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Vladimir Jabotinsky: Richter und Narr : Das Geheimnis der Delila

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Bild: Kometen der Anderen Bibliothek

Vladimir Jabotinsky schreibt die Bibel radikal um: Sein 1927 erstmals erschienener Roman „Richter und Narr“ ist ein Epos vom Leben und Tod des Herkules Simson, der Rache an den Philistern nimmt. Jetzt liegt das Buch in neuer Übersetzung vor.

          Wer in einer Geschichte der neueren russischen Literatur den Namen Vladimir Jabotinsky (1880 bis 1940) sucht, wird ihn kaum finden. In Odessa geboren, ging er um die Jahrhundertwende zum Jurastudium nach Italien und begann zugleich eine vielversprechende Journalistenkarriere als Auslandskorrespondent russischer Zeitungen. Doch im Frühjahr 1903 kamen die Pogrome von Kischinew, die für Russlands Juden von entscheidender Bedeutung waren und auch Jabotinskys Leben veränderten. Er wurde Zionist und lernte noch Theodor Herzl kennen, auf den er sich später berief, als er die zionistische Bewegung spaltete.

          Die Pogrome hatten ihn zum Advokaten einer jüdischen Selbstwehr gemacht, und nach dem Ersten Weltkrieg wollte er in Palästina eine jüdische Legion aufbauen, als militärische Keimzelle eines künftigen Judenstaates, der neben dem heutigen Israel und seinen besetzten Gebieten auch Jordanien umfassen sollte. Dadurch geriet er nicht nur mit der damaligen englischen Mandatsverwaltung in Konflikt, sondern auch mit den realistischeren Zionisten unter Chaim Weizmann und David Ben-Gurion, und als die Engländer ihn aus Palästina entfernten, kam es zur Sezession. Als Jabotinskys militanter Flügel schließlich kurz vor der Staatsgründung wieder der zionistischen Bewegung beitrat, war er selbst schon tot, aber in Menachem Begin und der heutigen Likud-Partei hatte er Schüler und Nachfolger gefunden.

          Kein Propagandawerk

          Vladimir Jabotinsky ist also der geistige Vater der politischen Rechten in Israel, und daher ist es nicht verwunderlich, dass die Annalen der russischen Literatur ihn bisher kaum verzeichnet haben. Erst nach dem Untergang der Sowjetunion konnte in Minsk eine neunbändige Ausgabe seines umfangreichen Werks erscheinen, und sie macht es nun auch möglich, ihn für die deutschen Leser neu zu entdecken.

          Mit dem Roman „Die Fünf“ hat Die Andere Bibliothek vor Jahresfrist dieses Projekt begonnen, nun folgt „Richter und Narr“. Das ist ein Epos vom Leben und Tod des Simson, jenes biblischen Herkules, der furchtbare Rache an den Philistern nimmt. Es entstand, während Jabotinsky seinen Traum von einer jüdischen Legion in die Tat umzusetzen versuchte: 1927 erschien es als Fortsetzungsroman in einer zionistischen Zeitschrift in Paris und wurde bald auch ins Deutsche übersetzt. Der politische Hintergrund lässt zunächst den Verdacht aufkommen, es handelte sich um ein Propagandawerk, aber die meisterhafte Neuübersetzung von Ganna-Maria Braungardt hält eine Überraschung bereit: Jabotinskys Simson-Roman ist ein Kunstwerk, das weit über seine ideologischen Voraussetzungen hinauswächst.

          Simsons Seele als politische Allegorie

          „Dieses Buch entstand völlig unabhängig von der biblischen Überlieferung“, heißt es in einem kurzen Vorwort, und man darf das verschärfen: Jabotinsky schreibt die biblische Überlieferung radikal um. Wie alle Zionisten der ersten Stunde ist er ein säkularer Jude und kennt keinen göttlichen Heilsplan, der die Geschicke des Helden lenkt, es sind nur menschliche und allzumenschliche Verstrickungen, die Simsons Handlungen bestimmen. Der starke Mann der Vorzeit ist fürwahr Richter und Narr: Richter, weil er den noch nicht vereinigten Stämmen kein König sein kann und nur in einem Teilbereich des zukünftigen Reiches Recht spricht; Narr, weil die Übermacht der Philister sich vorerst nicht abschütteln lässt und er vor ihnen Späße treibt, um seine politischen Ambitionen zu verbergen.

          So sahen die Zionisten den Zwiespalt in Simsons Seele. Sie lasen diesen Roman als politische Allegorie, in der sich Simson zu den Philistern verhält wie Jabotinskys militanter Nationalismus zur englischen Mandatsmacht. Diese Deutung hat ihre eigene Logik, in Wahrheit aber reicht die Spaltung noch viel tiefer und setzt einen Konflikt in Jabotinsky selbst frei: Der Künstler in ihm untergräbt die Anschauungen des Politikers.

          Veränderte Überlieferung

          Neben vielem anderem ist „Richter und Narr“ ein spannender Abenteuerroman, und nicht zufällig verfilmte Cecil B. DeMille ihn 1949 in Hollywood als „Samson und Delilah“. Der Film nahm einen Teil der Vorgeschichte auf, die Jabotinsky der Delila gibt, aber er verkitschte sie zugleich. Leben und Sterben des mythologischen Helden wurden zum blutrünstigen Melodram, und die böse Verführerin blieb die femme fatale der Bibel – eine Komplizin der Philister, die am Ende zwar Reue zeigt, aber nicht mehr die symbolische Bedeutung hat, die dem Roman seine Vieldeutigkeit verleiht.

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