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Rafael Chirbes: Am Ufer : Jede Wirtschaft schafft sich ihre Abfallgrube

Bild: Kunstmann Verlag

Rafael Chirbes schwingt in seinem grandiosen Roman über Spaniens Ruin die große Abrissbirne. Aber auch von unseren Wohlstandsmärchen lässt er nicht viel übrig.

          Es ist ziemlich klar, was mit diesem Buch von Rafael Chirbes geschehen wird: Man wird „Am Ufer“, gut vierhundert dichtgepackte Seiten über ein darniederliegendes Dorf am Mittelmeer, als den Roman zur spanischen Krise lesen. Der Baukrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise. Der Familienkrise. Der Institutionenkrise. Der Sinnkrise allgemein. Und es wäre noch nicht einmal falsch. Nur eben, dass Schriftsteller nicht in Talkshow-Begriffen denken. So wenig, wie Chirbes seinen hochgelobten Vorgängerroman „Krematorium“, der 2008 auf Deutsch erschien, als Beitrag zum entfesselten spanischen Immobilienboom verstanden wissen wollte, so wenig empfindet er „Am Ufer“ als Buch über „die Krise“. Sein Roman handele vielmehr „von der menschlichen Seele am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, und das dürfen wir getrost verallgemeinern und auf die westlichen Industriegesellschaften beziehen. Wenn man sich von ernsthaften Romanen die Demontage kollektiver Täuschungen erwartet, dann schwingt Rafael Chirbes, Jahrgang 1949, hier die große Abrissbirne und lässt von unseren Wohlstands- und Modernisierungsmärchen nicht viel übrig.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Als Haupterzähler des Romans tritt der siebzigjährige Tischler Esteban auf, der sich bei einem windigen Immobilienprojekt seines Freundes Pedrós verzockt hat, die Familienschreinerei dichtmachen und fünf Angestellte entlassen muss. Die Zwangsvollstreckung steht bevor. Der Großteil von Chirbes’ Roman spielt an einem einzigen Wintertag. Estebans Reflexionen und die Einwürfe anderer Figuren enthüllen die Miniatursoziologie in Olba und Misent (fiktive Namen, die an Orte wie Beniarbeig und Dénia in der Provinz Alicante erinnern, wo der Autor seit rund zehn Jahren wohnt) und zeichnen ein Panorama der mediterranen Trostlosigkeit. Die Baumaschinen ruhen, Investitionsruinen sprenkeln die geplünderte Landschaft, osteuropäische Nutten suchen selbst in den Sümpfen nach Freiern. Profiteure wie Pedrós haben sich derweil aus dem Staub gemacht und die Ärmeren ihrem Elend überlassen.

          Schonungsloser Blick

          Allerdings, schon lange vor der Pfändung des Betriebs ist Esteban innerlich gestorben. Viele Jahre zuvor hat ihn seine große Liebe Leonor fallengelassen, um seinen erfolgreichen Freund Francisco zu heiraten, dem Muff der Provinz zu entfliehen und in der Gastro-Schickeria von Madrid zu triumphieren; nun ruht sie, vom Krebs besiegt, auf dem Friedhof von Olba, und die beiden ehemaligen amourösen Konkurrenten entrichten der Toten auf je eigene Weise Tribut. Um die Tristesse vollständig zu machen, muss Esteban auch noch seinen hochbetagten dementen Vater pflegen. Wer Philip Roths grandiose Generationengeschichte „Mein Leben als Sohn“ vor Augen hat, könnte sich hier auch Momente der Nähe und Szenen schriller Komik vorstellen. Rafael Chirbes gewährt solche Erleichterung durch Lachen nicht. Hart und schonungslos beschreibt er den welken, sich verfärbenden Körper des mehr als Neunzigjährigen, der sein Leben als verbitterter Franco-Gegner vertat, schildert die Dusch- und Reinigungsprozedur, die der längst ins Rentenalter eingetretene Sohn an seinem Vater vollzieht, als makaberes Schauspiel unserer geriatrischen Zukunft. Vielleicht meinte der spanische Dichter Luis García Montero solche Szenen, als er in einer Würdigung des Romans in der Zeitung „El País“ leicht besorgt von Chirbes’ „totalitärem Nihilismus“ sprach. Aber man kann es auch anders empfinden. Chirbes’ unbarmherziger Blick und völliger Mangel an Rührung führen zu einer furiosen Beschreibungsgenauigkeit, die ihresgleichen sucht: kalte Arien über den Verfall, die eine eigene Form von Anteilnahme darstellen und von Dagmar Ploetz mit beeindruckendem Repertoire ins Deutsche übersetzt wurden.

          Chirbes-Romane haben im eigentlichen Sinn keine Handlung, sondern sind vielstimmiges Seelentheater von hoher Rhetorik, angefeuert von manischem Redezwang. Einen Geistesbruder des Autors darf man in dem Portugiesen António Lobo Antunes vermuten. Man sollte auch deutlich sagen, was dieser Roman nicht ist: keine locker geschlagene Prosa im mittelguten Bereich, kein nettes Buch, keine Häppchenliteratur. Stattdessen eine erbarmungslose Analyse, insgesamt wohl ein paar Seiten zu lang, aber immer wieder von atemnehmender Klarsicht und Brillanz. Die Hauptfigur spricht, und zwischendurch fluten weitere Stimmen herein, die das Erzählte ergänzen, berichtigen oder ironisieren. Hier und da: Naturschilderungen von einer Schönheit, wie man sie selten liest. Es ist, als erhöbe die Sprache selbst Einspruch gegen die Zerstörung, die sie beschreibt. Ein Mittel der klassischen Moderne, die Kursivschrift, die den inneren Monolog anzeigt, kommt auch wieder zu Ehren. Da ist Liliana, die kolumbianische Pflegerin, die nicht mehr bezahlt werden kann und deshalb geht; der Abschied entlarvt Estebans väterliche Patronsattitüde als erotische Anbiederung. Da sind Joaquín, Julio und Ahmed, der Marokkaner, alles ehemalige Arbeitskräfte, für die der pleitegegangene Staat nichts mehr tun wird.

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