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Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki : Murakamis magische Masche

Bild: Verlag

Wie kann man nur, Buch für Buch, ein Meisterwerk nach dem anderen schaffen? Mit seinem Roman „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ ist es dem Japaner Haruki Murakami wieder einmal gelungen.

          Am Freitag erschien die deutsche Übersetzung des jüngsten Romans von Haruki Murakami, und am Sonntag wird der erfolgreichste japanische Schriftsteller 65 Jahre alt. Doch wie „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ beweist, ist Murakami jung geblieben: jung, weil es ein Buch ist, das einem das faszinierende Gefühl von einem Autor vermittelt, der sich immer noch selbst zu überraschen versteht, und jung auch deshalb, weil Murakami trotzdem an Themen und Konstellationen anknüpft, die am Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn standen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Das mag seinen Grund im Atemholen nach dem dreiteiligen Opus magnum „1Q84“ haben, das im Original 2009 und 2010 erschien und in der deutschen Übersetzung mehr als 1500 Seiten umfasst. Ein solcher Wurf ist nicht zu wiederholen. Darin war ein neuer Murakami zu finden, der wie selbstverständlich das Phantastische zum Bestandteil der Handlung machte, Japans Sagenwelt einbezog, auf klassische Erzählmuster seiner Heimat rekurrierte. Das strafte jene Interpreten Lügen, die gebetsmühlenartig die Rede vom „westlichen Japaner“ wiederholen.

          Am Rande des Selbstmords

          Ja, Murakami ist nicht nur ein gegenwärtiger Meister der Weltliteratur, er hat sich auch an seinen Vorgängern geschult. Aber mit „1Q84“ hatte er auch die Anstrengung zu vollbringen, divergierende Genres und Traditionen miteinander zu verknüpfen und das doch so leichthändig wirken zu lassen, wie es das Markenzeichen seines Erzählens ist. Wobei die Basis von Murakamis Schaffen stets der Abgrund ist. Und wir als Leser tänzeln mit seinen Figuren daran entlang, ohne zu wissen, wie uns geschieht. Das ist die Murakami-Masche.

          Sie funktioniert perfekt. Im Zentrum von „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ steht ein Verbrechen, das nie aufgeklärt wird. Durch Umstände, die gleichfalls nie aufgeklärt werden, ist der damals zwanzigjährige Tsukuru Tazaki aus seiner Clique gerissen worden, der seit der Schulzeit fünf Jugendliche angehörten: zwei Mädchen und drei Jungen. Sechzehn Jahre später bemüht sich Tsukuru endlich darum zu klären, was ihm seinerzeit widerfahren ist und ihn an den Rand des Selbstmords brachte - aber eben auch nicht darüber hinaus.

          Ist Liebe Glück oder Unglück?

          In unnachahmlichem Murakami-Tonfall, den wir seiner Übersetzerin Ursula Gräfe verdanken, heißt es gleich zu Beginn des Buchs: „Vielleicht war seine Sehnsucht nach dem Tod zu wahrhaftig und zu tief, um tatsächlich den Versuch zu machen, sich umzubringen. Auch wenn dieses Problem eher zweitrangig war. Hätte es in seiner Reichweite eine Tür gegeben, die direkt in den Tod führte, er hätte sie ohne Zögern aufgestoßen. Ohne zu überlegen, als natürliche Konsequenz. Doch glücklicher- oder unglücklicherweise konnte er eine solche Tür nicht finden.“

          Es bleibt meist offen bei diesem Schriftsteller, ob die Dinge Glück oder Unglück bedeuten, vor allem die Liebe. Für diese Erkenntnis aber benötigt Murakami Protagonisten, die schon die notwendige Lebenserfahrung haben. So ist denn auch Tsukuru im Lieblingsalter seines Autors: Mitte bis Ende dreißig. Toru, der Protagonist aus Murakamis erstem internationalen Erfolg, „Naokos Lächeln“ (1987), war siebenunddreißig, genauso wie Hajime aus „Gefährliche Geliebte“ (1992), dem Buch, mit dem der Japaner in Deutschland bekannt wurde, als es vor dreizehn Jahren übersetzt wurde. Tsukuru nun ist sechsunddreißig.

          Musikalische Titel

          Das ist kein Zufall, und diese drei Romane haben noch mehr miteinander zu tun als nur die Lebensphase, in der sich ihre Helden befinden. Alle drei Bücher tragen im japanischen Original ein Musikstück im Titel, doch das wurde in zwei Fällen von den deutschen Fassungen verleugnet, die mit Verweisen auf die jeweils zentrale Liebeshandlung locken wollten.

          „Naokos Lächeln“ heißt in Japan nach einem Lied der Beatles „Norwegisches Holz“ (noruwei no mori), „Gefährliche Geliebte“ ist eigentlich „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ benannt - die erste Hälfte verdankt sich dem Titel des Standards „South of the Border“ von Nat King Cole.

          Immerhin trägt dieser Roman seinen authentischen Titel seit vergangenem Jahr endlich auch auf Deutsch, denn Dumont, Murakamis hiesiger Verlag von Beginn an, hat ihn noch einmal übertragen lassen, diesmal von Ursula Gräfe aus dem Japanischen, nachdem 2000 aus Bequemlichkeit noch die englische Übersetzung herangezogen worden war, was damals eine heftige Diskussion über die Zulässigkeit einer solchen Version aus zweiter Hand ausgelöst hatte. Für die willkürliche Änderung des Titels durch den deutschen Verlag - im Englischen heißt er originalgetreu „South of the Border, West of the Sun“ - hatte sich dagegen niemand interessiert.

          Liszts grundlose Traurigkeit

          Dabei ist Murakami ein Autor, der es wie kaum sonst einer beherrscht, Stimmungen zu erzeugen, auch und gerade durch Namen. Seine Bücher sind für ihn dabei mindestens ebenso sehr Persönlichkeiten wie deren Figuren, und ihre Titel sind deshalb im buchstäblichen Sinne bezeichnend. Die „Pilgerjahre“ aus dem jüngsten Werk zitieren Franz Liszts 1855 veröffentlichte „Années de pèlerinage“, einen Zyklus von Klavierstücken, den Tsukuru in seiner Studentenzeit kennenlernte, nach der Verstoßung aus dem Freundeskreis.

          Besonders beeindruckte ihn davon „Le mal du pays“, weil es so genau dem eigenen Zustand entsprach: „Allgemein heißt das so etwas wie Heimweh oder Sehnsucht, aber genaugenommen ist es die ,grundlose Traurigkeit, die eine ländliche Idylle im Herzen der Menschen weckt‘. Der Ausdruck ist schwer zu übersetzen.“

          Rätselhafte Anspielungen

          In „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ gibt es eine ähnliche Affinität zur Musik, zum Titelstück wie zu einem anderen amerikanischen Klassiker, „The Star-Crossed Lovers“ von Duke Ellington. Sobald das Stück erklingt, erinnert sich auch Hajime an sein Dasein als Student, und man darf angesichts der Wiederkehr dieses Motivs ein autobiographisches Bekenntnis Murakamis darin sehen: „Wann immer die träge, schöne Melodie ertönte, musste ich an diese Zeit denken. Ich konnte nicht behaupten, dass sie glücklich gewesen war. Mein Leben war damals voller unerfüllter Sehnsüchte gewesen. Ich war jünger, hungriger und einsamer, aber auf eine einfache, klare Weise ich selbst. Damals spürte ich, wie jeder Ton der Musik, die ich hörte, jede Zeile der Bücher, die ich las, in mich eindrang. Meine Sinne waren scharf wie Klingen. In meinem Blick leuchtete ein helles Licht, das andere durchdrang. So war ich damals.“ Diese letzte lapidare, aber entscheidende Bekräftigung fehlte übrigens in „Gefährliche Geliebte“, der ursprünglichen Übersetzung des Romans aus dem Englischen.

          Man muss die Spuren ernst nehmen, die Murakami in seinen Details auslegt, namentlich in der Musik. Wenn man sich „Le mal du pays“ anhört, wird man verstehen, was Tsukuru daran so bewegte. Das Stück beginnt mit einer klagenden Folge von jeweils vier Tönen, und natürlich wird damit die Erinnerung an die vier verlorenen Freunde evoziert. Zudem entstammt das Stück dem ersten Teil von Liszts „Années de pèlerinage“, der mit „Suisse“ betitelt ist.

          Der symbolische Kaiser

          Die Schweiz aber weckt bei Japanern die Assoziation mit Schnee, und damit sind wir beim „Weiß“, wie jenes der beiden Mädchen der Clique auf Japanisch gerufen wurde, in das Tsukuru verliebt war: Shiro (weiß) als Kurzform ihres Nachnamens Shirane (weiße Wurzel). Das andere Mädchen hieß mit Familiennamen Kurono (schwarzes Feld), die beiden Jungen Akamatsu (Rotkiefer) und Oumi (blaues Meer). Nur Tsukuru Tazaki trägt keine Farbe im Namen.

          Solch ein Namensspiel mag dem westlichen Leser gesucht wirken, doch die meisten japanischen Namen sind derart sprechend. Auch das ungewöhnliche „1Q84“ als Romantitel ist für Murakamis Landsleute sofort verständlich, weil es, japanisch ausgesprochen, genauso klingt wie „1984“. Doch über die Vieldeutigkeit der asiatischen Sprachen hinaus ist der Verweis auf die Farben im neuen Buch auch hochsymbolisch. Weiß ist in Japan die Farbe des Todes, und es ist kein Zufall, dass Shiro diesen Namen trägt. Und wenn man über die Farbe nachdenkt, die Tsukuru in diesem Quintett zukäme, so bliebe angesichts von Schwarz, Weiß und den beiden Grundfarben Blau und Rot nur noch Gelb. Das aber ist in Japan die Farbe des Kaisers.

          Vielleicht war alles nur ein Traum

          Tsukuru ist gar nicht farblos, er empfindet sich nur so, dabei ist er die farbigste Figur. Kompensation findet er wie auch schon Hajime in „Südlich der Grenze, westlich der Sonne“ in erotischen Träumen, doch sie sind verstörend. In ihrer surrealen Welt findet Murakami zu einer Beschreibungsgenauigkeit, die nicht anders genannt werden kann als unheimlich. Ihm gelingt es, Traum und Wirklichkeit in seinen Büchern so ineinander übergehen zu lassen, dass die Grenzen verschwimmen und die Nachtmahre zutage treten.

          Ein Musterbeispiel dafür ist Murakamis Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ aus dem Jahr 2005, die jetzt erstmals auf Deutsch publiziert wird, eigens illustriert von der Berliner Zeichnerin Kat Menschik, die bereits zwei andere Geschichten des Schriftstellers grandios bebildert und ihn damit auch selbst begeistert hat.

          „Die unheimliche Bibliothek“ erzählt von einem Halbwüchsigen, der sich Bücher ausleihen will und vom Bibliothekar in die tiefsten Keller des Gebäudes verschleppt wird, wo man ihn fortan gefangen hält. In der Person eines ihn mit Essen versorgenden Schafmanns, der direkt der japanischen Geisterwelt der yokai entsprungen sein könnte, findet der Junge eine Vertrauensperson, die ihm zur Flucht verhilft. Doch draußen scheint die Zeit stillgestanden zu sein, und ob alles nicht doch nur ein Traum war, kann nicht einmal der Erzähler selbst entscheiden, dem das Schlimmste noch bevorsteht.

          Haruki Murakami gilt seit Jahren als der heißeste Favorit auf den Literaturnobelpreis.
          Haruki Murakami gilt seit Jahren als der heißeste Favorit auf den Literaturnobelpreis. : Bild: dpa

          Es sind auch solche Kabinettstückchen der Erzählkunst, die Murakami als einen Meister erweisen, der zu Recht seit Jahren als der heißeste Favorit auf den Literaturnobelpreis gilt. Mit jedem Buch, das er beim Warten auf die überfällige Auszeichnung schreibt, beschämt er das Nobelpreiskomitee aufs Neue.

          „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ endet mit einer der hoffnungsvollsten Erkenntnisse, die Murakamis Protagonisten bislang vergönnt gewesen sind: „Nicht alles verschwindet im Fluss der Zeit“, stellt Tsukuru fest. „Damals haben wir bedingungslos an etwas geglaubt. Wir hatten die Fähigkeit, an etwas zu glauben. Sie kann doch nicht so einfach völlig verschwunden sein.“ Die Zuversicht der Jugend - das ist das, was alle Figuren in diesen Büchern zu bewahren suchen. Das macht die Murakami-Masche so ewig jung.

          Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln 2014. 318 S., geb., 22,99 €.

          Quelle: F.A.Z.

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