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Drei Mal Sylvia Plath : Wer sich vorwagt, lebt gefährlich wie die Kolumbus-Krabbe

Bild: siehe Verlage

Werke und Tage: Fünfzig Jahre nach dem Tod von Sylvia Plath bereichern zwei Gedichtbände und eine Biographie das Bild der amerikanischen Dichterin.

          Das Jahr 1963 beginnt bitterkalt. Sylvia Plath, einige Monate zuvor von ihrem Mann betrogen, lebt seit kurzem mit ihren zwei kleinen Kindern in London. Sie hat kein Telefon, die Wasserleitungen frieren ein, was das Windelwaschen erschwert, den Kinderwagen schiebt Plath für Besorgungen mühselig durch Eis und Schnee. Sie schreibt mit demselben Furor, mit dem sie Anfang Dezember die Texte für ihren neuen Gedichtband „Ariel“ vollendet hat. Allein zwischen dem 28. Januar und dem 5. Februar entstehen zwölf neue Gedichte.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber da sind auch Kummer, Kampf und Erschöpfung. Sie bahnen einer Wiederkehr der psychotischen Schübe den Weg, die Plath zehn Jahre zuvor schon einmal hat durchmachen müssen. „Alles ist aufgeblasen & sprudelig & verzerrt & gespalten“, notiert sie. In der Nacht zum 11. Februar bereitet sie für ihre schlafenden Kinder Brot und Milch zu, trägt das Frühstück ins Kinderzimmer, dessen Tür sie mit Klebeband versiegelt, dreht in der Küche das Gas auf, stirbt und beginnt ihre Verwandlung zum literarischen Totemtier, angebeteten Opferlamm und Schutzgeist schreibender und lesender Frauen, dessen Kult Ted Hughes, dem verräterischen Ehemann, von den Parteigängern Plaths mehrere Jahrzehnte lang immer wieder symbolisch oder im Kampf um die Beschriftung ihres Grabsteins in Yorkshire auch real entrissen werden muss. Hughes hat nicht nur das Unglück seiner Frau überlebt und arbeitet weiter an seinem eigenen dichterischen Werk, sondern besitzt auch noch die Verfügungsgewalt über Plaths Nachlass. Er bringt Teile heraus und hält andere zurück.

          Die unbarmherzige Wahrheit

          In den Jahren, in denen Sandra Gilbert und Susan Gubar in der Gestalt der Wahnsinnigen auf dem Dachboden das Emblem für die Zwänge entdecken, denen schreibende Frauen im neunzehnten Jahrhundert ausgesetzt waren, verweist die Figur der Dichterin mit dem Kopf im Backofen für ihre Leser auf die Tatsache, dass der Weg der Künstlerin im zwanzigsten Jahrhundert noch immer von Männern abhängig ist und ins Pathologische abgedrängt wird. Plaths Tod wird als so zeichenhaft empfunden, dass Anne Sexton, die ebenso von suizidalen Depressionen heimgesuchte Lyrikerin, mit der Plath sich 1959 in Boston anfreundete, ihrem Therapeuten anvertraut: „Dieser Tod gehörte mir.“

          Bild: Edition Fünf

          So berichtet es Diane Middlebrook in „Du wolltest deine Sterne - Sylvia Plath und Ted Hughes“, der Doppelbiographie des Dichterpaares, die in den Vereinigten Staaten vor zehn Jahren erschienen ist und nun endlich auf Deutsch vorliegt. Middlebrook, die vor sechs Jahren gestorbene langjährige Professorin für Feministische Studien in Stanford, hat zum Wert des Überlebens von Mensch oder Werk ihre eigene Meinung. Das Wissen des Lesers über den Februar 1963, schreibt sie, beeinflusse jeden Versuch, Plath und Hughes als Paar zu verstehen. Nur allzu leicht lasse sich die Geschichte der beiden zur Tragödie mit schrecklichem Ende stilisieren. Dagegen stellt sie folgende Beobachtung: „Angesichts ihres künstlerischen Erbes muss man sagen, dass - außer ihrem Leben - nichts geendet hat.“ Das ist die unbarmherzige, aber den von Plath und Hughes selbst gesetzten Prioritäten auf erfreuliche Weise angemessene Haltung zum Zusammenleben der beiden Dichter, die sich am 25. Februar 1956 auf einer Party in Cambridge begegneten und sich im Sommer 1962 trennten.

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