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Michael Krüger: Umstellung der Zeit : In jeder Fußspur lauert der Abschied

  • -Aktualisiert am

Bild: Suhrkamp

Bloß kein Tamtam: Der große Verleger Michael Krüger hört zum Jahresende bei Hanser auf. Vorher schenkt er uns „Umstellung der Zeit“ – einen Band mit wunderbaren Gedankengedichten. Und er erfindet ein neues lyrisches Genre.

          Umstellung der Zeit“? Wer Michael Krüger als Chef des Hauses Hanser kennt, das er in den fünfundvierzig Jahren seiner Tätigkeit zum führenden belletristischen Verlag in Deutschland gemacht hat, könnte den Titel seines neuen Gedichtbandes zunächst als einen nicht einmal sehr versteckten Hinweis auf seinen bevorstehenden Abschied vom Verlagsgeschäft lesen: Zum Ende des Jahres übergibt Michael Krüger, der am Montag siebzig Jahre alt wird, die Leitung des Verlags an Jo Lendle. Er selbst wird sich verstärkt dem Amt des Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste zuwenden, das man ihm kürzlich übertragen hat. Eine „Umstellung der Zeit“ also gleich in mehrfacher Hinsicht, könnte man meinen: Umstellung vom Berufsleben auf das Rentnerdasein, eine neue Zeiteinteilung, eine Konzentration auf künftige Aufgaben.

          Ganz falsch kombiniert? Oder doch nicht so ganz verkehrt gemutmaßt? Das kurze Gedicht „Kein Haiku“, aus dem der Titel von Michael Krügers neuem Gedichtband stammt, geht so:

          Eine tote Amsel
          vor meinem Fenster.

          Ich warte eine Stunde
          auf die Umstellung
          der Zeit.


          Entschleunigung eines Rastlosen

          Gemeint ist also die Zeitumstellung, die zur effektiveren Nutzung des Tageslichts eingerichtet wurde. Wenn man den genauen Zeitpunkt dieser Umstellung abpasst, kann man erleben, wie eine Stunde verlorengeht (Sommerzeit) oder wie sie sich verdoppelt (Winterzeit). Für die „tote Amsel / vor meinem Fenster“ ist diese Zeitumstellung irrelevant – Tote haben keine Zeit –, nicht jedoch für das Ich dieses Gedichts. Es leistet sich angesichts des Todes der Amsel vor seinem Fenster den Luxus, eine ganze Stunde seiner Lebenszeit aufs Warten darauf zu verwenden, dass sich die Zeit verflüchtigt oder wiederkehrt, verschwindet oder bleibt.

          Man muss kein angehender Pensionär sein, um sich Gedanken dieser Art über die Zeit zu machen. Aber es überrascht denn doch, dass sie ausgerechnet den Michael Krüger beschäftigen, den wir als rast- und ruhelosen Bücherherrn zu kennen glauben, Tag und Nacht befasst mit Lektüre, mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters, der Buchpreisbindung, des Urheberrechts, der Konzentration im Verlagswesen und im Buchhandel, wenn er nicht gerade weltweit an Jurysitzungen teilnimmt, Preis-, Jubiläums- und Gedenkreden vorbereitet und vorträgt, Buchmessen und Ausstellungen eröffnet, Bücher herausgibt, Vor- und Nachworte verfasst, die Zeitschrift „Akzente“ redigiert, Konferenzen, Vorlesungen hält – woher, um alles in der Welt, nimmt dieser Mensch bloß die Zeit, über die Zeit nachzudenken und Gedichte zu schreiben über Amseln und Ameisen, über Äpfel und Birken, Krähen, Lupinen und über den Sand im Negev, „der meine Spur nicht halten kann“.

          Antwort auf Nora Bossong

          Sollte der Sand das denn tun? „In jeder Fußspur lauert der Abschied“, heißt es einmal. Michael Krügers neuer Gedichtband entfaltet, unumwunden gesagt, ein einziges hinreißendes Abschiedsszenario aus exakt hundert Gedichten: Es gibt kein großes Tamtam beim Abschied, aber doch eine entschiedene Trennung, einen letzten Schnitt, ausgeführt sogar mit der bedeutungsvollen Sense: „Die Möglichkeiten, Abschied zu nehmen, / werden geringer, also muß das Gras / dran glauben, das unbekümmerte Gras? / dieser Schnitt wird sich nicht wiederholen“, liest man da oder anlässlich des Todes einer Birke, die am Pilz und am Schwamm eingeht: „So stelle ich mir den Abschied vor, / die kleinen Untergänge vor der Zeit“.

          Auch die Amsel „vor meinem Fenster“ aus dem erwähnten Gedicht „Kein Haiku“ dürfte, ihr selbst unbewusst, „vor der Zeit“ gestorben sein. Ein zweites Gedicht, „Die Amsel“, beschreibt die näheren Umstände ihres Untergangs: Sie prallt gegen das Fenster und fällt tot hin. „Was kann ich tun?“ „Ihr Totenhemd (...) ist jetzt befleckt. / Auch das Papier, auf dem ich klären wollte, / wer ich bin, hat sich nun eingeschwärzt / und liegt, in Leichenstarre, vor mir, / nicht zu gebrauchen für ein Liebeslied.“ Das könnte so etwas wie eine Antwort auf Nora Bossongs Gedicht „Leichtes Gefieder“ sein, in dem der tödliche Anprall des Vogels (bei ihr ist es eine Krähe) gegen das Fenster ebenfalls zu einer Absage an das Liebeslied führt.

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