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Hanna Schygulla: „Wach auf und träume“ : Die einzig wahre Diva, die wir brauchen

Bild: Verlag

In ihrer Autobiographie macht Hanna Schygulla kein Geheimnis aus ihrem Leben - und bleibt eine geheimnisvolle Frau. „Wach auf und träume“ ist ein hinreißendes Buch über die Sorge für sich selbst und für andere.

          Es ist nicht klar, ob Hanna Schygullas umwerfende Art zu sprechen überhaupt bayrisch ist. Es ist eher ein Idiolekt, ein nur ihr eigener Tonfall, dem Singen nah. Vielleicht nährt diese Sprache sich schon aus frühester unbewusster Erinnerung an die Zeit allein mit der Mutter, die mit ihr 1945 aus Schlesien nach München fliehen muss, ohne den Vater bis 1948.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ihre Stimme hat sie mit ihrem Leib zu jenem fesselnden Gestus vereint, der Rainer Werner Fassbinders Filmen allererst eine Seele gab; ohne Hanna Schygullas somnambulen Glanz wäre dieser große deutsche Regisseur in seinem kurzen Leben vielleicht bloß ein ambitioniert schwermütiger Filmemacher geworden, wer weiß. Hanna Schygulla würde das aber so niemals selbst behaupten.

          Die Vorstadt-Marilyn der sechziger

          Wirklich schwingt diese spezielle Melodie ihres Sprechens in ihrer Autobiographie mit, als rede sie, sanft von Satz zu Satz gleitend, direkt zu ihrem Leser, erzähle genau für ihn, für jeden Einzelnen. Es ist ein sehr persönliches Buch, das manch unverhofften Einblick in ihr privates Leben erlaubt. Doch dieses Geheimnis, das sie immer umgeben hat - wie ein opaker Halo - und fort und fort umgibt, lüftet es nicht. Das geschieht nicht in der Absicht von Selbstmystifizierung, sondern aus einer Haltung, die sich nicht anmaßt, die Dinge des Lebens, auch die des eigenen, im Innersten verstehen zu können.

          Dabei gelingt es ihr, die am 25. Dezember siebzig Jahre alt geworden ist, das Schicksal einer Kindheit im unmittelbaren Nachkrieg zu schildern, überschattet von unverheilten Wunden, erhellt von ausgelassenen Spielen in den Hinterhöfen des zertrümmerten München, wo sie aufwuchs, erfüllt von den sehnsüchtigen Wünschen eines frühreifen Mädchens. Eine „Westentaschen-Diva“ nennt einmal ein Lehrer sie, die als „Vorstadt-Marilyn“ den Weg des Ruhms Ende der sechziger Jahre antreten wird - getragen von einer Zuversicht, der nichts so fremd ist wie Kalkül.

          Fassbinder, Godard und García Márquez

          Hanna Schygulla beginnt ihren récit in Kattowitz, am Heiligabend 1943. Der Arzt hatte, um selbst in Ruhe feiern zu können, ihrer Mutter eine Spritze gegeben, „als ich schon im Kommen bin“: „Fängt es damit an, dass ich so einen Horror habe vor dem Steckenbleiben?“ Wie um das „Steckenbleiben“ zu verhindern, mäandert sie durch ihr Leben, auf Haupt- und Nebenwegen, statt es in das Korsett einer Chronologie zu zwingen - kein rückblickendes Abspulen eines Fadens, sondern ein dichtes Gewebe aus gestern, heute und morgen.

          Hanna Schygulla hat einen klugen Rückblick auf ihr Leben geschrieben.
          Hanna Schygulla hat einen klugen Rückblick auf ihr Leben geschrieben. : Bild: Röth, Frank

          Gleich im ersten, dem längsten Kapitel widmet sie sich auch ihrer Arbeit mit Fassbinder, bis hin zur äußersten Anstrengung von „Lili Marleen“ 1980: Es ist ein wenig, als wolle sie das würdig hinter sich bringen, sie ist nicht sein, sondern ihr eigenes Geschöpf. Fassbinder stirbt 1982, seine letzten zwei Filme hat er ohne sie gedreht. Dann fährt sie woanders, später fort, in Paris, ihrer Wahlheimat für so viele Jahre, mit Menschen, die ihr nahekommen und -bleiben, Regisseure - Godard, Wajda, Ferreri - darunter, Gabriel García Márquez oder ihre Begleiterin Alicia Bustamante.

          Auf das bayrische Land

          Am Ende ihres Vorworts, „Immer gleich und doch verschieden“ überschrieben, steht ein Leitspruch: „Auch in der Liebe gibt es die liebgewordenen Gewohnheiten, doch wenn der Traum so gänzlich entweicht, fällt sie in sich zusammen, und auch dann gilt es: entweder gehen oder hochfahren aus dem Halbschlaf und sie zu neuem Leben erwecken: ,Wach auf und träume‘.“ Dann ist die Liebe wärmer als der Tod.

          Das kann für die Liebe zu einem Mann gelten, wie die zu ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem französischen Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, der sie nicht so weiterliebt, wie sie es sich erträumte, mit einem eigenen Kind. Aus ihrem Schmerz darüber macht sie keinen Hehl, aber nicht das geringste Getue. Dafür lässt sie die schwierige Liebe zu ihren Eltern auferstehen, scharfsichtig innig. Ihre Eltern zu begleiten bei den letzten möglichen Rendezvous, auf dem bayrischen Land, entscheidet sie sich, am Zenit ihrer Karriere.

          „Wach auf und träume“ ist keine Heldinnen-Legende, sondern der vielfach gebrochene Spiegel, aus dem eine sinnlich kluge Frau zurückblickt, die dem in den Sechzigern und Siebzigern revoltierten Nachkriegsdeutschland ihre Schönheit geschenkt hat. Hanna Schygulla soll bald wiederkommen, in einer weiteren Rolle ihres Lebens.

          Hanna Schygulla: „Wach auf und träume“. Die Autobiographie. Schirmer/Mosel, München 2013. 197 S., zahlr. Abb., geb., 19,80 €.

          Quelle: F.A.Z.

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