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Will McBride: Berlin im Aufbruch : Als die Mädchen Schmollmünder kriegten

Bild: Lehmstedt Verlag

Berlin im Aufbruch und ein junger Amerikaner mittendrin: Die Fotografien von Will McBride aus den Jahren 1956 bis 1963 zeigen eine Stadt, die es wieder allen beweisen will.

          Es muss damals alles wahnsinnig schnell gegangen sein! Das ist der verblüffendste Eindruck, den dieser Bildband vermittelt. Nur sieben Jahre umfasst der Zeitraum, aus dem die Fotografien stammen, sieben Jahre im Nachkriegs-Berlin zwischen 1956 und 1963. Das ist nicht lang genug, um von einer Epoche sprechen zu können, aber wenn man die Bilder betrachtet, die Will McBride in diesen wenigen Jahren gemacht hat, scheint es, als zögen mindestens zwei Jahrzehnte im Zeitraffer am Auge des Betrachters vorbei.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Eine Stadt liegt in Trümmern. So fängt es an. Riesige Ruinengrundstücke zwischen tristen Wohnblocks. Kinder in kurzen Hosen, die mit Trümmersteinen Wiederaufbau spielen. Frauen, eingehüllt in Kittel und dicke Strickjacken, die Steine klopfen. Prächtige wilhelminische Hausfassaden mit ausgebrannten leeren Fensterhöhlen. So hat Berlin 1946 ausgesehen. Die Fotografien Will McBrides, mit denen der Band beginnt, sind indes zehn Jahre später entstanden. Als die Rote Armee den Aufstand in Ungarn blutig niederschlug, die ersten Gastarbeiter aus Griechenland und Italien in der Bundesrepublik eintrafen, Heinz Rühmann als Charleys Tante und Gregory Peck als Kapitän Ahab in John Hustons „Moby Dick“ in die Kinos kamen, sah Berlin an manchen Stellen noch aus, als sei der Krieg erst seit kurzer Zeit vorbei. McBride, der Amerikaner, muss solche Szenerien gesucht haben.

          Sieben Jahre später, 1963, enden Berlins Jahre im Aufbruch, die der Untertitel des Bandes aufruft: John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer fahren im offenen Wagen am Brandenburger Tor vorbei. Die Bundesrepublik ist endgültig auf der Bühne der Weltpolitik angekommen.

          Vom Tafelmaler zum Fotografen

          Aber nicht die Weltpolitik, sondern allein Berlin stand in jenen Jahren im Zentrum des Interesses von McBride, der 1931 in St. Louis, Missouri, geboren wurde und 1953 als GI nach Deutschland kam. Bis 1955 war er in Würzburg stationiert, danach blieb er in Deutschland. In Berlin, wo er sich an der Freien Universität als Philologiestudent einschrieb, entdeckte er die Fotografie, die ihm zunächst nur ein Hilfsmittel war, als eigenständiges Medium. McBride, der bei Norman Rockwell, dem Inbegriff der konservativen amerikanischen Bildsprache, Malerei studiert hatte, begann zu fotografieren, um Vorlagen für seine figürliche Tafelmalerei zu erstellen, wie Mathias Bertram in seinem informativen Vorwort berichtet. Als Soldat hatte McBride den Alltag der Truppe mit der Kamera dokumentiert, in Berlin entdeckte er die Fotografie als „autonomes Ausdrucksmittel“: „Berlin sensibilisierte und änderte meine Sehweisen. Ich hatte die Freiheit zu sehen, wie ich wollte.“

          Was er zunächst sah, war eine Welt in Grau, eine Welt im Übergang, obwohl jede Veränderung zunächst noch in weiter Ferne schien: „Kleine graue Menschen, in dunkle Mäntel gekleidet, in dunkle Schals gehüllt, die kleine graue Autos fuhren. Ich war sofort gefangen von diesen Grautönen, die ich in meinem übermäßig glitzernden Heimatland nie gesehen hatte.“

          Vom kleinen grauen Land zum Jugend-Paradies

          Aber Deutschland veränderte sich schnell. Der Lyriker Peter Rühmkorf hat, ganz anders als Günter Grass, die als Zeit der Restauration geschmähten Nachkriegsjahre als Ära der Freiheit geschildert, gewürzt mit kräftigen Prisen der Anarchie wie der Libertinage. Freiheitsdrang und Lebenshunger der jungen Generation müssen unbändig gewesen sein. In Berlin fand der junge Amerikaner deutsche Freunde, eine Clique. Alle hatten „denselben Geschmack im Mund, denselben Sound im Ohr, denselben Rhythmus im Körper“. Und plötzlich erscheint das verstörte kleine graue Land „amerikanischer als Amerika, aufregender, fand man hier mehr vom Wesen Amerikas als an den Schlammufern des Mississippi oder in den Steinschluchten von St. Louis oder Detroit oder New York. Hier waren die großen Ideen aufgeflaggt, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit und all die anderen Glaubensbotschaften in Großbuchstaben, die man in Amerika selbst so viel schwerer entdeckt.“

          McBrides Aufnahmen werden urbaner: belebte Straßen, zunehmend auch Interieurs. Kneipen, Cafés, vor der Preistafel, auf der die „Molle Hell“ ausgeschrieben ist, wird der erste zaghafte Rock ’n’ Roll getanzt. Jazzclubs, Modeschauen, Kutsch- und Bootsfahrten mit Musik. Die Mädchen kriegen Schmollmünder. Willy Fleckhaus entdeckt McBride für die gerade gegründete Zeitschrift „twen“. Der Amerikaner wird zum „Herold einer neuen Jugend“, wie Bertram im Vorwort schreibt. Vielleicht waren diese frühen sechziger Jahre eine kurze, glückliche Phase der Unschuld. Auf den Bildern von Will McBride sieht es ganz so aus.

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