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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Romane im Frühjahr Auf der Jagd nach einem Phantom

 ·  Neue Bücher von Mathias Gatza, Péter Nadás, Thomas von Steinaecker, Anna Katharina Hahn, Nina Bußmann, John Banville, Maryrose Wood - und W.G. Sebalds „Austerlitz“ als Hörspiel.

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Von Göttern und Gegenwart, Eigenbrötlern und Exempeln: bei Autoren wie Mathias Gatza und Péter Nadás geht es in diesem Frühjahr um die großen kosmischen Zusammenhänge. Eine Auswahl aus unserer Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse.

Was für eine Welt! Das Wissen explodiert, die Grenzen zwischen den Disziplinen verwischen, der Fortschritt ist schneller als die Einsicht, und China droht mit seinen Erfindungen und seiner Produktivität die alte Welt noch älter aussehen zu lassen, wie überhaupt der Globus beängstigend zusammenrückt. Es ist noch nicht lange her, da hat ein verheerender Krieg Europa in Trümmer gelegt, und die Erinnerung daran bleibt eine Wunde, auch wenn diejenigen, die diese Barbarei noch selbst erlebt haben, immer weniger werden. Die großen Städte sind gigantische Baustellen, wo die etablierten Marken mit Residenzen ihr Revier abstecken. Es ist eine Epoche der Selbstinszenierung, der Wissensrevolution und der ständigen Reizüberflutung. Wer die Kunst dieser Zeit betrachtet, sieht Blumen, Früchte und Totenschädel; wer aus den Bildern in die Welt schaut, entdeckt Prachtentfaltung und Barbarei - und eine so ansteckende wie gefährliche Illusionsbegeisterung.

Was ein Porträt unserer Zeit sein könnte, ist tatsächlich ein Panorama des Barocks. Diesen Blickwechsel wagt nicht zufällig jetzt Mathias Gatza, der schon früher im scheinbar Entlegenen das überraschend Zeitgemäße hervorholte. Gatza ist neunundvierzig Jahre alt und hat die Literatur und ihren Betrieb über zwei Jahrzehnte als Leser, Lektor, Verleger und Schriftsteller aus ebenso vielen Perspektiven erkundet wie jetzt seinen historischen Romanstoff. Seine geistige und sinnliche Zeitreise in die Blüte des Dresdner Barock unternimmt er dezidiert aus der Gegenwart heraus - und das macht seinen Kunst-Liebes-Philosophie-Krimi „Der Augentäuscher“ von einem schmissig-eleganten Mantel-und-Degen-Roman zu einer faszinierenden Folie unserer Gegenwart.

Briefroman, Thriller, Wissenschaftsfarce - Gatza jongliert mit beängstigend vielen Genres zugleich. Dabei ist ihm die Wahrscheinlichkeit der Handlung mit barocker Nonchalance im Grunde gar nicht so wichtig. Ähnlich wie in seinem erstaunlichen Debütroman „Im Schatten der Tiere“ von 2008 legt er zwar auch hier für Trüffelsucher alle möglichen Fährten aus, doch ist diesmal nicht allein ein neugieriger Intellektueller und hochversierter Rechercheur am Werk, sondern vor allem ein lustvoller Erzähler. Und noch dazu einer mit Humor.

Frühen Zeitgeist weiterspinnen

Präsentiert wird die aktionsgeladene Reflexion über unsere Sehgewohnheiten in einem dreifach gebrochenen Plot. Das Buch tritt uns auf den ersten Seiten entgegen als unentgeltlicher Download von der Internetseite eines namenlos bleibenden Herausgebers, der ohne Verlag, ohne Fürsprecher und ohne höhere akademische Weihen selbstbewusst verkündet, mit seinem Dokument „das Bild des deutschen Barocks, die gesamte Bildgeschichte und die Kunstgeschichte überhaupt“ neu schreiben zu wollen. Die Mischung aus Größenwahn, erschreckender Offenheit - die Bemerkungen zu seiner Selbsteinschätzung, seinen Zwangshandlungen und seinem Kommunikationsverhalten sind geeignet, an jeder zweiten Biegung Scharen von Therapeuten auf den Plan zu rufen - und stolzer Skrupellosigkeit bei der Verfolgung seiner Mission nimmt der vermeintlich wissenschaftlichen Abhandlung alle Erdenschwere. Zwar geht es um nicht weniger als die Frage danach, was und wie wir sehen - aber das Nachdenken darüber führt vom Atelier des Goldenen Zeitalters bis zu den Promibildchen der „Gala“, vom vatikanischen Archiv (kleiner Gruß an Dan Brown) zum zerwühlten Liebeslager.

Der Geist sei ihm wichtiger gewesen als der Buchstabe, hat Mathias Gatza zum neuen Buch zu Protokoll gegeben, und die Eigenwerbung ist triftig: So, wie die großartigsten Stillleben nicht eigentlich von Frucht und Fliege handeln, sondern von Philosophie und Feldforschung, entfaltet dieser Roman seinen Zauber, indem er einen früheren Zeitgeist zugleich nachempfindet und ihn nach Lust und Laune weiterspinnt. Denn was für die Malerei der toten Natur galt - je täuschend echter, desto größer die Kunst -, wäre literarisch banal.

Russische Umwege und eine Berliner Herausgeberparodie

Mathias Gatzas höchst unzuverlässiger Herausgeber-Erzähler ist einer ganz großen Story auf der Spur. Denn nachdem er unzählige Male am anderen Geschlecht und viermal an der Promotion gescheitert ist, entwickelt er eine fixe Idee: Er will eine Monographie verfassen über Silvius Schwarz, um 1670 zwischen Pillnitz und Dresden ansässig und einer der genialsten Maler seiner Zeit. Der Mann gilt als Phantom; es sind keine Gemälde von ihm überliefert, aber man weiß, dass es knapp vierzig gegeben haben muss, noch dazu mit zum Teil hocherotischen Sujets. Mit seiner Schwarz-Obsession vergrault der Herausgeber die x-te Lebensgefährtin, was ihn aber nicht weiter anficht. Jahrelang durchforstet er Archive - ohne Erfolg. Die Wende kommt, als der mittlerweile zum Sozialhilfeempfänger abgestiegene Forscher von der tristen Gestalt während des Elbhochwassers in Dresden im Einsatzgebiet Pillnitz einer Aufräumkolonne zugeteilt wird und einen alten Druckbogen aus einer Kläranlage fischt. Und siehe da: Das ertrunkene Papier erzählt vom Leben und Tod des Malers Silvius Schwarz.

Ein Zufall kommt nicht allein, und so gerät der Herausgeber über russische Umwege an einen weiteren Bogen des offenbar stummen Setzers Leopold, der die Wahrheit über den bewunderten Künstler unmittelbar nach dessen Tod Nacht für Nacht emsig für die Nachwelt in Blei goss; vier weitere Bögen werden auf ähnlich verschlungenen und meist nicht ganz koscheren Wegen zu der Berliner Herausgeberparodie gelangen. Die größte Sensation enthüllt er bereits auf Seite 26: seinen Zufallsfund eines Werks von Silvius Schwarz, eine angelaufene Metallplatte aus dem Jahr 1673 - für ihn der Beweis, dass die Fotografie keineswegs im neunzehnten Jahrhundert erfunden wurde, sondern bereits im Barock. Wenn er das belegen könnte, wäre er ein gemachter Mann, finanziell, akademisch und womöglich sogar gesellschaftlich rehabilitiert.

Da allerdings muss der Selbstverleger feststellen, dass er eine Konkurrentin hat, noch dazu eine, die ihm in jeder Hinsicht überlegen scheint: Professor Sandra Kopp ist so schön wie klug, finanziell unabhängig und außerdem ist die Kunsthistorikerin im Besitz eines Briefwechsels zwischen Silvius und seiner Cousine Sophie - eine Trophäe, die der mittlerweile in Methoden der nichtwissenschaftlichen Aneignung geübte Herausgeber an sich zu bringen weiß. Aber Sandra Kopps unfreiwillige Beteiligung an seiner Schatzsuche fängt mit diesem Diebstahl erst an.

In der Zeit ein neuer Kontinent

Frei nach Schnauze präsentiert der Spinöse seine Puzzlestücke zu Silvius Schwarz. Zum Vorschein kommen die Karikatur eines Kunstkrimis, die historische Chronik des Setzers sowie die Korrespondenz zwischen Silvius Schwarz und seiner Geliebten Sophie, Mathematikerin, Gambenspielerin und Freidenkerin.

Zum Glück versucht Gatza gar nicht erst, in den ausgegrabenen Dokumenten ein irgendwie authentisch anmutendes, letztlich zur Künstlichkeit verdammtes Barockdeutsch à la Grimmelshausen oder Gryphius nachzuahmen. So kann Silvius seiner Angebeteten mit Verve von seinem Atelier in der Amsterdamer Kalverstraat berichten, wie er der Karriere des Farb- und Feinmalers Frans van Leyden durch joviales Schulterklopfen ein ungewolltes Ende setzte, von den Gerüchten um die Malweisen Vermeers, den Einflüsterungen Spinozas und von seinen Experimenten mit der „neuen englischen Camera“: „durch Spiegel und Linsen bringe ich ein seitenrichtiges Bild auf eine plane Oberfläche“. Unermüdlich sucht Schwarz die begrenzten Möglichkeiten der Darstellung seiner Zeit zu erweitern: „Aber selbst ein Blumenstrauß, den ich in der camera male, ist unvollkommen, denn in der Zeit, die es braucht, ihn genau nachzuzeichnen, verwelkt er schon. Das beste Ergebnis erreiche ich mit toten Gegenständen. Selbst da macht die Unmöglichkeit, das Licht unverändert zu halten, einen Strich durch die Rechnung. Man müsste sehr schnell malen. Das zu denken bedeutet, einen neuen Kontinent in der Zeit zu entdecken.“

Das Vanitas-Motiv in der Gegenwart

Schon der temperamentvollen Liebesbriefe wegen lohnt die Lektüre. Doch da will auch noch der Krimi zu seinem Recht kommen, und so zieht sich über den verliebten Episteln die aus Aberglauben und Furcht geflochtene Schlinge um Silvius’ Hals immer weiter zu. Denn 1673 ist in Dresden ein Serienmörder am Werk: Dreizehn Kastratensänger des Opernhauses werden brutal ermordet, verstümmelt und auf den Kopf gestellt gekreuzigt. Das Prinzip der Bildumkehr führt zu Silvius Schwarz und seinen den Zeitgenossen ohnedies sinister erscheinenden optischen Experimenten. Der Maler wird wegen Ketzerei zum Tode verurteilt.

Der Künstler sucht Ewigkeit - doch seine lichtempfindlichen Werke verblassen. Hier führt Gatza das Vanitas-Motiv des Barocks konsequent weiter - bis in eine Gegenwart, die sich nicht nur in der „Gala“ immerzu verjüngen und verewigen will. Gatzas Herausgeber kommt sich in dieser Tragikomödie von der Suche nach dem perfekten Bild zuletzt selbst abhanden. Wie sagt Silvius Schwarz? „Ich begriff, am kostbarsten und mächtigsten sind die Dinge, die vergehen.“

FELICITAS VON LOVENBERG

Mathias Gatza: „Der Augentäuscher“. Roman. Graf Verlag, München 2012. 383 S., geb., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.
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