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Richard Hughes: Orkan über Jamaika : Ein Sturm mit sieben Köpfen

Bild: Dörlemann Verlag

Die kargen Freuden des freien Seeräuberberufs, geschildert mit schwärzestem Humor: Michael Walter übersetzt „Orkan über Jamaika“ von Richard Hughes neu.

          Irgendwann in diesem Buch - sein künftiger Leser wird danken, wenn er es nicht genauer weiß - stirbt eine Hauptfigur. Einfach so, mitten in einem recht harmlosen Geschehen, stürzt sie ab und bricht sich das Genick. Darauf verwendet Richard Hughes ein paar Sätze, dann ist die Handlung schon wieder woanders, und das Kapitel endet mit einer kurzen Reminiszenz an den Gestorbenen: „Weder jetzt noch irgendwann später wurde sein Name jemals wieder erwähnt; und wäre man mit den Kindern noch so vertraut gewesen, man hätte ihnen nie angemerkt, dass er überhaupt existiert hatte.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das ist eine der vielen grausamen Passagen eines extrem unterhaltsamen Buchs, das seine Brutalität in solch erzählerische Leichtigkeit zu verpacken weiß, dass einem Hören und Lesen vergeht. Erschienen ist es 1929, als erster Roman des damals noch keine dreißig Jahre alten Walisers Richard Hughes, und zunächst trug es bei seinem amerikanischen Verlag den kongenialen Titel „The Innocent Voyage“. Noch im selben Jahr aber wurde es auch in der britischen Heimat von Hughes publiziert, und aus diesem Anlass änderte der Verfasser den Titel in das zweifellos reißerische „A High Wind in Jamaica“. Das Buch wurde weltbekannt, kam 1943 auf die Bühne und 1965 mit den Stars Anthony Quinn und James Coburn auch auf die Leinwand; auf Deutsch trug dieser Film den Namen „Sturm über Jamaika“.

          Auf hoher See

          Übersetzt wurde das Buch aber erst 1973, von Annemarie Seidel. Genau vierzig Jahre danach hat sich jetzt mit Michael Walter ein Star der Übersetzerzunft der Vorlage neu angenommen, nachdem im Vorjahr schon „In Bedrängnis“, Hughes’ 1938 geschriebener zweiter Roman, in Walters Übertragung erschienen war (F.A.Z. vom 7. August 2012) - ein fabelhaftes literarisches Seestück, das an psychologischer wie meteorologischer Präzision nichts zu wünschen übriglässt. Darin tobt in der Karibik ein fürwahr vernichtender Sturm, für den Hughes den Titel seines Debütromans gut hätte brauchen können. Aber der war ja schon verschwendet.

          Verschwendet deshalb, weil der titelgebende Orkan (Annemarie Seidel wählte noch den poetischen „Sturmwind“) auf Seite 40 des Erstlings bereits vorbei ist. Er wird großartig beschrieben (gerade auch in Walters deutschen Worten), doch dramaturgisch dient das Unwetter nur dazu, den unbegleiteten Aufbruch der fünf Kinder der auf Jamaika lebenden englischen Familie Bas-Thornton plausibel zu machen. Die Eltern wollen das um 1860 in einem Sturm zerstörte Gut wieder aufbauen, die drei- bis zehnjährigen Kleinen sollen in der Zwischenzeit zu Verwandten nach England geschickt werden. Leider vertraut man sie unzuverlässigen Seefahrern an. Was dann geschieht, das füllt die restlichen 210 Seiten des Buchs.

          Unter Piraten

          Die ursprüngliche Benennung als „Unschuldige Reise“ war deshalb der bessere Titel, weil er auf den Punkt bringt, was Hughes erzählt: Sieben Kinder (zu den Bas-Thorntons stoßen noch ein halbwüchsiges Mädchen und ihr kleiner Bruder aus der Nachbarschaft) befinden sich ohne eigenes Verschulden plötzlich in der Gesellschaft von Piraten, sehen das Ganze aber als großes Spiel an. Das ist phantastisch entwickelt, weil die kindliche Teilperspektive, die Hughes mit geradezu gnadenloser Konsequenz einnimmt, immer wieder gebrochen wird durch seine kühle Ironie bei der Schilderung der Vertreter eines freien Seeräuberberufs, der im späteren neunzehnten Jahrhundert zu einem recht kläglichen Gewerbe verkommen ist. Captain Jonsen aus Dänemark und sein österreichischer Steuermann Otto bilden ein groteskes Gespann, das kaum weniger kindisch agiert als John, Emily, Rachel, Edward und Laura Bas-Thornton oder die sie begleitenden Margaret und Harry Fernandez. Das jugendliche Septett wirbelt das Piratenschiff gehörig durcheinander, die Kinder sind selbst ein Orkan aus Jamaika. An Zerstörungskraft jedenfalls nehmen sie es locker mit dem Sturm auf.

          Mit Hughes könnte man diese Feststellung wie folgt kommentieren: „Natürlich stimmt dieses Schema so nicht; aber häufig lässt sich die Wahrheit nur darstellen, indem man sie wie ein Kartenhaus aus einem Stapel Lügen konstruiert.“ Genauso ist die Handlung des Romans gebaut: als höchst fragiles Gebilde aus lauter Lügen, die aber nicht aus Bosheit, sondern eben aus kindlicher Unschuld erfolgen. Dass den Kindern auch selbst übel mitgespielt wird, führte bei seiner Erstpublikation zu breiter Ablehnung: So wollte man die lieben Kleinen weder behandelt noch porträtiert sehen. Heute erweist sich das Buch als ein Musterbeispiel schwarzen britischen Humors, das ohne Moral auskommt und gerade deshalb ein bestechendes Abbild menschlicher Schwächen bietet. Und eine wundervoll kurzweilige Lektüre.

          Richard Hughes: „Orkan über Jamaika“. Roman. Aus dem Englischen von Michael Walter. Dörlemann Verlag, Zürich 2013. 255 S., geb., 19,90 €.

          Quelle: F.A.Z.

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