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Friederike Mayröcker: études : Kein Hinscheiden, kein Abschied, kein Unisono

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Bild: Suhrkamp

Was für eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache: Friederike Mayröcker erweist sich in ihren „études“ als Meisterin des Prosagedichts.

          Ein kraftvolles, leidenschaftliches, lebensvolles, expressives Buch, diese Etüden einer neunundachtzig Jahre alten großen Dichterin! Über zwei Jahre hinweg, vom 22. Dezember 2010 bis zum 16. Dezember 2012, hat Friederike Mayröcker in den frühen Morgenstunden ihre „études“ geschrieben, jeweils mit dem Entstehungsdatum versehene Texte, die manchmal nur wenige Zeilen umfassen und kaum länger als eine Druckseite sind: Textkonzentrate ihrer Träume und Erinnerungen, ihrer Begegnungen und Lektüren, ihrer Wahrnehmungen und Empfindungen vor dem Hintergrund des Wechsels der Jahreszeiten - Lebenskonzentrate mithin. Formal hat sie sich dabei von Francis Ponges Prosagedichten anregen lassen, thematisch ist sie ganz bei sich selbst geblieben. Der Grad der darstellerischen Verdichtung allerdings, den sie in diesen Texten von altersloser Kraft erreicht, ist staunenswert.

          Natürlich weiß sie, dass sie dem Leser mit ihrem schriftstellerischen Verfahren der bricolage, der Bastelei, den Zugang zu diesen Texten nicht leicht macht; vieles ist rätselhaft, manches bleibt unzugänglich, anderes wiederum ist so privat, dass der Leser ausgeschlossen bleibt: „alles nur Bricolage“, so heißt es gleich zu Beginn, damit der Leser weiß, worauf er sich einlässt. Aber die Technik der Bricolage, Ereignisse und Zeichen in ungewohnte und überraschende Kontexte zu stellen, führt zu einer Entautomatisierung und Intensivierung der Wahrnehmung, die den Leser, je mehr er sich auf die Bildkraft und den schöpferischen Wahnwitz dieses Buches einer bekennenden „Postsurrealistin“ einlässt, süchtig machen können. Zumal Friederike Mayröcker dem Leser, bevor er sich in dem Verhau dieser Texte verliert, mit leichter Hand und einiger Ironie die Wege ebnet: „Bevor der Leser abspringt weil ihm die Luft der Lektüre zu dünn geworden ist, biete ich ihm einen Happen Verständlichkeit“. Was sie ihm dagegen nie bietet, ist Erzählung; ihrer Aversion gegen alles Erzählen verdankt das Buch sogar sein Jean-Paulsches Motto: „Und ich hasse doch, sogar im Roman, alles Erzählen so sehr.“ Stattdessen breitet sie in ihren Etüden bildgesättigte „Flächen von wildem Sprach Fleisch ich meine Flächen von wilden Sprach Elementen“ aus. Tatsächlich sind diese Etüden von herrlicher Wildheit.

          Närrisch schwer von Schlaf

          Bezaubernd an Mayröckers neuen Texten ist die bildpräzise Erinnerungsintensität, die immer wieder in die Zeit der Kindheit zurückgreift, die Gestalt des Vaters und öfter noch die der Mutter in kurzen Rückblicken aufscheinen lässt, den hier ohne Namen bleibenden Lebensgefährten, der vor dreizehn Jahren gestorben ist, für Augenblicke in die Gegenwart zurückholt, die Begegnungen und Gespräche eines langen Lebens wachruft: „närrisch schwer von Schlaf in meiner Göttin Erinnerung“, der sie die Rettung der flüchtigen Phänomene anvertraut. Der Weite der Erinnerungsräume, die diese Göttin mit zeitenthobener Sinnlichkeit öffnet, steht in diesen Texten die schmerzliche Erfahrung der Enge der Lebens- und Erfahrungsräume gegenüber, in die sich die Existenz des alten Menschen zurückzieht.

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