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Max Frisch: Aus dem Berliner Journal : Ich merke schon meine Scham

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Aber gut. Es hilft nichts. Wir haben nicht den Schlüssel zum Archiv, um das eines Nachts alles mal selbst zu überprüfen. Wir haben diesen Torso, „Aus dem Berliner Journal“, und also: zurück zur Magie. Frisch ist wieder da. Sofort gegenwärtig. Das liegt nicht nur am Genre Tagebuch, das natürlich immer Augenblickscharakter hat, sondern an Frischs Gegenwärtigkeitskunst. Die, das kann man hier auf jeder Seite lesen, aus einem Leiden entsteht: dem Leiden an jeder Form von Wiederholung, Erinnerung, altem Leben. Max Frisch langweilt sich augenblicklich. Beim Lesen eigener alter Texte, beim Gespräch mit der Ehefrau, bei jedem Gedanken, den er schon einmal gedacht hat.

Wolf Biermann redet - Max Frisch hört zu

Er ist aus der Schweiz geflohen, um Neues zu erleben, aber in der Ehe mit Marianne scheint fast alles schon einmal gesagt worden zu sein, er hat fast alles schon geschrieben, alles schon gedacht. Von der ersten Seite an beherrschen ihn Todesahnungen, Selbstmordwünsche, Überdruss. Doch immer wieder Lichtmomente: ein neuer Gedanke, ein neuer Mensch, eine Erfahrung, die er bisher noch nicht gemacht hat. Am hellsten leuchten diese Momente bei seinen Besuchen in Ost-Berlin auf. Frisch schaut, hört zu, schreibt mit und staunt.

Der Besuch in Wolf Biermanns Wohnung in der Chausseestraße ist ein Meisterwerk. Wie hier über Literatur geredet wird, wie hier „der einzige Kommunist“ in einem sich sozialistisch nennenden Staat zum Schweigen gebracht wird. Wie er redet, wie seine Freunde reden. Kurz wundert sich Frisch, dass von ihm, dem Schweizer, hier eigentlich niemand etwas wissen will. Aber er schreibt grundsätzlich ohne Ressentiment. Oder genauer gesagt: Wenn er Ressentiments hegt, dann nur gegen sich selbst.

Endlose Selbstzweifel

Max Frisch ist in diesen Jahren in einer schweren Krise. Er schreibt, mühsam, langsam, unzufrieden, an einem Manuskript, das den Arbeitstitel „Klima“ trägt, ein Mann verliert in den Bergen den Verstand. Frisch schickt das fertige Manuskript an den Verlag, zieht es wenig später zurück. Beginnt neu. Es wird erst sechs Jahre später, 150 Seiten dick, unter dem Titel „Der Mensch erscheint im Holozän“ erscheinen. Frisch will jetzt etwas anderes. Am liebsten will er seine Memoiren schreiben, „sich das eigene Leben noch einmal neu erzählen“. Er beginnt mit einer Art Abrechnung, der Beschreibung seiner frühen Freundschaft mit dem reichen, klugen, überlegenen Werner Coninx. Es ist die Keimzelle von „Montauk“. „Ich habe mir mein Leben verschwiegen.“ Damit soll jetzt Schluss sein.

Wir sind in einer Zwischenzeit. Vor Frischs Abreise nach New York, vor der Begegnung mit jener Alice Carey, der „Lynn“ aus Montauk. Frisch leidet unter sich selbst, er ist alkoholabhängig, er muss es sich eingestehen, verachtet sich für seine Schwäche, seine Machtlosigkeit, beobachtet sich selbst dabei, ohne jedes Mitleid. Die erhofften Gespräche mit den Schriftstellernachbarn sind wenig ergiebig. Über das Wesentliche, über das Schreiben, literarische Fragen, Fragen grundsätzlicher Natur, redet man nicht. Den Grund vermutet er da, wo er ihn für alle Schuld vermutet: „Es muss an mir liegen.“

Nichts von Grass gelernt

Die Porträts, die Frisch von seinen Kollegen zeichnet, sind phantastisch. Uwe Johnson, Jurek Becker, Christa Wolf, Günter Kunert, die strahlende, völlig sorglose, unbefangene Meinungswechselei Hans Magnus Enzensbergers, das könnte alles heute noch genau so geschrieben werden. Und vor allem natürlich er: der Nachbar, der Gegen-Frisch. Günter Grass. Der Journalautor staunt und staunt. Wie kann jemand, und dann auch noch ein Schreibender, ein Beobachter und Selbstbeobachter, sich seiner eigenen Sache stets so sicher sein? Der Proklamations-Grass. Vorsichtig nähert sich Frisch ihm mit Fragen, Zweifeln, Widersprüchen. Am Eisen-Grass prallt alles ab. „Sofort findet er sein Tun richtig.“

Von ihm hat Max Frisch nichts gelernt. Das hätte auch, mehr noch als das Alter, der Alkohol und die Langeweile, seine Kunst, die immer auf dem Zweifel fußte, bedroht. Einen neuen Torso dieser Kunst kann man jetzt neu entdecken. Hoffentlich eines Tages auch: alles.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Hrsg. von Thomas Strässle unter Mitarbeit von Margit Unser. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 235 S., geb., 20,- €.

Quelle: F.A.Z.

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