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Zadie Smith: London NW : Deine Beichte ist die pure Selbstsucht, Natalie

Bild: Verlag

Vier Schulfreunde und was aus ihnen wird: In ihrem neuen Roman „London NW“ zeigt Zadie Smith ihre ganze Klasse - und was eine Klassengesellschaft ist.

          Die Party ist auf dem Höhepunkt, im Haus mit den vielen Gästen ebenso wie draußen auf der Straße, wo der jährliche London Carnival in der Augusthitze beginnt. Und weil es manchmal für intime Themen gar nicht laut und überfüllt genug sein kann, stellt Leah eben jetzt dem Mann ihrer besten Freundin eine indiskrete Frage: „Was ist das Geheimnis eures Glücks, Francesco?“ Ob sie betrunken sei, fragt der zurück (was sie zweifellos ist), antwortet dann aber doch. „Wir erzählen uns alles“, sagt er, und Leah, die schon seit längerem glaubt, ihre liebste Freundin aus Schultagen an den reichen Banker Francesco und seinen Lebensstil verloren zu haben, muss diese Antwort als Bestätigung ihrer Befürchtung empfinden.

          Als dann jene Natalie, die zunächst mit den beiden Kindern auf einem der Karnevalswagen mitgefahren war, tatsächlich auch noch auf der Party erscheint, beobachtet Leah die Begegnung zwischen ihr und Francesco: „Sie sieht, wie der Mann seine Frau mustert und die Frau ihren Mann. Sie sieht kein Lächeln, kein Nicken, kein Winken, kein Erkennen, keine Verständigung, kein gar nichts.“ Ob das nun ein Zeichen ganz besonderer Vertrautheit ist, die Gesten eben nicht mehr nötig hat, oder etwas ganz anderes, bleibt zunächst unerklärt in Zadie Smith’ Roman „London NW“. Über Leah aber heißt es wenige Sätze später am Ende des Kapitels, sie habe nun überraschenderweise auf der Party „tatsächlich richtig Spaß“.

          Vom Schulschwarm zum Drogendealer

          Sieben Jahre ist es her, dass der letzte Roman von Smith erschien. Ihr Debüt „Zähne zeigen“ hatte die damals fünfundzwanzigjährige Autorin im Jahr 2000 weltberühmt gemacht, es folgten die Romane „Der Autogrammhändler“ und „Von der Schönheit“ sowie eine Reihe von Kurzgeschichten und Essays zu literarischen und populärkulturellen Themen. „London NW“ greift weiter aus, und der Roman ist vor allem formal ambitionierter: In fünf Teilen erzählt Smith von vier Londonern zwischen dreißig und vierzig, die alle im selben ärmlichen Viertel zur Schule gegangen sind.

          Da ist Leah, die Sozialarbeiterin geworden ist und mit ihrem Mann, dem Friseur Michel, nicht weit entfernt der alten Heimat wohnt. Dann die Rechtsanwältin Natalie, die sich den Aufstieg in die Oberschicht hart und, wie es scheint, widerwillig erkämpft hat. Felix, der von einer Filmkarriere träumte und eine Drogensucht überstanden hat. Und schließlich Nathan, ehemals Schulschwarm und angehender Profifußballer, heute Junkie, Dealer und Zuhälter.

          An Joyce geschult

          Drei Teile des Romans sind jeweils aus der Perspektive von Leah, Felix und Natalie erzählt, ein vierter berichtet von einer langen Begegnung zwischen Natalie und Nathan, der fünfte schließlich führt die ausgelegten Fäden zusammen. Jeder dieser Teile ist unterschiedlich geschrieben, auch die erzählte Zeit umfasst mal einen einzigen Tag, mal ein ganzes Leben, und zwischen durchaus konventionelle narrative Passagen stellt die Autorin immer wieder die Abbildung eines Bewusstseinsstromes und durchsetzt die Gedankenkaskaden gern mit Fetzen aus dem Geschnatter der anderen - nicht nur dort erweist sie Joyce’ „Ulysses“ ihre Reverenz, und dass man Londons Stadtteil Kilburn ebenso wie Dublin anhand von aneinandergereihten Gerüchen und Geräuschen bestens evozieren kann, zeigt sie auch.

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