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Veröffentlicht: 16.09.2013, 16:58 Uhr

Harel Shapira: Waiting for José Sie wollen einem Land dienen, das sie im Kern für verrottet halten

Amerikas freiwillige Miliz, die an der Grenze zu Mexiko gegen illegale Einwanderer vorgeht: Der Soziologe Harel Shapira ist mit den Minutemen auf Patrouille gegangen.

© Princeton University Press

Harel Shapira, ein aus Israel stammender Amerikaner, der zurzeit an der University of Texas at Austin Soziologie lehrt, hat ein ebenso kluges wie kontroverses Buch geschrieben, das gänzlich unsoziologisch daherkommt. Es handelt von den Minutemen, einer fremdenfeindlichen, im rechtsextremen politischen Spektrum der Vereinigten Staaten angesiedelten Bewegung, die sich als Freiwilligenmiliz versteht und an der langen Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko die reguläre Border Patrol durch eigene Patrouillen im Kampf gegen die illegale hispanische Migration in den amerikanischen Südwesten unterstützt.

Dabei kommt es dem jungen Soziologen nicht so sehr auf die politischen Ideen und die etwas verquere Weltanschauung der Minutemen an, sondern auf ihre Alltagspraktiken, ihre Rituale und die sinnstiftenden Erzählungen, Mythen, die sie sich und anderen erzählen, um ihr Handeln zu legitimieren.

Was treibt diese Menschen an?

Wie ein Ethnologe oder kulturanthropologischer Ethnograph nähert er sich den Milizionären, als handelte es sich um einen indigenen Stamm. Mit Hilfe einer methodisch sorgfältig kontrollierten teilnehmenden Beobachtung und eines Mindestmaßes an ansprechend durchgeführter theoretischer Reflexion auf der Basis von Clifford Geertz, Pierre Bourdieu und Mary Douglas nähert sich Shapira in mehreren Anläufen seiner Untersuchungsgruppe.

Der Autor schließt sich ihnen an, nimmt an den nächtlichen Patrouillengängen teil und erlebt die ganze Langeweile ihrer offenkundig sinnlosen Existenz. In all den Monaten, in denen er sie begleitet, können sie kaum ein Dutzend illegaler Migranten am Grenzübertritt hindern. Aber seine Untersuchung hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Er redet mit den Minutemen - und nicht über sie. Auf diese Weise gewinnt er Perspektiven, die einem bei oberflächlich-ideengeschichtlicher Betrachtungsweise oder im üblichen Modus moralischer Empörung verborgen bleiben.

Was eigentlich treibt diese Menschen an - ganz überwiegend Männer jenseits des fünfzigsten Lebensjahrs aus dem amerikanischen Arbeitermilieu des Mittelwestens, geschieden oder verwitwet mit Kindern an einem College oder einer Universität? Frauen finden sich in der männlich dominierten Welt ihrer Camps und Stützpunkte selten, beim Wachdienst überhaupt nicht. Und tatsächlich: Die Aktivitäten der Minutemen dienen der Selbstvergewisserung dieser Männer. Fast alle haben in Vietnam oder den Golfkriegen als Soldaten gedient.

Bewahrer mexikanischer, „unschuldiger“ Weiblichkeit

Sie glauben, ihrem Land zu dienen, obwohl sie zugleich davon überzeugt sind, die Vereinigten Staaten seien im Kern verrottet. Deswegen bewachen sie eine Grenze, hinter der angeblich der Verfall lauert, verteidigen eine Gesellschaftsordnung, die nach ihrer eigenen Überzeugung gar nicht mehr existiert. Dabei lassen sie die längst vergangene Romantik und Kameradschaft des militärischen Lagerlebens sowie seine Routinen und internen Hierarchien zu neuem Leben erstehen.

Obendrein fühlen sie sich als Bewahrer mexikanischer, „unschuldiger“ Weiblichkeit, indem sie vorgeben, junge mexikanische Frauen vor der Vergewaltigung und Ermordung durch die Coyotes, die berufsmäßigen Schlepperbanden, zu bewahren. Im nächsten Atemzug aber erklären sie, dieselben, von ihnen beschützten Frauen hätten kein anderes Ziel, als die Vereinigten Staaten mit mexikanischen Babys zu überschwemmen, um das Land wieder für ihre Rasse zurückzugewinnen.

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