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Bruno Latour: „Enquete sur les modes d’existence“ : Diplomatie statt Systemtheorie

  • -Aktualisiert am

Bild: Editions La Decouverte

Unterschiedenes ist gut: Bruno Latour schreibt seine Netzwerk-Theorie weiter und wahrt die Chance, der Philosophie zu entkommen.

          Bruno Latour hat ein weiteres Hauptwerk geschrieben. Das ist nichts Ungewöhnliches. Wer sogar in kleineren Schriften reihenweise Alltagsgewissheiten auf den Kopf stellt - wir sind nie modern gewesen, Objekte können handeln -, der wird in seinen größeren Arbeiten kaum bescheidener vorgehen. Kritik der Moderne, globale Verfassung: Darunter geht es bei Latour nicht, auch nicht in der vor kurzem erschienenen „Enquête sur les modes d’existence“, die den Untertitel „Eine Anthropologie der Modernen“ trägt. Wie Latours frühere Schriften zeichnet dieser Band ganz nebenbei ein Porträt des Autors als charismatischer Philosoph. Insofern solche Rolle in den Wissenschaften noch Prestige besitzt, darf sie mit einem deutungsfreudigen Publikum rechnen.

          Doch das könnte ein Missverständnis sein. Denn Latour empfiehlt eine Form des Arbeitens, die den gelehrten Wettkampf um die neuste „Theorie“ gerade hinter sich lässt. Bisweilen betrifft das sogar den eigenen Beitrag: Unvergessen ist Latours Widerruf seiner Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) - alle drei Begriffe und sogar die Bindestriche seien falsch! Tatsächlich definiert sich ANT bei Latour von Publikation zu Publikation neu, um dann zu behaupten, sie sei schon immer so gemeint gewesen.

          Instrumente als Akteure

          In ihrer letzten, rehabilitierten Fassung - hilfreich zusammengefasst in „Reassembling the Social“ (2005) - trat die Akteur-Netzwerk-Theorie als ein grundlegend ethnographisches Unternehmen auf: Wolle man verstehen, wie Gesellschaft funktioniert, helfe keine abstrakte Begriffsbestimmung, sondern einzig die Beobachtung und Befragung der Handelnden selbst, denn Gesellschaft sei eben keine Sache, sondern ständige Aktion. Aus den Science Studies blieb allerdings der merkwürdige Gedanke erhalten, dass zu den aussagekräftigen Akteuren des sozialen Lebens auch „Dinge“ - Gegenstände, Technologien, Medien mit eigener Handlungskraft - gehören.

          Wo Menschen handeln, so Latour, da handeln ihre Instrumente mit, und das keineswegs nur instrumentell, sondern immer auch ihrer eigenen Logik folgend. Der Prozess technologischer Modernisierung zeigt sich aus solcher Perspektive nicht als Ausweitung menschlicher Herrschaft über eine äußere Objektwelt, sondern als zunehmende Verflechtung, ja irreversible Abhängigkeit menschlicher und nichtmenschlicher Handlungsträger. Wer’s nicht glaubt, der stelle sich vor, was eintreten würde, wenn morgen alle Computer den Geist aufgäben.

          Vertrauen in die Institution Wissenschaft

          Der Schritt hin zu einer ökologischen Würdigung allumfassender Interdependenz lag für diesen Theoretiker der Praxis somit immer schon nahe. Tatsächlich gibt Latours neues Buch an, von der Faktizität des globalen Klimawandels motiviert zu sein, der hier als Hintergrundkatastrophe für alle angestellten Untersuchungen dient. Latour nimmt den drohenden ökologischen Kollaps zum Anlass, einige Grundannahmen der Science Studies und der Akteur-Netzwerk-Theorie zu überdenken. Besonders unbehaglich ist es ihm, dass das Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Fakten, von ANT fleißig mitbefördert, mittlerweile zur Grundausstattung reaktionärer Bewegungen gehört. Wenn Kreationisten die Klimaforschung oder die Evolutionstheorie als Glaubenssysteme unter anderen darstellen, wird es dem ehemaligen Kritiker naturwissenschaftlicher Objektivität mit gutem Grund mulmig.

          So plädiert Latour zu Beginn seines neuen Buches für pragmatisches Vertrauen in die „Institution“ der Wissenschaft. Damit unterstreicht er aber erneut, dass Wissenschaft als soziale Institution existiert, nicht als direktes Medium objektiver Tatsachen. Es bleibt ein schräges, da strategisch konstruiertes Argument, dem es auch darum geht, eine zeitgemäße politische Position mit der bisherigen Metaphysik des Autors in Übereinstimmung zu bringen. Der Ertrag für das laufende Projekt einer Theorie der Praxis aber ist beachtlich. Mit dem Buch gelingt eine spannungsreiche neue Episode der ANT-Fortsetzungsgeschichte.

          Lebenswelten, die sich um sich selbst drehen

          Bestimmend ist die Einsicht, dass sich die soziale Welt trotz umfänglicher Verflechtung aller Akteure sehr wohl in getrennte Handlungssphären untergliedert, weshalb Politiker auf einem Klimagipfel eben Politik betreiben und nicht angewandte Klimaforschung. Umgekehrt kann ANT noch so überzeugend nachweisen, dass in naturwissenschaftlichen Laboren keineswegs nur Forschung stattfindet, weil ökonomische oder juristische Handlungen in jeden Erkenntnisakt eingewoben sind - die beteiligten Forscher werden dennoch darauf bestehen, nichts anders als Wissenschaft zu betreiben.

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