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Staffan Müller-Wille / Hans-Jörg Rheinberger: Das Gen im Zeitalter der Postgenomik Das Gen zerbröselte, kaum dass es gefunden war

08.10.2009 ·  Der Begriff des Gens hat nicht deshalb Karriere gemacht, weil er so trennscharf war, sondern weil sich so gut mit ihm forschen ließ. In ihrem vorzüglichen Büchlein bündeln Staffan Müller-Wille und Hans-Jörg Rheinberger ein Jahrhundert genetischer Forschung.

Von Manuela Lenzen
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Die Gene haben zurzeit keine gute Presse. Von der Auflösung des Genbegriffs ist die Rede, und um das ambitionierteste Projekt der jüngeren Wissenschaftsgeschichte, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, ist es still geworden. Weit davon entfernt, dem Menschen endlich zu sagen, wer er ist, haben die endlosen Buchstabensequenzen nur neue Fragen aufgeworfen. Während Biotechnologen eine goldene genmanipulierte Zukunft versprechen, scheint die Genetik paradoxerweise am Ende zu sein. „Postgenomik“ nennen die Wissenschaftshistoriker Staffan Müller-Wille und Hans-Jörg Rheinberger die gegenwärtige Phase und lösen in ihrem vorzüglichen Büchlein den scheinbaren Widerspruch in einer pragmatisch fundierten Wissenschaftstheorie auf.

„In diesem Bändchen bündeln wir ein Jahrhundert genetischer Forschung“, lassen die Autoren lakonisch wissen. Dann starten sie zu einer Tour de force durch die Biologiegeschichte von Darwin bis zur Bioinformatik. „Gen“, so ihre zentrale Behauptung, war nie ein klarer Begriff, aber das hat der Forschung nicht geschadet, im Gegenteil.

Darwin und Mendel

Zu Darwins Zeiten war die Vererbung kein Thema für Biologen, sondern für Züchter und vielleicht noch für Mediziner. Jede Zeugung galt als individueller Schöpfungsakt, jede Abweichung vom Normalen als außernatürlich. Bewusst mit dieser Tradition zu brechen war vielleicht Darwins größte Leistung, meinen die Autoren. Darwin erkannte in den erblichen Variationen die Grundlage der Evolution.

Gregor Mendel glaubte ebenso wie seine Zeitgenossen, die Regelmäßigkeiten der Vererbung, die er entdeckte hatte, gälten nur für reinerbige Hybriden, seien also ein Spezialfall. Seine Versuche funktionierten, weil sie extrem künstlich waren, so die Autoren. Doch gerade damit legte er den Grundstein für die aufkommende „Physiologie der Abstammung“, der der englische Biologe William Bateson 1906 den Namen „Genetik“ gab.

Der lange Weg zum Gen

Das Gen selbst, 1909 von Wilhelm Johannsen getauft, wurde darin nur langsam zum eigenen Forschungsgegenstand. Noch 1933 befand Nobelpreisträger und Fliegengenetiker Thomas Hunt Morgan, es spiele keine Rolle, ob ein Gen eine „hypothetische Einheit oder ein materielles Partikel“ sei. Auf Johannsen geht auch die Unterscheidung von Genotyp und Phänotyp zurück, die Kritiker heute für eine abgrundtiefe Trennung von Entwicklungs- und Evolutionsbiologie verantwortlich machen. Müller-Wille und Rheinberger können diese nicht erkennen und betonen im Gegenteil, durch die Trennung der beiden Bereiche sei es erst möglich geworden, ihr Zusammenspiel zu untersuchen.

Zytologische Untersuchungen und Experimente mit Mutationen auslösenden Röntgenstrahlen hatten in den dreißiger Jahren gerade die Vorstellung von Genen als realen, auf den Chromosomen aufgereihten Einheiten bestätigt, als auch schon wieder Zweifel aufkamen: Offenbar war die Wirkung eines Gens nicht unabhängig von seiner Position auf dem Chromosom. Selbst in dieser frühen Phase entsprach dem Begriff „Gen“ kein einfacher Gegenstand, so die Autoren, und je genauer das Geschehen um das Ablesen der Gene erforscht wurde, desto komplizierter wurde es.

Das Gen zerbröselte, kaum dass es gefunden war. Die DNS codiert nicht einfach nur den Aufbau von Proteinen. Da gibt es An- und Ausschalter, Führungssequenzen, Spacer, lange und kurze eingestreute Sequenzen, springende Gene und vieles andere, dessen Funktion bis heute nicht völlig verstanden ist. Im Zuge der aufkommenden Epigenetik, die sich damit befasst, welche Einflüsse Umweltfaktoren auf die Genaktivität haben, zeigt sich auch, dass der Organismus selbst eine aktive Rolle bei der Verwendung und Gestaltung seines Genoms spielt. Anstelle eines materiellen Etwas, auf das man den Namen „Gen“ kleben könnte, finden die Forscher nur Wechselwirkungen, und die stellen sich als umso komplexer heraus, je genauer man sie untersucht.

Ganz ohne Genbegriff?

An Vorschlägen, den Begriff des Gens ganz zu verbannen und stattdessen von genetischem Material oder genetischen Ressourcen zu sprechen, fehlt es nicht. Doch es gibt eine Gegenbewegung: die Biotechnologie. Schon 1974 wurde das erste Patent für einen gentechnisch veränderten Organismus beantragt (aber erst 1980 erteilt). Paradoxerweise kann man mit den Genen, die es genaugenommen gar nicht gibt, ausgezeichnet Geschäfte machen.

Produktive Wissenschaft braucht keine eindeutigen Begriffe, schließen die Autoren, im Gegenteil: Begriffe sind nicht gut, wenn sie Fragen definitiv beantworten, sondern wenn sie anregen, weitere zu stellen, wenn sie Pluralismus auf den Plan rufen, weil das, was sie bezeichnen, gar nicht mit einer Erklärung gefasst werden kann. Der Genbegriff hat nicht deshalb Karriere gemacht, weil er so trennscharf war, sondern weil sich so gut mir ihm forschen ließ: nicht weil es Gene gibt, sondern weil mit dem Konzept „Gen“ zu arbeiten eine „Verfügungsmacht über das Leben“ verleiht. Und der Begriff wird sich halten, so darf man wohl folgern, solange diese Macht Bestand hat.

Staffan Müller-Wille und Hans-Jörg Rheinberger: „Das Gen im Zeitalter der Postgenomik“. Eine wissenschaftshistorische Bestandsaufnahme. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 156 S., br., 10,- €.

Quelle: F.A.Z.
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