Home
http://www.faz.net/-gr1-6y8pv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Sachbücher im Frühjahr Unser liebstes Lumpengesindel

Neue Bücher von Lothar Müller, Ingrid Müller-Münch, Eli Pariser, Erik Wegerhoff, Nathan Wolfe, Ines Geipel und Jan Caeyers - und eine Auswahl von Gartenbüchern.

© Carl Hanser Verlag Vergrößern

Über die Epoche des Papiers und Beethoven, Rohrstock und Amok, Viren und Suchmaschinen, ein antikes Weltwunder und das Leben mit Gärten: Eine Auswahl von Sachbüchern aus unserer Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse.

Mehr zum Thema

Papier ist ein besonderer Stoff. Das gilt zwar auch für viele andere Materialien, die als Voraussetzung für die Entfaltung von fundamentalen Kulturtechniken in großen Gesellschaften namhaft gemacht werden können. Und doch lässt sich am Papier, noch bevor man seine Funktionen ins Auge fasst, gleich eine ganz spezielle Eigenschaft hervorheben. Denn sosehr man unwillkürlich dazu neigt, es Rohstoffen zur Seite zu stellen: Tatsächlich ist Papier über den weitaus größten Zeitraum seiner Geschichte aus der Wiederverwendung von durch und durch kulturellen Erzeugnissen hervorgegangen - aus den Lumpen und Hadern, den ausgeschiedenen Geweben aller Art.

Dass der kulturelle „Rohstoff“ par excellence ein Abfallprodukt ist, hat deutliche Spuren in Texten hinterlassen, in denen - auf Papier - vom Papier die Rede ist. Im christlichen Kontext war der Einladung kaum zu widerstehen, die Verwandlung von schmutzigen Lumpen in Papier allegorisch zu überhöhen. Auferstehung wird zum Thema, wenn aus der vernutzten Leinwand der verwandelte Stoff des Papiers hervorgeht, auf den sich nun sogar das Gotteswort schreiben oder drucken lässt. Je strahlender sein Weiß vorgestellt wurde, umso entschiedener ließ sich die Parallele zum Abstreifen des alten Adam instrumentieren: „Hervor aus altem Sünden-Stand / Ganß neu und rein, dass Gottes Hand / Auff dich mög seinen Willen schreiben.“ Und freilich hatte dann auch das weiße Blatt, auf das zwar nicht Gottes, sondern des Autors Hand dessen Inventionen schrieb, eine große und von manchen Anspielungen begleitete Zukunft vor sich.

Ein eleganter Parcours

Für solche alten wie modernen Evokationen des Papiers findet man in Lothar Müllers Buch über „Die Epoche des Papiers“ viele Beispiele. Klein ist auch nicht das Feld, das sich der Literaturwissenschaftler - und Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung - dieses Mal abgesteckt hat. Es geht um den stofflichen Aspekt im engeren Sinn, also die Techniken der Papierherstellung; genauso aber um die zentralen Funktionen von Papier als Medium der Speicherung und Zirkulation; und nicht zuletzt um Papier in all seinen Formen als Anlass, um gerade die auf Papier basierenden Kulturtechniken selbst zu verhandeln. Alles kommt da auf das Geschick des Autors an, die Wechselwirkung zwischen diesen verschiedenen Momenten an gut gewählten Beispielen vor Augen zu führen. Keine ganz leichte Aufgabe, doch Lothar Müller zeigt, wie sie sich in einen beeindruckend elegant bewältigten und überaus anregend zu lesenden Parcours quer durch die Geschichte verwandeln lässt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Mittelstandsanleihen-Ticker FFK-Anleger könnten mehr als 30 Prozent bekommen

Die Rating-Agentur Scope stuft die Deutsche Forfait auf „CCC“ ab. Gebr. Sanders stockt seine Anleihe auf. Creditreform stuft VST auf „B-“ ab. Mehr

22.07.2014, 08:24 Uhr | Finanzen
Kochbuchkolumne „Esspapier“ Wie schmeckt das Mittelmeer?

Die mediterrane Küche ist ebenso vielfältig wie beliebt. Jetzt hat der in Hamburg kochende Ali Güngörmüs seine liebsten Gerichte aus diesem geographischen Raum ausgewählt - von Lammkebab bis Nougartparfait. Mehr

11.07.2014, 12:56 Uhr | Feuilleton
Sonderführungen im Märchenschloss Schwarze Kassen in Neuschwanstein

Zwei Angestellte, die Einnahmen für „Sonderführungen“ genommen haben, müssen sich vor Gericht verantworten. Ein Satyrspiel um schwarze Kassen vor den Kulissen Neuschwansteins. Mehr

10.07.2014, 17:39 Uhr | Feuilleton

Künstlerinnen und das kleine Geld

Von Rose-Maria Gropp

Eine Auktion-Statistik ermittelt jetzt die erzielten Gebote von Kunst nach Geschlechtern. Die Kunst von Frauen erlangt weitaus weniger Gewinn. Deshalb der Aufruf: Frauen, kauft Frauen! Mehr 5