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„Star Wars“ außer Kontrolle : Am Anfang war der Sternenkrieger

Der Weltenerfinder: George Lucas bei der „Star Wars“-Premiere in London. Bild: AP

„Star Wars“ – eine aus den Fugen geratene Filmidee, die das Universum eroberte. Chris Taylor hat darüber ein Buch geschrieben, in dem vor allem die Charakterisierung George Lucas’ überrascht.

          Wer ein Lichtschwert zum Haarekämmen missbraucht, verbrennt sich die Kopfhaut; wer sich mit einer Laserpistole die Schuhe polieren will, verliert ein paar Zehen; und wer ein fast achthundert Seiten starkes Buch über ein seit vierzig Jahren immer mehr in die Breite zerlaufendes film- und massenkulturgeschichtliches Thema schreibt, ohne den Früchten seiner Schwerarbeit ein Namensverzeichnis, ein Sach- und Themenregister, eine Literaturliste oder wenigstens ein paar Links ins Internet beizugeben, sollte bei Wikipedia mal unter dem Stichwort „Gebrauchswert“ nachsehen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass die Menschen, die Chris Taylors sehr umfangreiches, aber auch sehr unterhaltsames und in keinem Sinn des Wortes erschöpfendes Buchmonster „Wie Star Wars das Universum eroberte“ nicht daran gedacht haben, dass ein Papierbatzen keine Suchfunktion hat und sich bei aussageschwachen Zwischenüberschriften wie „Erscheinen“ oder „Unter Einsatz des Universums“ kein Aas merken kann, welche Tatsachen, Gerüchte und Lügen im betreffenden Kapitel zu finden sind, ist die schlechte Nachricht.

          George Lucas als Widerspruchsbestie

          Die gute ist, dass Taylor schreiben kann, im Gegensatz übrigens zu seinem Helden George Lucas, den er nirgends verklärt, sondern als genau die bipolare, einerseits hippiehaft verträumte, andererseits hocheffiziente und bei der Arbeit mit Tausenden von Menschen mit klassisch charismatischen Führungsqualitäten begabte Widerspruchsbestie porträtiert, die sich einen eigenen Kosmos schaffen musste, weil sie im vorhandenen Diesseits der siebziger Jahre weder in die abgebrühte Filmclique von New Hollywood noch zu den bekifften, vor lauter grandiosen Plänen zeitlebens nachhaltig unproduktiven Eckenstehern mit von Tolkien- oder Heavy-Metal-Comics beeinflussten Visionen passte, zu denen er sich damals als Kollege hätte rechnen lassen können.

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          Der junge Filmkünstler Lucas, der mit der gewollt sterilen und beklemmenden Gesellenarbeit „THX 1138“ (1971) und dem pararealistischen Wohlfühlkomödchen „American Graffiti“ (1973) aus dem Schatten der Arthur Penns, Francis Ford Coppolas und Stanley Kubricks getreten war, die seinerzeit die Szene beherrschten, muss, wenn man Taylor glauben will, bereits mit allen Schwächen und Stärken gesegnet und gestraft gewesen sein, die sich in seinen weltbekannten späteren Schöpfungen und deren Nachkommenschaft bis heute nachweisen lassen und ihn selbst zum Schöpfer von „Star Wars“ und beherrschenden Kino-Märchenonkel der digitalen Science Fantasy disponierten: Von Dialogen, Schauspielführung und schlüssiger Figurenmotivation verstand der Mann nicht eben viel, von Effekten, Überwältigungdramaturgie und Weltfluchtgeschwindigkeit dagegen mehr als jemals jemand vor ihm.

          Schwer von Begriff

          Vor allem aber, das zeigen die Selbstzeugnisse, die Taylor zitiert, konnte er nicht schreiben, das heißt: Alles Begriffliche, mit Worten Präzisierende war ihm fremd, ja schmerzhaft. „Manchmal“, so soll er seinen Schreibprozess beschrieben haben, „werden die Gedankengänge so verschwurbelt, dass man denkt, man wird depressiv, unerträglich depressiv.“

          Die Herstellung von visuellen und akustischen Kunsterlebnissen, die sich mit Worten kaum beschreiben lassen, muss einem Autor, der so unter seinen Wortfindungsstörungen litt, wie die letzte Rettung vor dem Ersticken am Sprachgift erschienen sein - wo andere mit dem Synonymlexikon oder dem Drei-Akte-Schema ihren Stoffen zu Leibe rückten, warf sich Lucas auf den Klang („Skywalker Sound“) und den Blitz („Industrial Light and Magic“), und der Rest ist Geschichte.

          Ein Nachruf zu Lebzeiten

          Das darf man bei Chris Taylor ganz wörtlich nehmen: Er berichtet von „Star Wars“ wie von etwas, das zwar als Marktphänomen und Aufmerksamkeitsstaubsauger für Millionen in vollem Gange ist, dessen Werden aber als abgeschlossen empfunden werden darf. Die bislang kaum erforschte, weil eben noch junge und erst mit einem einzigen Film zu Buche schlagende Ära nach dem Verkauf des „Star Wars“-Gesamtpakets an Disney, in der die Sache der Kontrolle durch George Lucas enthoben ist, liest sich bei Taylor wie ein Epilog zu etwas, das er in allen Einzelheiten zergliedert, aber wohltuenderweise nie mit irgendeiner hochgespannten, den ganzen widersprüchlichen Wahnsinn überwölbenden These zu erklären sucht.

          Bild: Heyne

          Am Ende spendiert Taylor Lucas fast einen Nachruf zu Lebzeiten: „Star Wars“, heißt es hier, „hatte ihn ausgelaugt, an die Wand gedrückt, und nun hatte es seinen ersten Herrn im Stich gelassen.“ Der Held macht da, was Helden manchmal machen müssen - eine traurige Figur, schon wahr. Aber keine schlechte.

          Chris Taylor: „Wie Star Wars das Universum eroberte“. Aus dem Amerikanischen von Michael Nagula. Heyne Verlag, München 2015. 768 S., br., 14,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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