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Edmond & Jules de Goncourt: Journal : Ihre Gunst schwankte, ihr Urteil nie

Bild: Haffmans Verlag

Siebentausend Seiten und keine davon langweilig: In den nun erstmals komplett auf Deutsch erschienenen Tagebüchern der Brüder Goncourt lässt sich eine ganze Epoche mit ihrer Kultur und ihrer Politik erleben und erlesen.

          Seit drei Wochen habe ich im neunzehnten Jahrhundert gelebt, zumindest einige Stunden täglich, und nach jeder dieser Zeitreisen war das Widerstreben zurückzukehren groß, denn so lebendig, wie die Goncourts ihre Epoche, die Zeit von 1851 bis 1896, schildern, kann die Gegenwart kaum sein. Ein Beispiel? Gehen wir hundertfünfzig Jahre zurück nach Paris und mitten hinein in eine Unterhaltung vom 11. Mai 1863, geführt im Restaurant Magny. Unter den Teilnehmern: die Schriftsteller Charles-Augustin Sainte-Beuve, Ernest Renan und Théophile Gautier, die Journalisten Auguste Nefftzer und Paul de Saint-Victor sowie natürlich Edmond de Goncourt und sein Bruder Jules, der dieses höchst prominent besetzte Streitgespräch über Literatur aufnotiert hat.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Nun ja“, sagt Edmond, „Homer beschreibt nur körperliche Leiden. Bis zur Beschreibung seelischer Leiden sind es Welten. Der schlechteste psychologische Roman berührt mich mehr als Homer.“

          „Oh! sagen Sie bloß“, ruft Saint-Victor.

          „Ja, Adolphe, Adolphe berührt mich mehr als Homer.“

          „Das ist ja zum aus dem Fenster Springen, wenn man so was hört“, ruft Saint-Victor, während ihm die Augen aus dem Kopf treten. Man hat auf seinem Gott herumgetrampelt, man hat auf seine Hostie gespuckt. Er schreit, er stampft mit den Füßen. Er ist knallrot, als hätte man gerade seinen Vater geohrfeigt. „Die Griechen sind unumstößlich ... Er ist verrückt ... Kann man wahrhaft ... Das ist göttlich ...“

          Es herrscht ein einziges Stimmengewirr. Alles redet. Eine Stimme trompetet: „Aber der Hund von Odysseus ... - Homer, Homer ...“, ruft Sainte-Beuve mit der Pietät eines Predigers. Ich rufe Sainte-Beuve zu: „Und wir sind die Zukunft!“

          „Ich glaube ja“, bemerkt Sainte-Beuve traurig.

          Selbstbewusst auf fast siebentausend Seiten

          In der Tat: Den Goncourts sollte die Zukunft gehören, und es gibt keinen Grund, darüber traurig zu sein. Außer, dass es so lang gedauert hat, bis die Zukunft anbrach, in Frankreich bis 1956, in Deutschland sogar bis 2013. Das sind die Jahre, in denen in den jeweiligen Sprachen erstmals komplett jenes Buch erschien, das die Goncourts schon in ihrer Zeit berühmt (und berüchtigt) gemacht hatte, das aber zunächst nur in stark bearbeiteten Auszügen erschien: das „Journal“, ihr Tagebuch, das am 2. Dezember 1851, dem Tag des Staatsstreichs von Napoleons Neffen Charles-Louis-Napoléon Bonaparte, begonnen und am 3. Juli 1896, dreizehn Tage vor dem Tod des überlebenden Bruders Edmond, beendet wurde. 45 Jahre lang wurde es akribisch geführt, wurde alles festgehalten, was die Brüder interessierte. Und das war viel: Der Umfang addiert sich in der jetzt endlich vollendeten deutschen Komplettübersetzung auf fast siebentausend Seiten. Keine davon ist überflüssig, keine langweilig.

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