Thilo Sarrazin Bild: dpa

In seinem neuen Buch „Der neue Tugendterror“ erklärt Thilo Sarrazin, weshalb sein Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ so viele Gegner hatte - und imitiert dabei, was er angreift.

          Thilo Sarrazin, so steht es im ersten Satz seines neuen Buches, hat am 10. September 2012 im „Spiegel“ eine Unwahrheit lesen müssen. Da stand, Politiker „wie er“ behaupteten, Migranten seien faul und hätten ohnehin kein Interesse, dieses Land mitzugestalten. Thilo Sarrazin hat das nie behauptet. Der Redakteur, der es dennoch behauptete, schrieb auf einen Leserbrief Sarrazins, er habe nie behauptet, Sarrazin habe das behauptet. Er habe nur einige Äußerungen Sarrazins „pointiert zusammengefasst“. An jenem Tag wäre uns beinahe eine Polemik erspart geblieben. Thilo Sarrazin hätte nämlich Dritte anrufen können, wie nahe eine pointierte Zusammenfassung der Unwahrheit ist. Er hätte eine Gegendarstellung oder eine Unterlassungserklärung verlangen können. Täglich wird so gegen Medienberichte vorgegangen. Ganze Kanzleien leben davon, dass geklärt wird, was zu weit geht. Wir befinden uns in einem Rechtsstaat.

          Gewiss darf man ihn sich nicht perfekt vorstellen. Es kann aufwendig werden, jeder Falschmeldung einen Anwalt hinterherzuschicken. Das subjektive Empfinden, was beleidigend oder unwahr ist, kann abweichen von dem, was Gerichte anerkennen. Es gilt Niklas Luhmanns trockene Feststellung, der Rechtsweg sei steil und unsicher, damit es sich jeder gut überlegt, bevor er ihn einschlägt, um der Gesellschaft seine Konflikte zuzumuten. Vor allem aber: Wer es tut, willigt ein, am Ende das Urteil der Gerichte hinzunehmen.

          Zweitausend Jahre Hang zur Meinungskonformität

          Thilo Sarrazin hat es nicht getan. Er will nicht recht bekommen, er will zeigen, recht zu haben. Darum hat er nicht den Anwalt losgeschickt, sondern dieses Buch geschrieben („Der neue Tugendterror“. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland, München 2014). Ein Buch über die von ihm erlebten Folgen seines vorletzten Buches, „Deutschland schafft sich ab“, des Buches also, in dem nicht behauptet wurde, Migranten seien faul. In dem auch vieles andere nicht behauptet wurde, was darin gelesen wurde. Das geht Büchern so, vor allem vieldiskutierten. So, wie auch viele Bücher ihrerseits Dinge behaupten, die nicht stimmen. Oder Behauptungen aufstellen, von denen sich nicht einmal klären lässt, ob sie falsch oder richtig sind. Zum Beispiel die Behauptung, wir lebten unter einem Tugendterror.

          Das behauptet jetzt Thilo Sarrazin. Der Umgang mit „Deutschland schafft sich ab“ ist für ihn der gegenwärtige Fall von etwas, das sich historisch findet: in der Intoleranz des Christentums, der Inquisition, der Hexenverfolgung, der jakobinischen und der sowjetischen Schreckensherrschaft, bei den Roten Khmer. Auf Seite 195 seines Buches stellt er jenen „Spiegel“-Redakteur in die Tradition eines mehr als zweitausendjährigen Hangs zu totalitärer Meinungskonformität. Er findet Elemente von Orwells „1984“ auch in den heute gängigen Versuchen, durch Umbenennung von Gruppen („Zigeuner“, „Roma“, „rumänische und bulgarische Einwanderer“) soziale Fragen zu entschärfen, im moralistischen Retouchieren von Kinderbüchern, in der „geschlechtergerechten“ Sprache, in Tabus über Begriffen wie „Wirtschaftsflüchtling“ oder in meinungsbildenden Stereotypen, für die ihm „Berufsverbot“ ein Beispiel ist.

          Schon als Ministerialbeamter unter Meinungsterror?

          Nachdem Sarrazin sich in seinem Erfolgsbuch auf Intelligenzforschung und Sozialstatistik verlassen hat und im darauffolgenden „Europa braucht den Euro nicht“ auf Ökonomie, versucht er sich jetzt an einer Art Soziologie der öffentlichen Meinung. Doch das geht schief. Auf die These, Meinungsfreiheit sei bedroht, kommt er beispielsweise, weil er feststellt, dass man nicht alles folgenlos sagen kann. Es könnten einen beispielsweise verfehlte Scherze zu Frauenrechten ein öffentliches Amt kosten, hingegen überlebten Politiker außereheliche Affären inzwischen durchaus. Hier wird Unterschiedliches zusammengerührt. Seitensprünge sind allenfalls sehr implizite Meinungsäußerungen. Schlechte Scherze dürfen gemacht werden, aber man kann denen, die sie hören, ihrerseits nicht das Mitlachen vorschreiben. Also muss die Betonung auf „öffentliches“ Amt oder „hervorgehobene“ Position liegen, wenn es um die Risiken von Menschen geht, die aus der Rolle fallen. Was Sarrazin die Grenzen der Meinungsfreiheit nennt, ist meistens die Verbindung von Verhaltenserwartungen und repräsentativen Aufgaben.

          Oder noch allgemeiner: von Meinungsäußerung und Kontext. Auf den Oppositionssitzen kann der Satz „Oppermann ist eine Pflaume“ folgenloser gebildet werden als auf der Regierungsbank. Sarrazin selbst dürfte während seiner Zeit als Ministerialbeamter auch das eine oder andere nicht gesagt haben, ohne sich deswegen schon unter Meinungsterror gefühlt zu haben. Wenn er eine Umfrage zitiert, der zufolge viele Bürger abseitige Meinungen gern verbieten würden, vergisst er hinzuzusetzen, dass die meisten nicht verboten sind und es je nach Befragten auch immer andere Meinungen sind, die Achtungsverluste nach sich ziehen.

          Für die Gesellschaftsbeschreibung ungeeignet

          Worauf Sarrazin zielt, sind die Medien. Dafür, weshalb sie so viel Falsches, vor allem über ihn und seine Themen, berichten, denkt er sich verschiedene Erklärungen aus. Eine ist, dass Journalisten größtenteils „Politikwissenschaft, Germanistik oder Geschichte“ studiert hätten. Darum seien ihnen Zahlen fremd und kennten sie sich mit der „sozialen und physischen“ Wirklichkeit schlecht aus. Sie hätten es mehr mit der Sinnstiftung als mit Tatsachen. Wenn ich an dieser Stelle als Volkswirt persönlich werden darf: Ob Angehörige einer Disziplin, deren Prognoseirrtümer gern im Bereich von fünfzig Prozent liegen, wirklich mit ihrer Befähigung zu realitätsgerechten Aussagen angeben sollten?

          Eine andere Erklärung lautet: Journalisten seien links und jedenfalls „linker“ als die Bevölkerung, Linke - wie Christen - pflegen völlig inadäquate Gleichheitsideale, Gleichheitsideale führen, ideologisiert, zu Gleichmacherei, und weil diese in der „sozialen und physischen“ Wirklichkeit scheitert, tobt sie sich umso mehr im Bereich der Meinung aus. Dass es daneben auch eine Ungleichheitsideologie gibt, wird von Sarrazin eher beiläufig erwähnt. Die naheliegende Schlussfolgerung aus beidem, dass „gleich/ungleich“ überhaupt kein gutes Begriffspaar für eine Gesellschaftsbeschreibung ist, sondern ein moralisches Passepartout, zieht er darum nicht.

          Auch Antirhetorik ist eine Rhetorik

          Entsprechend kann er in einem Satz die Abschaffung von Schulnoten, mehr Rampen für Rollstuhlfahrer, progressive Steuersätze und Frauenquoten als typische Forderungen von „Gleichheitsaposteln“ unterbringen. Zu unterscheiden, welche Gleichheitsforderungen offenkundig sinnvoll sind, welche völlig vergeblich und welche zu Recht umstritten, weshalb sie eine Frage politischer Willensbildung sind, fällt ihm an dieser Stelle nicht ein. Sarrazin glaubt letztlich, das alles lasse sich wissenschaftlich entscheiden - und weil die Wissenschaft auf Zahlen beruht und die meisten Zahlen ungleich sind, gibt es für ihn einen Vorrang des Ungleichen. Nur dass er eben alle Einwände dagegen seinerseits gleich behandelt.

          So erliegt Sarrazin seiner undurchschauten Begrifflichkeit. „Natürlich beobachten wir“, schreibt er zu einer seiner Lieblingsungleichheiten, „dass sich viele Völker und Ethnien in typischer Weise unterschiedlich verhalten.“ Die Frage, wie sich ganze Völker überhaupt beobachten lassen, stellt er sich nicht. So wenig, wie er merkt, dass Ethnie für ihn damit nur nach außen ein Unterscheider ist, nach innen aber ein Gleichmacher. Andererseits waren ihm die Journalisten auch überethnisch eine typische Gruppe, so wie die Gleichheitsapostel aller Nationen und Berufsgruppen. Konfusionen, wohin man schaut.

          Insofern hat Sarrazin sein Gebiet gut gewählt. Es ist nicht der Rechtsstreit, der klären könnte, ob man ihm die Meinungsfreiheit genommen hat, und es ist nicht die Wissenschaft, auch wenn er so tut. Es ist der rhetorische Meinungskampf, in dem auch Antirhetorik eine Rhetorik ist. Die alte soziologische Einsicht, dass Streit die Streitenden einander ähnlich macht, beweist sich auch an Thilo Sarrazin. Er imitiert, was er angreift, und fasst einige Äußerungen der Gesellschaft, in der wir leben, „pointiert zusammen“

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