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Patrick R. Ullrich: Die vier Reiche – Mission Herodes : Bibelstunde einmal teuflisch

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag 3.0 Zsolt Majsai

Hitler als Nemesis: Patrick R. Ullrichs „Mission Herodes“ führt eine neue, meist aber altbekannte Fantasy-Welt ein.

          Einen Roman im Fantasy-Genre mit einem ausführlichen Zitat aus dem Evangelium zu beginnen, ist ungewöhnlich. Für „Mission Herodes“, den Epilog einer auf mindestens vier Bände angelegten umfassenden Erzählung, aber ist es Programm. Bereits der Titel leitet sich aus der Bibel ab, denn Patrick R. Ullrich stellt die wohl im späten ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung frei erfundene Geschichte vom Kindermord zu Bethlehem (Mt. 2, 16 – 18) an den Anfang seines Buches. Andererseits passt das wiederum einigermaßen zu einem phantasievoll erdachten Universum.

          Wie es sich für eine anständige Fantasy-Saga gehört, gibt es in der Welt des Gottes Araas und seiner göttlichen Schwester viel Magie, seltsame Wesen wie Orks (hausen im Osten, sind aber offenbar friedlich) und Elfen (spuken hauptsächlich in Wäldern und reden mit Tieren), im Zentrum ein ans europäische Mittelalter gemahnendes Reich, in dem Verrat und Hofintrigen an der Tagesordnung sind, sowie einen Protagonisten auf dem Weg zum Heldentum, Befreier, Erretter – was auch immer. Im konkreten Fall handelt es sich sogar um eine Heldin, die bis zum letzten Kapitel namenlos bleibt und schlicht und einfach „das Kind“ genannt wird.

          Ein farbenfrohes Potpourri

          Der Erzmagier des Königs, dem das Erscheinen des Mädchens durch eine Prophezeiung bekannt geworden ist, begibt sich auf die lange und selbstverständlich beschwerliche Suche nach dem Kind – mit knapp neunzig Jahren ist er schon ziemlich betagt, zumindest nach menschlichen Maßstäben. Begleitet wird er dabei übrigens vom unterhaltsamsten Charakter des Buches, einem Elementargeist in Gestalt eines telepathisch kommunizierenden sarkastischen Wander- und Zauberstabes.

          Ullrich bedient sich ziemlich großzügig bei diversen alten und neueren Mythen. Das Motiv des vom weisen Ziehvater auszubildenden Kindes entnimmt er den Erzählungen um König Artus und Merlin. Das gibt er auch unverblümt im Anhang, „Glossar“ genannt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder tiefergehende Erklärungen, zu. Die mysteriöse und selbstverständlich abgrundtief böse Gegenseite setzt für ihre nebulösen Pläne – die Weltherrschaft erringen, klar, aber sonst? – auf mächtige Ritterverbände, die den Tempelherren und dem Deutschen Orden nachgebildet sind. Seit mehr als hundert Jahren geistern vor allem die Templer ja durch diverse Verschwörungstheorien, vom geheimnisumwitterten Schatz in der Dorfkirche von Rennes-le-Château bis hin zu Dan Browns „Da Vinci Code“-Spinnereien. Literarisch ungleich hochwertiger freilich schon von Umberto Eco in seinem „Foucaultschen Pendel“ ausgeschlachtet.

          Am Anfang war das Internet

          Die Regionen im Buch heißen Thule, Tjorkewald, Gau Bresswald oder erinnern an finnische Namen. Und dann existiert noch der Generalplan der Bösen, die präsumtive Heilsbringerin ausschalten zu wollen, aber da man deren genauen Aufenthaltsort nicht kennt, sicherheitshalber alle greifbaren Kinder passenden Geschlechts und Alters umzubringen. Das erklärt den Titel. Zusätzlich zu diesen und ähnlichen Blutrünstigkeiten finden sich noch einige deftige, beinahe schon pornographische Szenen und Andeutungen, beileibe nicht nur auf der Seite der Unholde. Ein erbauliches Jugendbuch ist diese Vorgeschichte zur Legende der vier Reiche eindeutig nicht.

          Zwei Dinge jedoch machen das Erstlingswerk des Autors bemerkenswert. Die Saga soll, so ist es geplant, auch eine mögliche mystische Deutung für einige, wenigstens Patrick R. Ullrich noch unerklärliche Begebenheiten im „Dritten Reich“ liefern. Darum erinnern die Ordensritter an Himmlers SS-Scharen, betreiben einen Kult des reinen Blutes und vereinen sich unter einem für den Rest von Thule unbekannten Kreuzeszeichen, für das wir unschwer eine Swastika annehmen dürfen. Und darum auch stöhnt im letzten Kapitel in einem Feldlazarett in Vorpommern ein Gefreiter namens Hitler unter Fieberträumen aus einer Parallelwelt. Das fängt nicht gut an.

          Die zweite Sache ist das Zustandekommen dieser Buchausgabe. Zuerst in einigen Passagen im Internet veröffentlicht, fand Ullrich mit seinem Projekt offenbar über eine Kampagne in allerlei virtuellen sozialen Medien zu dem noch jungen Verlag 3.0, spezialisiert auf sogenannte „Real Fantasy“, eine Wortneuschöpfung, die in den ohnehin nicht gerade übersichtlichen Kategorien der literarischen Phantastik wohl ein Gemisch aus Tolkiens Mittelerde und Dystopien im Stile von Orwells „1984“ darstellen soll. Auch im vorliegenden Band wirbt Ullrich bereits heftig für die Fortsetzungen, buhlt um positive Bewertungen in Internetforen und Buchplattformen. Das ist aber wohl wirklich nur etwas für Leute, die unbedingt wissen wollen, wie Hitler mindestens 39 Attentate überlebte, nur um vermutlich am Ende von einer Zauberin aus Thule einen neuen Scheitel gezogen zu bekommen.

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