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Veröffentlicht: 10.01.2014, 17:10 Uhr

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal Ich merke schon meine Scham

Als Max Frisch 1973 nach Berlin zog, begann er sofort damit, Notizen zu machen. Vor seinem Tod verfügte er eine Sperrfrist für die Publikation. Jetzt erscheinen Auszüge aus dem brillanten „Berliner Journal“. Doch warum nicht alles? Sonderbar.

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© Verlag

Das Lesen ist am Anfang fast magisch: Nachrichten aus dem Totenreich. Max Frisch ist wieder da. Er ist gerade in Berlin angekommen, Sarrazinstraße 8, Friedenau, gleich nebenan wohnen das Ehepaar Johnson, Grass, Enzensberger. Heute Abend, es ist noch gar nichts eingerichtet, sind die Frischs erst mal eingeladen, bei Familie Grass. Es gibt Nieren.

Ach. Es ist gar nicht heute. Es ist der 6. Februar 1973, Max Frisch ist zusammen mit seiner Frau Marianne nach Berlin gezogen, weil ihn in Zürich zu viele Menschen kennen, weil es in Berzona im Tessin zu eng geworden ist, weil er in der Schweiz ständig Kopfschmerzen hat, weil es mal wieder an der Zeit ist, ein neues Leben zu beginnen, weil die Arbeit stockt, weil Marianne hier in Berlin diese Wohnung für sie beide gefunden hatte und weil er hier auf Gespräche, Freundschaft, Geselligkeit mit den Schriftstellernachbarn hofft.

„Ich kann da nicht einen Teil herauslösen“

Vom ersten Tag an schreibt er mit, bereits zehn Tage später fängt er an, diese Notizen in ein Ringheft einzulegen, und stellt fest: „Ich merke schon meine Scham; ein Zeichen, dass ich beim Schreiben schon an den öffentlichen Leser denke, gleichviel wann es dazu kommen könnte. Und mit der Scham gleichzeitig auch die Rücksicht auf andere, die auch tückisch sein kann, verhohlen, vorallem doch wieder ein Selbstschutz.“

Er wird noch sieben Jahre an den Notizen schreiben, bis 1980, fünf Ringhefte voll, er nennt das Konvolut „Berliner Journal“, im Gespräch mit Uwe Johnson erklärt er schon wenig später, er wisse kaum noch, was darin stehe, „viel Krudes“ und „Selbstgerechtes“. Johnson ist der Einzige, dem Frisch zu Lebzeiten gestattet, es zu lesen. Im Gespräch mit dem Journalisten Volker Hage, kurz vor seinem Tod, sagt er über das „Berliner Journal“: „Das Tagebuch hat sehr viel mit der Ehe zu tun, darum kann ich es nicht vorlegen, will es auch nicht. Das Ganze ist eine Einheit, alles geht ineinander über, ich kann da nicht einen Teil herauslösen, und ich möchte auch nicht bearbeitend herangehen. Es ist eben kein Sudelheft, sondern ein durchgeschriebenes Buch, auch die privaten Sachen sind ins Reine geschrieben, ausformuliert, nicht einfach nur Notizen.“ Max Frisch hat das „Berliner Journal“ mit einer Sperrfrist versehen, bis zwanzig Jahre nach seinem Tod, „wegen der Beteiligten, die dann weiter davon weg sind“.

Selbst seine Frau kennt nicht alles

Die Sperrfrist lief im April 2011 ab. Und in der kommenden Woche erscheint jetzt ein Buch, dem der Suhrkamp Verlag den Titel „Aus dem Berliner Journal“ gegeben hat. Es ist ein Torso, die letzten drei Hefte werden gar nicht veröffentlicht, die ersten beiden nur mit Auslassungen. „Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen“, sagt der Herausgeber Peter Strässle, der die Streichungen in Absprache mit dem Stiftungsrat der Max Frisch-Stiftung vorgenommen hat. Außerdem sei alles, was man weggelassen habe, ohnehin „nicht durchgearbeitet“, nicht „von allgemeinem literarischen Interesse“, lasse „den Werkcharakter vermissen“. Ausschließlich der hier publizierte Teil zeige den Autor Frisch „in seiner ganzen Meisterschaft“. Das ist schon ein sehr selbstbewusster Widerspruch eines Herausgebers und gegen die Einschätzung und den Willen des Autors selbst.

Und: persönlichkeitsrechtliche Gründe? Die Person jedenfalls, die zuallererst solche Gründe bezüglich eines Tagebuchs ihrer Ehe hätte geltend machen können, hat man gar nicht erst gefragt: Marianne Frisch, die Witwe, Philologin, Übersetzerin, die noch heute in der Wohnung von damals lebt, 74 Jahre alt, beste Gesundheit, hellsichtiger literarischer Verstand, großer Humor, erklärt auf Nachfrage, auch sie kenne nur die publizierten, also zusammengestrichenen Teile, die sie unter Aufsicht im Glaskasten des Max-Frisch-Archivs in Zürich lesen durfte.

Frisch beherrscht die Kunst der Gegenwärtigkeit

Die Max Frisch-Stiftung hat schon eine sehr eigenwillige Art, das Persönlichkeitsrecht je nach Stimmungslage und über alle betroffenen Personen hinweg auszulegen. Als man vor einigen Jahren zum Beispiel, gegen Frischs ausdrücklichen Wunsch, das sogenannte dritte Tagebuch aus dem Nachlass publizierte, in dem intime Details aus dem Leben seiner amerikanischen Lebensgefährtin Alice Carey beschrieben wurden, hat man Carey dies, in der stillen Hoffnung, sie werde das im fernen Amerika gar nicht mitbekommen, nicht einmal mitgeteilt. Nicht vor, nicht nach der Publikation. Wer hier ein Persönlichkeitsrecht hat und wie man das auslegt, wen man schützen sollte und wie, das entscheidet der Rat offenbar je nach Laune beziehungsweise eigenen Interessen.

Aber gut. Es hilft nichts. Wir haben nicht den Schlüssel zum Archiv, um das eines Nachts alles mal selbst zu überprüfen. Wir haben diesen Torso, „Aus dem Berliner Journal“, und also: zurück zur Magie. Frisch ist wieder da. Sofort gegenwärtig. Das liegt nicht nur am Genre Tagebuch, das natürlich immer Augenblickscharakter hat, sondern an Frischs Gegenwärtigkeitskunst. Die, das kann man hier auf jeder Seite lesen, aus einem Leiden entsteht: dem Leiden an jeder Form von Wiederholung, Erinnerung, altem Leben. Max Frisch langweilt sich augenblicklich. Beim Lesen eigener alter Texte, beim Gespräch mit der Ehefrau, bei jedem Gedanken, den er schon einmal gedacht hat.

Wolf Biermann redet - Max Frisch hört zu

Er ist aus der Schweiz geflohen, um Neues zu erleben, aber in der Ehe mit Marianne scheint fast alles schon einmal gesagt worden zu sein, er hat fast alles schon geschrieben, alles schon gedacht. Von der ersten Seite an beherrschen ihn Todesahnungen, Selbstmordwünsche, Überdruss. Doch immer wieder Lichtmomente: ein neuer Gedanke, ein neuer Mensch, eine Erfahrung, die er bisher noch nicht gemacht hat. Am hellsten leuchten diese Momente bei seinen Besuchen in Ost-Berlin auf. Frisch schaut, hört zu, schreibt mit und staunt.

Der Besuch in Wolf Biermanns Wohnung in der Chausseestraße ist ein Meisterwerk. Wie hier über Literatur geredet wird, wie hier „der einzige Kommunist“ in einem sich sozialistisch nennenden Staat zum Schweigen gebracht wird. Wie er redet, wie seine Freunde reden. Kurz wundert sich Frisch, dass von ihm, dem Schweizer, hier eigentlich niemand etwas wissen will. Aber er schreibt grundsätzlich ohne Ressentiment. Oder genauer gesagt: Wenn er Ressentiments hegt, dann nur gegen sich selbst.

Endlose Selbstzweifel

Max Frisch ist in diesen Jahren in einer schweren Krise. Er schreibt, mühsam, langsam, unzufrieden, an einem Manuskript, das den Arbeitstitel „Klima“ trägt, ein Mann verliert in den Bergen den Verstand. Frisch schickt das fertige Manuskript an den Verlag, zieht es wenig später zurück. Beginnt neu. Es wird erst sechs Jahre später, 150 Seiten dick, unter dem Titel „Der Mensch erscheint im Holozän“ erscheinen. Frisch will jetzt etwas anderes. Am liebsten will er seine Memoiren schreiben, „sich das eigene Leben noch einmal neu erzählen“. Er beginnt mit einer Art Abrechnung, der Beschreibung seiner frühen Freundschaft mit dem reichen, klugen, überlegenen Werner Coninx. Es ist die Keimzelle von „Montauk“. „Ich habe mir mein Leben verschwiegen.“ Damit soll jetzt Schluss sein.

Wir sind in einer Zwischenzeit. Vor Frischs Abreise nach New York, vor der Begegnung mit jener Alice Carey, der „Lynn“ aus Montauk. Frisch leidet unter sich selbst, er ist alkoholabhängig, er muss es sich eingestehen, verachtet sich für seine Schwäche, seine Machtlosigkeit, beobachtet sich selbst dabei, ohne jedes Mitleid. Die erhofften Gespräche mit den Schriftstellernachbarn sind wenig ergiebig. Über das Wesentliche, über das Schreiben, literarische Fragen, Fragen grundsätzlicher Natur, redet man nicht. Den Grund vermutet er da, wo er ihn für alle Schuld vermutet: „Es muss an mir liegen.“

Nichts von Grass gelernt

Die Porträts, die Frisch von seinen Kollegen zeichnet, sind phantastisch. Uwe Johnson, Jurek Becker, Christa Wolf, Günter Kunert, die strahlende, völlig sorglose, unbefangene Meinungswechselei Hans Magnus Enzensbergers, das könnte alles heute noch genau so geschrieben werden. Und vor allem natürlich er: der Nachbar, der Gegen-Frisch. Günter Grass. Der Journalautor staunt und staunt. Wie kann jemand, und dann auch noch ein Schreibender, ein Beobachter und Selbstbeobachter, sich seiner eigenen Sache stets so sicher sein? Der Proklamations-Grass. Vorsichtig nähert sich Frisch ihm mit Fragen, Zweifeln, Widersprüchen. Am Eisen-Grass prallt alles ab. „Sofort findet er sein Tun richtig.“

Von ihm hat Max Frisch nichts gelernt. Das hätte auch, mehr noch als das Alter, der Alkohol und die Langeweile, seine Kunst, die immer auf dem Zweifel fußte, bedroht. Einen neuen Torso dieser Kunst kann man jetzt neu entdecken. Hoffentlich eines Tages auch: alles.

Glosse

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Von Tilman Spreckelsen

Wenn Zwölfjährige in gelb-schwarz gestreiften Kostümen gegen das Insektensterben kämpfen müssen: Die Honigbiene hat nicht nur einen eigenen Welttag, sondern ist auch Thema von Bestsellern und Kinderbüchern. Mehr 4

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